Akademiker aus Asien: Gebildet, jung - und heiß umworben

Akademiker aus Asien: Gebildet, jung - und heiß umworben

, aktualisiert 21. Dezember 2011, 10:40 Uhr
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Deutschland gehen die Akademiker aus. Immer mehr Firmen holen sich ihren Nachwuchs aus Indien und China.

von Claudia ObmannQuelle:Handelsblatt Online

Weil Deutschland die Akademiker ausgehen, blicken Firmen zunehmend auf die emporstrebenden Schwellenländer Indien und China. Dort wartet eine junge, gut ausgebildete und karrierehungrige Elite auf ihre Chance.

DüsseldorfMit so viel Resonanz auf die erste Stellenausschreibung des badischen Sanitärherstellers Hansgrohe in der „Times of India“ hatte im Schwarzwald keiner gerechnet: Binnen 24 Stunden waren online mehr als 3.500 Bewerbungen für die Position eines Personalmanagers eingegangen. „Auch nachdem wir gesiebt hatten, blieben immer noch 300 interessante Kandidaten übrig“, sagt Vertriebsleiter Nicholas Matten über seinen Versuchsballon.

Die internationale Personalsuche wird für deutsche Konzerne, aber auch für den Mittelstand immer wichtiger – aus mehreren Gründen. Zum einen, weil Wachstumsmärkte erschlossen werden wollen, allen voran Brasilien, Russland, Indien und China. Und dafür sind Experten aus vielen Bereichen gefragt: Marketing und Vertrieb, Finanzen und Verwaltung, aber auch Ingenieure und natürlich IT-Spezialisten.

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Außerdem sind qualifizierte Kräfte in Deutschland bald Mangelware: Prognosen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung zufolge werden wegen des demografischen Wandels – weniger Kinder, mehr Senioren – 2025 im Vergleich zu heute fast 3,5 Millionen Erwerbstätige fehlen.

Besonders große Sorgen bereitet der Anteil der Hochqualifizierten – bislang Garant für Innovationen „Made in Germany“. Doch ihre Zahl ist seit fünf Jahrzehnten kaum gewachsen. Wie aus dem aktuellen OECD-Bildungsbericht hervorgeht, erwarb in Deutschland vor 50 Jahren knapp jeder fünfte junge Erwachsene einen Hoch- oder Fachschulabschluss beziehungsweise einen Meisterbrief. Aktuell liegt die Quote mit 25 Prozent nicht wesentlich höher.

Lag Deutschland einst im Mittelfeld jener 24 Länder, für die Daten vorhanden sind, so ist die Bundesrepublik inzwischen auf einen der untersten Plätze abgerutscht. Mit Besserung ist nicht zu rechnen – im Gegenteil. Setzen sich die Abschlussquoten der 25- bis 34-Jährigen fort, wird in Frankreich, Irland, Japan und Korea der Anteil der Hochgebildeten stärker ansteigen als in anderen OECD-Ländern. Deutschland indes wird weiter zurückfallen. „Der Fachkräftemangel ist die stärkste Bedrohung für Wohlstand und Wirtschaft auf mittlere Sicht“, sagt Arbeitsministerin Ursula von der Leyen.


Ein Arbeitgeber - 73 Nationen

Schon jetzt fehlen in Deutschland rund 150.000 Akademiker nur in den Fächern Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik. Experten, die in anderen Regionen der Welt durchaus verfügbar sind. Die größten Talentpools befinden sich in Indien und China: Bereits heute kommen etwa 21 Prozent aller 255 Millionen Absolventen von Unis, Fachschulen oder Berufsakademien weltweit aus dem Reich der Mitte. Das besondere Augenmerk gilt Frauen: Vor 30 Jahren noch kaum auf Gehaltslisten internationaler Konzerne zu finden, stellen sie heute schon deutlich über die Hälfte der weltweiten Bildungselite.

Deutsche Arbeitgeber müssen also Mitarbeiter anwerben, die sie bislang wenig beachtet haben. Ehrgeizige Berufseinsteiger aus den Schwellenländern haben meist mit Hilfe ihrer Eltern viel Geld in ihre Ausbildung gesteckt. Weil sich das für die ganze Familie auszahlen soll, zeigen sie sich äußerst flexibel und mobil bei der Stellensuche: Wo ein Spitzenangebot winkt, ziehen sie hin.

Wie global der Arbeitsmarkt geworden ist, belegt eine Studie der GfK, für die mehr als 30.000 Arbeitnehmer in 17 Ländern befragt wurden: Demzufolge würde bereits jeder dritte Hochschulabsolvent seine Heimat für ein gutes Jobangebot verlassen. Die Quote derjenigen Talente mit Doktor- oder vergleichbarem PhD-Titel liegt sogar noch höher. Studienleiterin Ingrid Feinstein sagt: „Der Umzug in ein anderes Land ist für viele kaum beängstigender als ein Wechsel des Arbeitgebers.“

73 Nationen bei Vodafone Deutschland
So wundert es nicht, dass etwa in der Düsseldorfer Deutschland-Zentrale des Mobilfunkanbieters Vodafone schon heute Kollegen aus 73 Nationen arbeiten, vom Marokkaner im Vertrieb bis zur indischen Ingenieurin. „Unter den sehr gut ausgebildeten ausländischen Arbeitskräften stechen häufig Inder durch ihre hohe Flexibilität und ihr Fachwissen hervor. Das und ihr großes Engagement zeichnen sie für Fach- und Führungspositionen weltweit aus“, sagt Dirk Barnard, Personalchef von Vodafone.

Gut ausgebildet, leistungsorientiert und in mehreren Kulturen zu Hause – auch der deutsche Chemie-Multi BASF gewinnt nicht nur seit Jahren Ingenieure und Naturwissenschaftler aus dem Ausland, sondern schreibt inzwischen jede Vakanz weltweit über Online-Jobbörsen aus. Rund 20 Prozent der unbefristeten Stellen in der Firmenzentrale in Ludwigshafen besetzt BASF so mit ausländischen Hochschulabsolventen, vor allem mit Franzosen, Amerikanern, Russen, Chinesen, Mexikanern und Spaniern.


Wie Firmen auf internationale Talentförderung setzen

„Wir sind davon überzeugt, dass wir mit einem vielfältig zusammengesetzten Team erfolgreicher sind“, sagt Dr. Linda von dem Bussche, Leiterin des Talent-Managements. Um für Frauen aus anderen Kulturkreisen oder Anhänger fremder Religionen interessanter zu werden, engagieren sich mehr als 150 BASF-Mitarbeiter weltweit neben ihrer eigentlichen Tätigkeit als sogenannte Diversity-Botschafter. BASF-Führungskräfte müssen sich sogar an ihren persönlichen Fortschritten in Sachen Vielfalt messen lassen. Dafür hat der Chemiemulti gerade den Deutschen Diversity Preis erhalten. Wer international die besten Arbeitskräfte einstellen und auch behalten will, konkurriert nicht nur mit Wettbewerbern im eigenen Land, sondern mit Arbeitgebern in aller Welt.

Die VW-Talentbank hat 1.900 Namen
Deshalb setzt der deutsche Volkswagen-Konzern verstärkt auf internationale Talentförderung. Im Jahr 2011 hat der Autobauer weltweit 7.500 Akademiker direkt von der Hochschule eingestellt, davon 3.100 in Deutschland. Der Leiter der Personalentwicklung im VW-Konzern, Ralph Linde, sagt: „Um die besten Absolventen zu gewinnen, verstärken wir das Hochschulmarketing, vor allem im Bereich Social Media.“ In seine studentische Talentbank nimmt der Autobauer junge Menschen auf, die schon als Praktikanten positiv auffallen. Rund 1.900 Frauen und Männer sind darin aktuell zu finden. „Wir pflegen den Kontakt zu diesen Nachwuchskräften, vermitteln Praktika im In- und Ausland sowie Themen für Abschlussarbeiten. Die geförderten Talente haben beste Einstiegschancen bei uns“, sagt Linde.

Das Verwöhnpaket für die junge Elite wird neuer Standard. Denn egal, ob aus Europa, Amerika oder Asien kommend: Die umworbenen Talente wollen von Beginn ihrer Karriere an individuell betreut werden. Insgesamt sinkt die Loyalität zum Arbeitgeber, und die Gehälter klettern insbesondere in den boomenden Schwellenländern rasant. Yara Schiller, Unternehmensberaterin bei Kienbaum Communications, sagt: „In Brasilien oder China wechseln Fachkräfte schon für ein Gehaltsplus von 20 Euro den Arbeitgeber. Also müssen sich Unternehmen dort besonders attraktiv präsentieren, um der hohen Fluktuation vorzubeugen.“ Und Vodafone-Manager Dirk Barnard bestätigt aus Personalersicht: „In China, Russland oder Indien ist es schwieriger als in Deutschland, selbst Personal zu entwickeln.“

Jobwechsel für 20 Euro Gehaltsplus
Erschwerend kommt hinzu, dass Unternehmen, die in Europa zu den Toparbeitgebern zählen, außerhalb des Kontinents völlig unbekannt sind. „Wir haben nicht die Strahlkraft deutscher Automarken, die ja inzwischen beinah jeder Chinese kennt“, sagt Gunther Olesch, Personalchef bei Phoenix Contact, Elektronik-Produzent im westfälischen Blomberg mit 48 Niederlassungen weltweit. Dennoch bekommt er Monat für Monat rund 1.000 Initiativbewerbungen aus der ganzen Welt.

Geschickt setzt Olesch zwei praxisnahe Attraktionen für junge Nachwuchskräfte ein: Die internationale Auszeichnung von Phoenix Contact als „Great Place to work“ wirkt auf Hochschulmessen im Ausland wie ein Magnet. Und mit einem nur 30-sekündigen Video auf Youtube zum firmeneigenen Studenten-Wettbewerb Xplore macht der deutsche Personalprofi kreative Ingenieurs-Talente auf sich aufmerksam. Den Siegern, die auf der Hannover Messe 2012 gekürt werden, winken gut dotierte Arbeitsverträge. Für sie ist die neue Phase der Globalisierung eine schöne Phase.


Quelle:  Handelsblatt Online
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