Apotheken: Neue Pillenläden braucht das Land

KommentarApotheken: Neue Pillenläden braucht das Land

Heute geht es vor dem Europäischen Gerichtshof um die Zukunft des deutschen Apothekenmarktes. Nicht nur Apotheker, sondern auch große Konzerne sollen bald Pharmazien betreiben dürfen. Eine gute Idee, findet WirtschaftsWoche-Redakteur Jürgen Salz: Die neuen Wettbewerber werden für billigere Medikamenten-Preise und guten Service sorgen.

Schön, dass endlich Bewegung in den erstarrten Apothekenmarkt kommt. Gut, dass nun ein frischer Wind durch eine Branche bläst, die seit Jahrhunderten vor Wettbewerb geschützt ist.

Der heutige Tag könnte der Anfang vom Ende des klassischen deutschen Apothekensystems sein: In Luxemburg verhandelt der Europäische Gerichtshof darüber, ob demnächst auch Konzerne – und nicht bloß approbierte Pharmazeuten – Apotheken betreiben dürfen. Ein Urteil ist erst in einigen Monaten zu erwarten. Doch die Chancen für eine Liberalisierung des Marktes stehen gut. In naher Zukunft könnten dann Schlecker und Rewe, dm und Kaufland oder mächtige Pharmagroßhändler wie Celesio und Phoenix eigene Apothekenketten hochziehen. Celesio ist übrigens der Eigentümer von DocMorris und gehört der Milliardärsfamilie Haniel. Und Phoenix zählt zu den Unternehmen der Milliardärsfamilie Merckle ("Ratiopharm").

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Apothekenketten verdienen eine Chance

Werden die Konzerne dann, wie die etablierten Apotheker fürchten, die Pillen verramschen? Den Kunden unnütze Pillenschachteln aufschwatzen, damit die Kasse stimmt? Gibt es dann zwei Schmerzmittel-Packungen zum Preis von einer – ohne jedweden Hinweis auf Risiken und Nebenwirkungen? Geht Gewinn künftig vor Gesundheit?

Gemach. Auch bei einer Liberalisierung des Apothekenmarktes muss der Gesetzgeber Grenzen setzen. So werden auch in künftigen Kettenapotheken approbierte Apotheker und medizinisches Fachpersonal hinter dem Medikamenten-Tresen stehen.

Tatsächlich verdienen die Apothekenketten eine Chance. Weil sie etwa dafür sorgen werden, dass die Medikamenten-Preise sinken. Zumindest bei rezeptfreien Pillen und Salben – die Preise für verschreibungspflichtige Medikamente sind ohnehin reglementiert. Schon bereiten sich Schlecker, dm und viele andere Drogeriemarktketten, Supermärkte und Medikamenten-Händler auf Apothekenketten vor. Wo es so viele neue Konkurrenten gibt, stehen die Chancen gut, dass echter (Preis-)Wettbewerb entsteht. Ganz anders als etwa in Norwegen, wo sich drei Anbieter den Markt geteilt haben und die Preise weitgehend unverändert geblieben sind.

Es lässt sich ja bereits heute beobachten: Wo DocMorris oder Easy-Apotheken eröffnen – die zwar schon nach Kette aussehen, aber immer noch Apothekern gehören – senken die Pharmazeuten in der Nachbarschaft die Preise.

Und wer sagt eigentlich, dass Apothekenketten keinen guten Service zu bieten haben? In England gehören Blutdruck- oder Diabeteschecks schon zum Standardprogramm einer Apothekenkette. Peinliche Servicepannen oder schlechte Beratung können sich die Konzerne ohnehin nicht leisten, weil das sofort auf die gesamte Apothekenkette zurückfällt.

Die neuen Pillenläden wären eine Bereicherung. Die traditionellen Apotheker werden deswegen nicht untergehen. Aber es werden deutlich weniger werden.

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