Allianz-Chef Michael Diekmann über die Finanzmarktkrise: Weitblick und Sicherheit

Allianz-Chef Michael Diekmann über die Finanzmarktkrise: Weitblick und Sicherheit

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Allianz-Chef Michael Diekmann

Der Vorstandsvorsitzende der Allianz, Michael Diekmann, über die Chancen einer nachhaltigen Unternehmenspolitik und die Lehren aus der anhaltenden Finanzmarktkrise.

Mohrrüben. Wer den Nachbarn imponieren will, der pflanzt in seinem Garten Mohrrüben. Die kann er nämlich schon nach kurzer Reifezeit stolz herumzeigen.

Wer dagegen seinen Enkeln etwas hinterlassen will, muss Walnussbäume pflanzen: Lange Wachstumsperiode, geduldige Arbeit, aber der Ertrag ist nachhaltig. Der Vergleich stammt von einem französischen Nationalökonomen des 19. Jahrhunderts. Doch er ist heute unverändert aktuell.

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Immer wieder wird uns suggeriert, auf den Führungsetagen hätten in den letzten Jahren die Möhrenpflanzer die Nussbaumpflanzer verdrängt.

Dieses vermutet auch der renommierte Volkswirt Joachim Starbatty.

Die Allianz, bei Kundenbindung und Ertragsplanung gewohnt in jahrzehntelangen Perioden zu denken, stand immer auf der konservativen Seite.

Nicht allein wegen der geringen Fluktuation an der Führungsspitze in 118 Jahren, sondern aus der Erkenntnis heraus: Wir verlieren unsere Daseinsberechtigung, wenn wir aufhören, finanzielle Sicherheit und Ertrag als generationenübergreifendes Ziel unserer Geschäftsmodelle zu betrachten.

Das ist schließlich der Grund dafür, dass Millionen Kunden weltweit uns ihre Gelder anvertrauen. Für diesen Geschäftsansatz gab es zuletzt wenig Applaus.

Der brandete andernorts auf – um jetzt ganz zu verstummen.

Fehlanreize durch Staat und Vergütungssysteme, waghalsige Finanzkonstruktionen, schnelles Geld und unzureichende Aufsicht führten zu einer riesigen Ansammlung ungelöster Probleme.

Sie blieben für viele lange Zeit unentdeckt. Nun kündigt sich in der Realwirtschaft Rezession an. Auch gut geführte Unternehmen werden zur Redimensionierung gezwungen, zur Anpassung an die neuen weltwirtschaftlichen Gegebenheiten.

Die Öffentlichkeit ist alarmiert, fassungslos, erschreckt.

Warum hat das keiner kommen sehen? Wer steht ein für die Verluste? Schützt mich der Staat vor ähnlichen Krisen, verhindert diese gar zukünftig durch umfassende Regeln und Kontrollen?

Der Vertrauensverlust, den Markt- und Staatsversagen hinterlassen haben, ist atemberaubend und leider auch nachvollziehbar.

Auch Manager, getrieben von übermäßigem Gewinnstreben und entsprechenden Gewinnerwartungen, machten Fehler. Wer sich allein von Gewinnstreben leiten lässt, wird zum Getriebenen. Wer noch zu stark auf kurzfristige Ambitionen und partikulare Interessen setzt und zu wenig auf Solidität und Solidarität, verpasst die Zukunft. Dieses Geschäftsmodell hat abgedankt, fragwürdige Vergütungspraktiken und exorbitante Abfindungen noch im Falle des Versagens inklusive.

Mehr Demut ist nötig, und zwar überall.

"Wenn eine Branche stark reguliert und unter Aufsicht gestellt ist, dann der Bankenmarkt"

Aber verbauen wir uns nicht die Zukunft, wenn nun der öffentlichen Hand eine Allzuständigkeit zugesprochen wird?

Die Ergebnisse der Deregulierung und Finanzmarktakteure, deren Geschäfte sich meilenweit von der realen Welt entfernt haben, haben sich ja nicht im staatsfreien Raum abgespielt.

Fehlentscheidungen fanden im Rahmen bestehender Regeln statt, manchmal scharf an ihrer Grenze. Und sie ereigneten sich unter den Augen staatlicher Aufsicht. Ein Großteil der gegenwärtigen Probleme war im Übrigen nicht die Folge von Deregulierung, sondern von gescheiterter Regulierung.

Wenn eine Branche stark reguliert und unter Aufsicht gestellt ist, dann der Bankenmarkt. Dennoch wurden gerade hier unbemerkt Risiken aufgehäuft und anschließend auf die Welt verteilt.

Ist jetzt dennoch die Stunde einer Wiederkehr des Staates und der Regulierung angebrochen? Zum Teil ja.

Notenbanken und Regierungen waren und sind unerlässlich, um die Folgen dieser Krise zu glätten und abzumildern. Dimension, Anzahl und Kurzfristigkeit der bisherigen staatlichen Sicherungs- und Stützungsmaßnahmen sind beispiellos und ausdrücklich zu begrüßen.

Doch es sollte bei Notmaßnahmen bleiben und sie sollten sich auf jene Sektoren beschränken, die zentral sind für einen nachhaltigen Heilungsprozess. Sie mögen ordnungspolitisch hier und da zweifelhaft sein, aber sie bleiben in der gegenwärtigen Krise unverzichtbar, um Schlimmeres zu verhindern. Dafür gebührt der Politik ein großes Lob und aufrichtiger Dank. Richtig ist aber auch: Krisenmanagement führt zwangsläufig zu widersprüchlichen Ergebnissen, die bei den anstehenden Reformbemühungen adressiert und ausgeglichen werden müssen.

Längerfristig besteht die Notwendigkeit, eine stabile Finanzarchitektur zu schaffen und international verbindliche Transparenzregeln zu vereinbaren. Hier sollten Regierungen, wo immer es geht, die Kooperation mit der Privatwirtschaft suchen. Vollkommen von alleine wird der Markt sich nicht regeln. Etwas anderes ist es aber, wenn generell für die Aufweichung marktwirtschaftlicher Prinzipien gesprochen wird und der öffentlichen Hand weitgehende, zeitlich unbegrenzte Kernkompetenzen im Wirtschaftskreislauf zugesprochen werden. Das kann nur zu negativen Ergebnissen führen.

Weitblick und Prognosesicherheit sind keine Kennzeichen staatlichen Handelns, ebenso wenig der Spaß an Veränderung.

Außerdem hält zu viel Staat andere von der Arbeit ab, wie der unvergessene Ökonom Rüdiger Dornbusch zu sagen pflegte. Vorsicht also vor einem Wiederaufleben übertriebener Erwartungen an staatlichen Schutz, Intervention und Globalsteuerung. Das kann nur dazu führen, dass die Menschen sich in falscher Sicherheit wiegen und auf die Regulierung blind verlassen. So wie in der Vergangenheit die meisten Banken unbesehen den Testaten der Ratingagenturen vertrauen wollten, statt sich selbst mit den Risiken auseinanderzusetzen.

Finanzdienstleister und Kapitalmarkt sind unabdingbar. Schon jetzt geraten Staaten an ihre finanziellen Grenzen und türmen mögliche Verpflichtungen auf, an denen zukünftige Generationen noch schwer tragen könnten. Ein Blick auf die staatliche Altersvorsorge genügt, um die Überforderung fassbar zu machen.

Die Debatte kann sich also nicht darum drehen, ob der Staat eingreift, sondern wie er das tut. Finanzbranche und Staaten haben zwei gemeinsame Aufgaben: Nachhaltig gute Lösungen bereitzustellen, um die Doppelherausforderung einer globalisierten Wirtschaft und dramatisch alternden Gesellschaften zu einer positiven Kraft für die Menschen zu gestalten.

Das bezieht sich nicht nur auf das Wohlergehen in den Industrieländern, sondern auch auf die Zukunftsaussichten der Schwellenländer. Sie haben eine gute, manchmal hervorragende Chance, von der Globalisierung zu profitieren. Es ist also niemandem gedient, wenn die Finanzbranche in eine regulatorische Zwangsjacke gesteckt wird, die den Strukturwandel unmöglich macht sowie Wachstum und Innovation hemmt.

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