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Alfred T. Ritter: "Eine 30-Millionen-Strafe wäre das Ende"

von Christoph Schlautmann Quelle: Handelsblatt Online

Ritter-Sport-Chef Alfred T. Ritter will seine Firma dichtmachen, wenn das Kartellamt seine Bußgelddrohung wahrmacht. Der Mittelständler über steigende Rohstoffpreise, den Auslandsumsatz und seine Freude am süßen Geschäft.

Alfred T. Ritter: Der Unternehmer will mittelfristig die Hälfte des Umsatzes im Ausland erzielen. Quelle: handelsblatt.com
Alfred T. Ritter: Der Unternehmer will mittelfristig die Hälfte des Umsatzes im Ausland erzielen. Quelle: handelsblatt.com

Handelsblatt: Herr Ritter, im Juli kaufte der britische Spekulant Anthony Ward sieben Prozent der Weltkakaoernte. Der Rohstoffpreis legte um ein Viertel zu. Rutscht Ritter Sport damit 2010 in die roten Zahlen?

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Alfred T. Ritter: Nein, wir planen noch mit keinen Verlusten. Aber eigentlich ist es an der Zeit, die Preise zu erhöhen.

Handelsblatt: Die steigende Nachfrage nach Rohstoffen in den Schwellenländern - darunter auch Nüsse, Milch und Getreide - wird die Achterbahnfahrt der Preise verstärken. Wird Lebensmittelherstellung ein Geschäft für Zocker?

Ritter: Das Geschäft wird jedenfalls hochriskant. Wetter und Missernten spielen heute nur noch eine Nebenrolle. Alles hängt davon ab, ob die Spekulanten gerade in die Märkte rein- oder rausgehen.

Handelsblatt: Auch Sie ordern per Warentermingeschäft - und sind damit selbst ein Spekulant.

Ritter: Zu einem Teil zwangsläufig. Aber wir machen nicht das Spiel, Kontrakte, nachdem wir sie erworben haben, wieder zu verkaufen.

Handelsblatt: Vielen mittelständischen Lebensmittelherstellern fehlt der Finanzpuffer. Steht eine Pleitewelle bevor?

Ritter: Die Gefahr ist groß. Die Gewinnspannen im Schokoladengeschäft sind zu gering, um solche Rohstoff-Preiserhöhungen einfach wegzustecken. Gleichzeitig können wir sie nicht beliebig an den Handel weitergeben. Dort herrscht ein Oligopol fünf großer Ketten, das fast 90 Prozent des Marktes beherrscht. Und die juckt wenig, wie es uns geht.

Handelsblatt: Vor drei Jahren erhöhten Sie im Konzert mit Nestlé, Ferrero, Mars und Co. auf einen Schlag die Verkaufspreise - und riefen sich damit das Kartellamt ins Haus. Sitzen Sie in der Klemme?

Ritter: Das Kartellamt kam auf die glorreiche Idee: Die haben sich bestimmt alle abgesprochen. Die hätten einfach mal auf die Rohstoffbörse gucken sollen, dann hätten sie gewusst, warum sie alle die Preise erhöhen. Wir hatten im Jahr zuvor defizitär produziert, da mussten wir einfach die Verkaufspreise anheben. Dass unser Aufschlag mit 20 Prozent kräftiger ausfiel als bei Wettbewerbern, weil wir höherwertige Rohstoffe verarbeiten, hat die Kartellbehörde dezent übersehen.

Handelsblatt: Dennoch wirft sie Ihnen Preisabsprachen vor.

Ritter: Es ist absurdes Theater. Wenn wir mit einem großen Handelsunternehmen verhandeln, reden wir über einen zweistelligen Prozentbetrag unseres Umsatzes. Für die aber sind es nicht einmal 0,2 Prozent ihres Geschäftes. Und dann haben wir denen angeblich die Preise diktiert?

Handelsblatt: Gegen Ritter könnte das Kartellamt ein Bußgeld von bis zu 30 Millionen Euro verhängen. Das wäre das Doppelte Ihres Eigenkapitals.

Ritter: Es wäre das Ende. Die Firma wäre zwar nicht von heute auf morgen zahlungsunfähig, aber so sterbenskrank, dass ich sie nicht fortführen würde. Dann hätte das Kartellamt eines erreicht: dass wieder ein Wettbewerber vom Markt verschwindet und hierdurch der Wettbewerb kleiner wird.

Handelsblatt: Von 2006 bis 2008 verlor Ritter Sport zusammengerechnet 2,7 Millionen Euro. Wie lange halten Sie noch durch?

Ritter: Inzwischen schreiben wir wieder schwarze Zahlen, wenn auch keine riesigen, sondern relativ kleine. Wenn das Kartellamt glaubt, wir würden Preise absprechen, um uns unglaublich zu bereichern, sollten sie sich die Ergebnisse einmal anschauen.

Handelsblatt: Klaus Jacobs verkaufte schon vor 20 Jahren sein Milka-Imperium, Hans Imhoff trennte sich gerade noch rechtzeitig von Stollwerck. Wann verlieren Sie den Spaß am Geschäft?

Ritter: Ich habe immer noch eine tierische Freude daran. Mir haben die Unternehmensberater schon in den 80er-Jahren gesagt, es habe gar keinen Sinn, das Geschäft zu behalten. Aber ich zögerte die Entscheidung immer wieder um ein Jahr hinaus - im Ernst: Das ist heute kein Thema mehr. Wir produzieren, was die Qualität betrifft, in einer einsamen Klasse. Und mit diesem Pfund wuchern wir ...

Handelsblatt: ... was Ihnen in der Branche doch lukrative Übernahmeangebote einbringen müsste.

Ritter: Auf dem letzten Kongress des Branchenverbands Sweets Global Network in Berlin habe ich gleich drei erhalten.

Handelsblatt: Haben Mittelständler im Markengeschäft überhaupt noch eine Chance?

Ritter: Es wird schwierig, wenn man sich nur auf Deutschland konzentriert. Denn hier ist die extreme Handelsmacht bestens geeignet, alle Mittelständler vom Markt zu werfen. Man braucht deshalb, wenn man keine ganz klare Nische hat, den Zugang zu Märkten im Ausland. Dann kann's gehen.

Handelsblatt: Doch Ihr Auslandsanteil ist gering. 2008 ging er sogar auf 30 Prozent zurück.

Ritter: Die Preiserhöhung hat uns im Ausland besonders viel Umsatz genommen. Weil jeder Zwischenhändler und Importeur etwas auf unseren Abgabepreis draufgeschlagen hat, wurde die Schokolade in vielen Ländern extrem teuer. Das mussten wir erst lernen. Jetzt aber wachsen wir dort wieder.

Handelsblatt: Der Boom in Indien und China geht an Ihnen vorbei.

Ritter: Nach China exportieren wir durchaus. Dort wandelt sich der Konsumentengeschmack allmählich. In Indien dagegen liegen wir in der Nähe von nichts. Dort kriegen wir keine funktionierende Kühlkette zustande. Dafür sind wir in anderen Boomländern wie Indonesien oder Malaysia vertreten. Mittelfristig wollen wir die Hälfte unseres Umsatzes im Ausland erzielen.

Handelsblatt: Sie sind ein Ein-Produkt-Unternehmen, die Abhängigkeit von der Schokolade ist risikoreich. Denken Sie daran, Ihr Sortiment zu erweitern?

Ritter: Das wäre noch risikoreicher. Schon der Pralinenmarkt hat ganz andere Gesetze als der Markt mit quadratischer Tafelschokolade. So wie wir denken hier in Schwaben übrigens viele Unternehmen. Manche sind mit nur einem Nischenprodukt Weltmarktführer.

Handelsblatt: Sie sind jetzt 57 Jahre alt, Ihr ältester Sohn 32. Bereiten Sie einen Generationswechsel vor?

Ritter: Meine drei Kinder sind bereits an unserer neu gegründeten Holding beteiligt und werden regelmäßig über das Unternehmen informiert. Meine Schwester hat auch zwei Söhne. Ritter Sport wird daher - nach menschlichem Ermessen - eine Familienfirma bleiben.

Handelsblatt: Herr Ritter, vielen Dank für das Gespräch.

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