Antiquare: Gefangen im Netz

Antiquare: Gefangen im Netz

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Antiquarische Bücher: Durch das Internet sind viele Antiquare gezwungen, ihr Geschäftsmodell zu überdenken

Das Internet beschert den deutschen Antiquaren einen beispiellosen Preisverfall. Viele Anbieter müssen aufgeben, andere sind die großen Gewinner des Internet-Zeitalters.

Kurz nach Ladenöffnung betritt ein älterer Herr in Anzug und Trenchcoat das Düsseldorfer Heinrich Heine Antiquariat. Den Besitzern des Geschäfts ist er gut bekannt, warten sie doch seit zwei Jahrzehnten auf seinen Besuch. Sie haben den Mann bekniet und umworben, glaubten fast nicht mehr, dass er je nachgibt. Jetzt, 153 Jahre nach dem Tod des Dichters Heinrich Heine, stimmt er zu: „Ich verkaufe meine Sammlung.“ Der frühere Kaufmann gibt die wohl letzte große Kollektion an Erstausgaben, Nachdrucken und Sekundärliteratur von und über Heine ab, rund 700 Bücher, die frühesten aus dem Jahr 1820. Der Mann besiegelt das Geschäft per Handschlag.

Von solchen Deals träumen Antiquare. Doch für die meisten sieht die Wirklichkeit trist aus. Massenhaft müssen sie Gebrauchtbücher zu Dumpingpreisen verhökern, um halbwegs überleben zu können. Die alte Regel, nach der ein Buch im Antiquariat 50 bis 60 Prozent des einstigen Ladenpreises bringt, gilt nicht mehr. Vor allem bei neuerer Literatur aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg sind die Preise durch das Internet ins Bodenlose gestürzt. Immer mehr Geschäfte müssen aufgeben.

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Alte Bücher vernichten oder verschleudern?

Doch über den richtigen Weg aus der Krise ist die mehr als 1200 Händler zählende Branche zerstritten. Einige fordern von der Politik eine Buchpreisbindung für antiquarische Werke. Andere schlagen vor, schwer verkäufliche Bücher zu vernichten, um die Preise zu stabilisieren, statt sie in Bananenkisten auf Flohmärkten oder bei Ebay zu verschleudern.

Zehn Jahre ist es her, seit das Internet den Kunden der Antiquare, die früher die lokale Preishoheit über alte Bücher hatten, absolute Transparenz beschert hat. Käufer können heute in Sekunden in Internet-Portalen wie ZVAB, dem Amazon-Ableger AbeBooks, Prolibri oder ILAB herausfinden, wer auf welchem Erdteil ein bestimmtes Buch am billigsten anbietet – und es mit wenigen Mausklicks bestellen. Fast jeder deutsche Antiquar verkauft heute auch über die Web-Portale.

Nie waren gebrauchte Bücher billiger

Die einfache Bedienbarkeit der Web-Sites lockt auch immer mehr Freizeitantiquare und Neulinge in das Geschäft. Die Folge: Alle unterbieten sich gegenseitig. Mitunter senkt eine Software automatisch den Preis, sobald die Konkurrenz ein billigeres Angebot einstellt. Preisstürze sind die Folge.

Eine Heinrich-Böll-Erstausgabe gibt es heute für zwei Euro, vier Bände von Goethe, die früher 20 bis 30 Mark brachten, kosten nur noch wenige Cent. „Zum Teil erzielen wie nicht mal unsere Einkaufspreise“, berichtet der Berliner Antiquar Manfred Gast. Das Netz brachte zwar neue Kunden, die Verluste durch den Preisverfall konnte das aber nicht ausgleichen. Nie waren gebrauchte Bücher billiger. Die meisten Mitspieler der Branche, die nach Schätzungen 300 Millionen Euro im Jahr umsetzt, müssen ihr Geschäftsmodell überdenken – selbst wenn sie sich von der Finanzkrise unberührt sehen.

Ein rares Werk kann Antiquare über Monate retten

Die Zukunft der Antiquare liegt Insidern zufolge in den Extremen: Ein Teil der Händler, darunter das Düsseldorfer Heinrich Heine Antiquariat, zieht sich aus dem Internet zurück und druckt wie früher wieder Antiquariatskataloge und Listen für Sammler. „Meine neue Heine-Sammlung stelle ich nicht ins Netz“, sagt Antiquar Christoph Schäfer, selbst wenn er im Vorstand der Genossenschaft der Internet-Antiquare ist.

Andere Händler nehmen nur noch um die 1000 sehr hochkarätige Bücher ins Programm, um sie im Laden, per Katalog, auf Antiquariatsmessen oder online anzubieten. Verkauft einer ein rares Werk, kann es ihn heute über den Monat retten. Denn seltene Bücher sind anders als Nachkriegsliteratur im Internet-Zeitalter teurer geworden.

„Sind sich die Händler bei bestimmten Werken einig, nicht unter Wert zu verkaufen, funktioniert das Geschäft“, sagt Wolfgang Höfs, Vorstand beim Verband Antiquarischer Buchhandel Online. Die Händler erkennen dank Internet sofort, wenn nur wenige Exemplare einer Ausgabe auf dem Markt sind und richten ihren Preis an dem der anderen aus. In den USA erzielen Antiquare so Traumpreise. Eine Erstausgabe von Herman Melvilles Roman „Moby Dick“ beispielsweise gibt es nicht unter 28.000 Dollar – für perfekt erhaltene Ausgaben sind sogar 70.000 Dollar drin.

Doch nicht alle können es sich leisten, im teuren Segment aktiv zu sein. Manche Bücher liegen Jahre, ehe sie verkauft werden. Das bindet Kapital. Für viele Anbieter bleibt daher nur das zweite Extrem: Sie mieten Lager, um den Markt mit Massen an Billigbüchern zu fluten. Einige verkaufen ihre Bände für nur einen Cent. „Diese Antiquare leben von den Versandkosten, die das jeweilige Portal dem Käufer gegenüber berechnet“, berichtet AbeBooks-Deutschland-Chef Ulrich Brand.

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