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Analyse: Energiekonzerne im Großformat

von andreas.wildhagen@wiwo.de, christoph schuermann und gerhard bläske (Paris)

Die Franzosen schrecken mit einer Megafusion die deutschen Energiekonzerne auf. Wer kann gegenhalten, wer bleibt auf der Strecke? Eine Analyse.

Suez-Chef Gerard Mestrallet (l.) und sein Gaz-de-France-Kollege Jean-Francois Cirelli (r.) und , Reu
Suez-Chef Gerard Mestrallet (l.) und sein Gaz-de-France-Kollege Jean-Francois Cirelli (r.) und , Reuters 240

Es ist noch nicht lange her, da war Ruhe die erste Versorgerpflicht. Als Wulf Bernotat, Chef des deutschen Energiekonzerns E.On, die Komplettübernahme des spanischen Energiekonzerns Endesa misslang, gab sich der Angreifer aus Deutschland in Madrid so sanftmütig wie ein satter Löwe. Das zähe Ringen um die Spanier und seine Niederlage vor einigen Monaten brachte Bernotat auf die souverän wirkende Formel: Dies sei „eine Erfahrung“. Vor allem eine Erfahrung, dass vieles anders kommt, als man denkt – zumindest in der europäischen Energiewirtschaft. Nach dem Fehlschlag, in Madrid den europäischen „Jahrhundertdeal“ (El Pais) einzufädeln, hieß die Devise bei E.On: Investitionen in das angestammte Geschäft, Konsolidierung und Konzentration auf die russischen Gasfelder, von wo E.On Ruhrgas den Stoff für Strom und Wärme bezieht. Die Ruhe ist verflogen. Ein halbes Jahr nach dem Teilrückzug aus Spanien steht der E.On-Chef, und mit ihm alle deutschen Energielenker, wieder vor einer, diesmal sehr viel mehr Nervosität verbreitenden, Erfahrung: Dass sich in Frankreich seit einer Woche „ein großformatiger Angreifer“, aufzustellen beginnt, der den Deutschen den Ehrgeiz, ganz oben in der Weltliga der Energiekonzerne mitzuspielen, „aufs heftigste streitig macht“. So formuliert es in diesen Tagen ein deutscher Energievorstand, den sonst – ganz branchentypisch – nur sehr wenige Dinge wirklich aufregen können. Der Zusammenschluss von Gaz de France und Suez soll im kommenden Jahr vollendet werden, doch er beflügelt die Fantasien der Energiebranche schon heute. Und schürt die Furcht, durch die französische Megafusion an den Rand gedrängt zu werden. Aber er macht auch neidisch auf das entschlossene Vorpreschen französischer Energiekonzerne und auf die Unterstützung der Politik. In Deutschland sind politische Klasse und Energiespitzen nach Pannen in Atomkraftwerken und im Streit um ständig steigende Strompreise fast zu Gegnern geworden. Es ging glatt westlich des Rheins. Aus dem Gasriesen Gaz de France (GdF) und dem Versorgungskonzern Suez wird per kapitalschonendem Aktientausch der nationale Versorger GdF Suez. Das wird ein großer Brocken: „Nach Marktwert gerechnet“ werde er eine Eigenkapitalquote von 80 Prozent aufweisen, sagt Matthias Heck, Analyst des Bankhauses Sal. Oppenheim. Und der neue Konzern hat jede Menge Geld auf der hohen Kante. Mit einer „Firepower“, sagt Heck, in Höhe von 30 Milliarden Euro, könne es sich der Gigant leisten, hohe Preise für eine Beteiligung an einem europäischen oder russischen Energieanbieter zu zahlen. Oder ihn ganz zu schlucken. Zu 35,6 Prozent wird der französische Staat an GdF-Suez beteiligt sein.

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Was Heck als Feuerkraft bezeichnet, ist die unter deutschen Anlegern sogenannte „Kriegskasse“, mit der die Akquisitions- und damit Wachstumskraft eines Unternehmen beziffert wird. Zum Vergleich: E.On verfügt über einen extrem hohen finanziellen Spielraum, eine Kriegskasse von 40 Milliarden Euro. Das gilt in der Energiewelt als Maß aller Dinge. Da aber Gaz de France als teilstaatlicher Konzern bei einem attraktiven Übernahmeziel fast jeden Bankkredit der Welt bekommt, wird die Feuerkraft der Franzosen noch viel größer sein. Jetzt ist das Rennen um die Vormacht in Europas Energiesektor eröffnet. Wer hat die Kraft zum nächsten Schlag? Wer wird auf der Strecke bleiben? Die WirtschaftsWoche hat zusammen mit Sal. Oppenheim die deutschen Versorger auf dem europäischen Energie-Schauplatz durchleuchtet, Stärken und Schwächen der Versorger nach dem GdF-Suez-Deal ausgemacht. So wird klar, welche Perspektiven die Konzerne haben. Das Ergebnis: E.On hat die größten Chancen, auf die französische Herausforderung zu antworten. Die internationale Präsenz von E.On stellt die wirksamste Waffe gegen die neue Macht an der Seine dar, die sich in den kommenden Monaten erst sammeln, im Management integrieren und in der Gesamtorganisation neu sor- tieren muss. Das braucht, so schätzen Insider, noch „ein Jahr“. In dieser Spanne könnte sich auch E.On mit viel Glück ein europäisches Unternehmen einverleiben. Schlechter steht der Essener Konkurrent RWE da, der sich unter seinem Noch-Vorstandschef Harry Roels in den vergangenen Monaten zwar vom unrentablen englischen Wassergeschäft trennte, aber in Sachen Expansion in seiner Amtszeit nichts zuwege brachte. Das ist gefährlich angesichts des Aufruhrs, in dem sich die europäische Energiebranche befindet. Auch war RWE bislang von Machtkämpfen im Aufsichtsrat gebeutelt. In den vergangenen Wochen gab es nach Meinung von Insidern keinen handlungsfähigen Aufsichtsratschef. Der heißt Thomas Fischer – und ihm, dem geschassten WestLB-Chef, wird bei RWE vorgeworfen, die Amtsübergabe von Roels auf den designierten Vorstandsvorsitzenden Jürgen Grossmann schlecht organisiert zu haben. Der Stahlunternehmer soll nach Planungen der vergangenen Wochen erst im Januar ans RWE-Ruder kommen – viel zu spät für ein Unternehmen, dass permanent von Übernahmegerüchten gebeutelt ist. So hat sich nach Aussagen von Bankern Suez auch einmal an RWE herangepirscht.

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