Arbeitsmarkt: Zeitarbeit korrigiert ihr Ausbeuter-Image

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Zeitarbeit

von Harald Schumacher

Der Aufschwung ist da, die Zeitarbeit boomt, in Deutschland gibt es bald so viele Leiharbeiter wie nie zuvor. Nun fürchtet die Branche, dass schärfere Gesetze aus Berlin den Boom bremsen, und forciert eine Selbstreinigung.

In den vergangenen Wochen haben wir 1100 Arbeitnehmer eingestellt“, sagt Marcus Schulz. „Aber wir hätten auch 2000 genommen.“ Der Geschäftsführer des sechstgrößten deutschen Zeitarbeitsunternehmens USG People Germany beschreibt, was die gesamte Branche derzeit erlebt. Fast nahtlos fallen die Arbeitnehmerverleiher von einem Extrem ins andere: erst Krise, Kurzarbeit und Personalabbau, jetzt Personalmangel und Auftragsschwemme. Volker Enkerts, Präsident des Bundesverbands Zeitarbeit (BZA), jubelt: „Die Branche erfüllt eine ihrer Kernfunktionen, nämlich boomende Industrien schnell und flexibel mit passenden Fachkräften zu versorgen und Menschen aus der Arbeitslosigkeit zu holen. Zeitarbeit ist damit eine tragende Säule des Aufschwungs.“

Tatsächlich hat die Zeitarbeit ihre erste große Bewährungsprobe seit der Liberalisierung des Arbeitnehmerüberlassungsgesetzes 2003 eigentlich glänzend bestanden. Dessen Ziel war, mit Leihjobs den Einsatz von Arbeitskräften für die Unternehmen flexibler zu machen. Automobilindustrie, Maschinenbau, aber auch viele andere Wirtschaftszweige bauten denn auch im Schock des Konjunktureinbruchs 2008 und 2009 zuerst ihre Leiharbeiter-Truppen rapide ab und passten so zumindest teilweise die Produktionskosten der sinkenden Nachfrage an. In nur sechs Monaten – von September 2008 bis März 2009 – stürzte die Zahl der in Deutschland beschäftigten Zeitarbeitskräfte von mehr als 800.000 auf rund 580.000.

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Ähnlich schnell geht es nun wieder bergauf. Nur ein Jahr – von Juni 2009 bis Juni 2010 – brauchte die Branche, um ihre Belegschaft um ein Drittel aufzustocken. Aus rund 600.000 wurden wieder gut 800.000 Beschäftigte. Dank des Aufwärtstrends im Juli ist das neue Allzeithoch erreicht: Derzeit dürften rund 850.000 Menschen bei Zeitarbeitsunternehmen beschäftigt sein – mehr als je zuvor in Deutschland. Der bisherige Höchststand stammt mit 823.000 aus dem Juli 2008.

Flexibilität teuer erkauft

Doch anstatt zu feiern, ist die Stimmung bei den Wortführern der Zeitarbeitsbranche gedämpft. „Wir sind die einzige Branche, die sich für Höchstleistungen entschuldigt“, sagt sarkastisch ein Verbandsoberer. Denn kaum eine Branche steht so in der öffentlichen Kritik wie die Zeitarbeit. Sei es aufgrund der Kündigung von Mitarbeitern, die von unternehmenseigenen Zeitarbeitsfirmen zu schlechteren Konditionen wieder eingestellt werden. Sei es durch die Tatsache, dass Zeitarbeit bei manchen Unternehmen auf Dauer feste Stellen ersetzt und Kollegen am Band jahrelang das Gleiche machen, aber unterschiedlich bezahlt werden. Daher droht der Branche eine stärkere Regulierung durch die Politik.

Um das zu verhindern, fordern immer mehr Zeitarbeitsunternehmer und -manager eine fundamentale Selbstreinigung ihrer Zunft und sagen, dass nur der unbequeme Weg einer konsequenten Abkehr von Lohndrückerei und Sozialdumping aus dem Dilemma heraushilft.

Vorheriger Status und Übernahmequote

Vorheriger Status und Übernahmequote

Zum einen wird der Branche Missbrauch gesetzlicher Schlupflöcher zulasten der Beschäftigten angekreidet. Besonders das Abdrängen regulär Beschäftigter in schlechter bezahlte Leiharbeitsverträge – bekannt geworden durch die Drogeriemarktkette Schlecker und das ihr nahestehende Zeitarbeitsunternehmen Meniar – empört seit vergangenem Herbst die Republik (WirtschaftsWoche 47/2009).

Zum anderen fragen Gewerkschaften und Politiker aller Parteien, ob die Flexibilität, die den Unternehmen und dem Arbeitsmarkt nützt, nicht zu teuer erkauft ist.

Die Zeitarbeit wird zu den sogenannten prekären Arbeitsverhältnissen gezählt. Viele Menschen mit Leihjobs stocken ihr Einkommen durch Hartz-IV-Bezüge auf. Allenfalls ein Fünftel der Zeitarbeitskräfte wechselt fest in die entleihenden Betriebe. Für das Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung ist Leiharbeit nur „ein schmaler Steg in Beschäftigung“ – und keine breite Brücke, wie es die Branche selber gerne darstellt.

Selbst die FDP vertritt inzwischen in Sachen Zeitarbeit zum Entsetzen der Verbandsfunktionäre Positionen, die vor einem Jahr noch tabu waren. „Die FDP-Bundestagsfraktion tritt für eine faire Entlohnung in der Zeitarbeit ein. Wir wollen daher den Grundsatz des Equal Pay – also der Gleichbezahlung von Zeitarbeitern und Stammbelegschaft im entleihenden Betrieb – stärken“, erschreckte Mitte Juli der sozialpolitische Sprecher der FDP-Fraktion im Bundestag, Heinrich Kolb, die Branche.

Deren politisch erwünschte Rolle definiert Kolb so: „Zeitarbeit dient der flexiblen Reaktion auf Auftragsschwankungen, ist aber kein Mittel zur Ersetzung von Stammbelegschaften oder für Lohndifferenzierung nach unten.“

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