KommentarApple: Kratzer im Lack

von Matthias Hohensee

Apple hat weniger iPhones verkauft, als von Analysten erwartet – ein einmaliger Ausrutscher?

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Die Börse reagiert nervös auf die Zahlen von Apple, Foto: Martin Oeser/dapd

Tim Cook überrascht mal wieder. Diesmal nicht die iPhone-Fangemeinde. Der hatte der neue Apple-Chef vor zwei Wochen statt des erhofften iPhone 5 mit dem iPhone 4s nur eine verbesserte Version des aktuellen Modells präsentiert.

Am Dienstagnachmittag kalifornischer Zeit löste Cook nun bei  den Analysten und wenig später bei Apple-Aktionären leichte Panik aus. Zum ersten Mal seit sechs Jahren übertraf Apple nicht die Erwartungen der Analysten. Statt der von der Wall Street erhofften 22 Millionen iPhone brachte Apple im Sommer nur rund 17 Millionen Exemplare unters Volk. Im Frühjahr waren es noch 20 Millionen gewesen.

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Da das iPhone mittlerweile knapp 40 Prozent am Umsatz des Unterhaltungselektronikkonzern ausmacht, konnten auch um 20 Prozent gestiegene Absätze beim iPad die Scharte nicht auswetzen. Gegenüber dem Frühjahrsquartal ging der Umsatz zurück, allerdings nur um ein Prozent von 28,5 Milliarden Dollar auf nunmehr 28,2 Milliarden Dollar.

Seltener Ausrutscher von Apple

Der seltene Ausrutscher sorgte für ein kleineres Beben im nachbörslichen Handel. Die Apple-Aktie verlor in der Spitze rund 6,5 Prozent. Der Einbruch beim iPhone-Absatz erklärt auch, warum der verschwiegene Konzern am Montag so bereitwillig Absatzzahlen des neuen iPhone 4s bekanntgab, dessen Verkauf am Freitag gestartet war. Rund vier Millionen Exemplare wurden geordert. Und schon wieder kann Apple die Nachfrage nicht befriedigen. In Nordamerika beträgt die Wartezeit für online bestellte iPhones mittlerweile bis zu zwei Wochen.

Keine Frage – das Erfolgsimage von Apple hat einen Kratzer bekommen. Doch tief ist er nicht. Für den neuen Konzernchef Cook ist der Ausrutscher peinlich und für Apple-Anleger ärgerlich. Viel mehr haben sich die Analysten blamiert. Denn der Einbruch bei den iPhone-Stückzahlen ist nicht ganz so überraschend. Er lässt sich vor allem damit erklären, dass offensichtlich viele Kunden ihren Kauf aufgeschoben hatten, weil sie auf ein neues Modell warteten. Besonders im technikverliebten Japan verhagelte das Apples Zahlen. Gegenüber dem Frühjahr brach der Umsatz um heftige 26 Prozent ein. Auch in Nordamerika gab er um fünf Prozent nach.

Nun zeigt sich, wie richtig die Geheimniskrämerei von Apple-Gründer Steve Jobs war. Und wo sie an Grenzen stößt. Denn während man nie genau weiß, wann völlig neue Mac-Desktops oder Notebooks auf den Markt kommen, ist klar, dass spätestens alle anderthalb Jahre ein neues iPhone-Modell präsentiert wird. Sobald klar ist, dass ein Nachfolgemodell in Kürze erhältlich ist, beeinträchtigt das die Verkäufe. Und dank Google und seiner Hardwarepartner von Samsung, Motorola und HTC gibt es mittlerweile attraktive Android-Alternativen zum iPhone. Tatsächlich laufen mittlerweile rund 48 Prozent aller neu verkauften Smartphones laut dem britischen Marktforschungsunternehmen Canalys auf Android. Apple kommt auf einen Weltmarktanteil von rund 19 Prozent. Und Samsung stellte gemeinsam mit Google wenige Stunden nach den Apple-Quartalszahlen in Hongkong das neueste Samsung-Android Flaggschiff Galaxy Nexus vor.

Die Analysten hatten ihre Prognosen jedoch auch deshalb nicht korrigiert, weil Apple an der Wall Street Erwartungen geschürt hatte, den chinesischen Markt rascher mit seinen iPhones aufrollen zu können als ursprünglich geplant. Tatsächlich ist China der laut Cook „am schnellsten wachsende Absatzmarkt für Apple-Produkte überhaupt.“

15 Milliarden Dollar setzte Apple im vergangenen Geschäftsjahr im Reich der Mitte um. Aber auch die chinesischen Kunden, die sich ein iPhone leisten können, sind statusbewußt – sie wollen das neueste Modell haben.

Doch die Reaktion des Marktes auf die verfehlte Analysten-Prognose ist überzogen. Denn für das laufende Quartal erwartet Apple-Finanzchef Peter Oppenheimer einen Umsatz von 37 Milliarden Dollar – rund zehn Milliarden Dollar mehr als im Vorjahreszeitraum. Trifft das ein, wird Apple im nächsten Jahr Hewlett Packard beim Umsatz überrunden und damit nicht nur der wertvollste, sondern auch der größte amerikanische Technologiekonzern sein.

Hewlett Packard setzte im Jahr 2010 rund 126 Milliarden Dollar um, bei einem Profit von 8,7 Milliarden Dollar. Nach dem Debakel mit dem geschassten Konzernchef Leo Apotheker dürfte der HP-Umsatz im Oktober zu Ende gehenden aktuellen Geschäftsjahr unter der Grenze von 130 Milliarden Dollar bleiben. Zum Vergleich: Im Geschäftsjahr 2011 setzte Apple 108 Milliarden Dollar um und erzielte einen Gewinn von 26 Milliarden Dollar. Spätestens, wenn Apple an HP vorbeizieht, dürfte es wieder Jubelstürme an der Börse geben.

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