Arbeitsplätze in Rumänien angeboten: Nokia-Chef entschuldigt sich bei Bochumer Mitarbeitern

Arbeitsplätze in Rumänien angeboten: Nokia-Chef entschuldigt sich bei Bochumer Mitarbeitern

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Nokia-Chef Olli-Pekka Kallasvuo

Nokia-Konzernchef Olli-Pekka Kallasvuo hat sich gestern bei der Bilanzveröffentlichung des weltgrößten Handy-Konzerns als „Verwandlungskünstler“ präsentiert.

Erst schwärmte der Finne vor Analysten über ein traumhaftes viertes Quartal: „In diesem Quartal haben wirklich die Sterne über uns gestrahlt.“ Danach führte er vor aus Deutschland angereisten Journalisten und vielen Kameras eine für Chefs von Weltkonzern höchst unübliche Demutsgeste aus: Er wolle sich ausdrücklich entschuldigen für die Schmerzen, die der Entschluss zur Streichung von 2300 Arbeitsplätzen in Bochum ausgelöst habe. Eine Stunde vorher hatte der 54-Jährige gestern in Helsinki noch eingestanden, dass es wirklich eine „schöne Sache sei, nach so einem beeindruckenden Quartal Fragen zu beantworten“.

Nokia schaffte im vierten Quartal die lange angepeilte Traummarke von 40 Prozent Weltmarktanteil, einen Reingewinn 2007 von 7,2 Milliarden Euro. Das Unternehmen steht mit seinen Handys in den immer wichtiger werdenden Märkten Indien und China blendend da und erobert jetzt auch Afrika. Die um sich greifende Rezessionsangst teilt Nokia nicht: „Die Menschen in den Schwellenländern wissen doch nichts von der amerikanischen Nationalbank. Aber sie brauchen alle Handys.“ Da habe man im vergangenen Jahr eben entschlossener und aggressiver zugegriffen als die Konkurrenz, berichtete Kallasvuo.

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Ehe er vor die Journalisten trat, traf er nach eigener Aussage eine seit 18 Jahren für Nokia arbeitende Bochumerin, die für die Bilanzveröffentlichung ins winterlich verschneite Helsinki gekommen war. „Bei mir sind da auch viele Gefühle im Spiel“, sagte der Nokia-Chef. Bei der Darlegung dieser Gefühle wurde er dann aber doch wieder mehr geschäftlich: „Auch wir als Unternehmen werden getroffen. Wir bekommen negative Publicity. Keiner mag uns.“ Das soll nun in Deutschland durch Gespräche mit der nordrhein-westfälischen Landesregierung über „innovative Lösungen“ für die Region Bochum wieder anders werden. Kein einziger Vertreter von Banken oder Investoren in den USA sowie Analysten hatte Kallasvuo vorher auch nur mit einem Wort nach der Betriebsschließung in Bochum gefragt. Hier galt die bange Sorge vor allem einer drohenden Rezessionsgefahr aus den USA. Und da präsentierte sich Kallasvuo als fest entschlossener, schnell zupackender Konzernchef. Nein, Nokia fürchte sich nicht vor einem Abflauen der Konjunktur. Einen Tag nach Minuszahlen beim Konkurrenten Motorola sieht er eher Chancen: Jetzt sei es für Nokia genau die richtige Zeit, auch in den USA größere Marktanteile zu erobern.

Nokia hat im vergangenen Vierteljahr dank der boomenden Nachfrage in Schwellenländern seinen Gewinn erneut unerwartet kräftig gesteigert. Der mit Abstand weltgrößte Handy-Hersteller verdiente nach eigenen Angaben von heute zwischen Oktober und Dezember operativ 2,49 Milliarden Euro - gut 60 Prozent mehr als vor einem Jahr. Auch dank der Probleme des US-Rivalen Motorola liefen die Geschäfte deutlich besser als von Experten erwartet - die Aktie sprang deshalb an der Börse in Helsinki um rund 13 Prozent nach oben. Die Finnen stehen derzeit in Deutschland heftig in der Kritik, weil sie die Handy-Fertigung in Bochum einstellen wollen und nach Rumänien verlagern wollen, um Kosten zu sparen. Nokia kann bereits jetzt wegen seiner Größe viel rentabler arbeiten als die Konkurrenz. Mittlerweile stammen 40 Prozent aller weltweit verkauften Handys von Nokia - der Marktführer setzte zwischen Oktober und Dezember 133,5 Millionen Mobiltelefone ab, mehr als seine drei größten Rivalen Samsung, Motorola und SonyEricsson zusammen. Der durchschnittliche Verkaufspreis eines Nokia-Handys kletterte um einen Euro auf 83 Euro.

Besonders in Märkten wie Indien und China hat sich das Unternehmen einen großen Vorsprung vor der Konkurrenz erkämpft, den es jetzt hartnäckig verteidigt. Nokia geht davon aus, dass die gesamte Branche 2008 noch einmal zehn Prozent mehr Handys verkauft als voriges Jahr. Den Umsatz steigerte Nokia innerhalb eines Jahres um ein Drittel auf 15,7 Milliarden Euro. Der Gewinn belief sich abgesehen von Sonderposten auf 0,47 Euro pro Aktie, Analysten hatten auf dieser Basis lediglich mit 0,44 Euro gerechnet. Der Konzern plant, für bis zu vier Milliarden Euro eigene Aktien zurückzukaufen und damit indirekt das Geld an seine Aktionäre auszuschütten. Der weltweit drittgrößte Handy-Hersteller Motorola hatte erst gestern angesichts der geringen Nachfrage nach seinen Mobiltelefonen für den Jahresanfang einen Verlust angekündigt. „Die Zahlen beweisen erneut: Motorolas Verlust ist Nokias Gewinn“, kommentierte ein Analyst. Die Nummer vier Sony Ericsson will Motorola in diesem Jahr überholen. Die Nummer zwei der Branche ist der koreanische Samsung-Konzern.

Die Beschäftigten des vor der Schließung stehenden Nokia-Werks in Bochum wollen weiter um ihre Arbeitsplätze kämpfen. Bestärkt durch den Milliardengewinn des finnischen Handy-Konzerns forderten Betriebsrat und Gewerkschaft IG Metall die Konzernleitung heute auf, die Schließungspläne zurückzunehmen. „Das ist und bleibt eine Riesensauerei“, sagte Betriebsratschefin Gisela Achenbach. „Wir haben 2007 wesentlich dazu beigetragen, dass dieses exzellente Ergebnis im Konzern zu Stande kam“, sagte sie vor dem Werkstor. Die Arbeitnehmervertreter hatten dort vor ihrem permanenten Protestzelt zu einer „alternativen Bilanzpressekonferenz“ geladen. „Wir haben hier eine Rendite von 15 Prozent erwirtschaftet“, sagte Ulrike Kleinebrahm, Bevollmächtigte der IG Metall Bochum.

„Der Standort ist wettbewerbsfähig.“ Nokia solle die Zahlen auf den Tisch legen, die den angeblichen Standortnachteil belegten. Nokia will aus Kostengründen das Werk zur Jahresmitte schließen und die Produktion hauptsächlich in ein neues Werk nach Rumänien verlagern. „Wir werden die Pläne nicht akzeptieren“, sagte Kleinebrahm. „Wir sind davon überzeugt, dass es für Nokia noch nicht zu spät ist, die Geisterfahrt unfallfrei zu beenden.“ Betriebsrat und IG Metall seien gesprächsbereit. „Wir sehen zu, dass wir zeitnah einen Termin mit der Konzernführung finden.“ Ein Gespräch in dieser Woche in Finnland war ohne Annäherung geblieben. Unterstützung erhalten die Beschäftigten auch von prominenten Nokia-Kunden. Vodafone habe 10.000 Unterschriften gesammelt, sagte Kleinebrahm. Deutsche-Telekom-Betriebsrat Thomas Feilhauer überreichte am Donnerstag einen offenen Brief. Darin wird der Telekom-Vorstand aufgerufen, sämtliche Geschäftsbeziehungen mit Nokia aufzulösen, wenn das Werk in Bochum geschlossen wird.

In der kommenden Woche will die Nokia-Führungsspitze mit Verantwortlichen aus Gewerkschaft und Politik zusammenkommen, um einen möglichen Sozialplan auszuarbeiten. Nach Informationen der „Rheinische Post“ (heutige Ausgabe) will Nokia den Beschäftigten aus Bochum unter anderem anbieten, mit nach Rumänien zu wechseln. Das hat das Blatt aus unternehmensnahen Kreisen erfahren. Der Gewerkschaft IG Metall sind derartige Pläne nicht bekannt, sie will aber am kommenden Sonntag auf einer Betriebsversammlung über weitere Schritte beraten, um das Werk doch noch zu erhalten.

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