
Wie Madeleine Schickedanz ihren 66. Geburtstag feiern wollte, ist nicht bekannt. Aber eine große Party war sicherlich nicht geplant. „Wenn mein Mann und ich ausgehen“, hatte die Erbin des Versandhauses Quelle vor einiger Zeit zu Protokoll gegeben, „was nur noch selten vorkommt, dann zum Italiener um die Ecke, essen eine Pizza, trinken ein Viertel Rotwein und ein alkoholfreies Bier. Das kostet dann keine 40 Euro.“
Nach den Ereignissen des gestrigen Abends dürfte sich Schickedanz wohl selbst den Abstecher zum Pizzabäcker verkneifen. Gegen 21.40 Uhr gab Klaus-Hubert Görg, der Insolvenzverwalter des Quelle-Mutterkonzerns Arcandor bekannt, dass alle Bemühungen gescheitert sind, einen Käufer für den Quelle-Versand zu finden. Es gebe keine Alternative zur Abwicklung, so Görg.
Zerschlagung von Primondo
Im Klartext: Das Schicksal von Quelle ist besiegelt, das Lebenswerk von Madeleines Eltern – Gustav und Grete Schickedanz – steht vor dem endgültigen Aus. Schickedanz, einst eine der reichsten Frauen des Landes, hat ihr Vermögen großteils verloren, die meisten ihrer Besitztümer sind als Sicherheiten längst an die Banken verpfändet. Zwar wird die Milliardärin a.D. wohl dennoch keine Altersarmut plagen – doch die Bilanz zum 66. Geburtstag fällt bitter aus.
Mit ihrer Mischung aus Naivität und dem blinden Vertrauen in die falschen Berater an ihrer Seite hat Schickedanz ihr Erbe gründlich ruiniert. Wichtiger noch: Tausende Mitarbeiter müssen jetzt die Konsequenzen dafür tragen, dass Schickedanz die Manager an der Spitze des Konzerns nach Belieben schalten ließ.
Für die 10.500 Mitarbeiter, die Quelle zuletzt bundesweit beschäftigt hatte, dürfte die gestrige Nachricht denn auch ein Schock gewesen sein. Lange Zeit hatte das Insolvenzteam um Görg den Eindruck vermittelt, dass der Verkaufsprozess gut voran gehe. Auf die Frage, ob es für Kaufinteressenten nicht einfacher wäre, Quelle zu beerdigen und die lukrativen Teile der Arcandor-Versandsparte Primondo weiter zu führen, sagte Jörg Nerlich, der für Quelle zuständige Insolvenzbeauftragte, kürzlich der WirtschaftsWoche: "An Quelle hängen der gesamte Einkauf und das wachstumsstarke Auslandsgeschäft. Eine Zerschlagung würde wirtschaftlich keinen Sinn machen." Das sahen die Kaufkandidaten letztlich wohl anders.

Keiner der Interessenten, zu denen Finanzinvestoren wie Cerberus, TPG und Golden Gate gehört haben sollen, hatte bis gestern ein verbindliches Angebot abgegeben. Niemand wolle das defizitäre Deutschland-Geschäft übernehmen. “Nach intensiven Verhandlungen mit einer Vielzahl von Investoren sehen Insolvenzverwalter wie Gläubigerausschuss jetzt keine Alternative zur Abwicklung von Quelle Deutschland mehr", teilte Görg mit. Die übrigen Teile von Primondo werden nun in Einzelteilen verkauft. Dazu gehören das Auslandsgeschäft von Quelle in der Schweiz, Österreich und Osteuropa, mehrere Spezialversender wie Peter Hahn, Baby Walz und der Einkaufssender HSE24.
Das Kernproblem für das Scheitern der Quelle-Verkaufsgespräche war offenbar die fehlende Einigung über das sogenannte Factoring. Dabei geht es um die Finanzierung des Versandgeschäfts. Beim Factoring gibt Quelle die Kundenforderungen gegen Provision an die Quelle-Hausbank Valovis weiter, die die offenen Beträge im Gegenzug vorfinanziert. Doch seit der Insolvenzanmeldung im Juni konnte das Factoring zweimal nur unter Mühen verlängert werden. Die Vereinbarung läuft zum Jahresende aus, eine Verlängerung war gescheitert.
Noch vor dem Wochenende hatte der Insolvenzbeauftragte Nerlich Zuversicht gezeigt, den Verkauf von Quelle bis Ende Oktober unter Dach und Fach zu bekommen, so dass der neue Eigentümer die Bestellungen für die Saison Frühjahr/Sommer 2010 rechtzeitig in die Wege leiten hätte können.













