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Arcandor: Wie Missmanagement KarstadtQuelle ruinierte

von Henryk Hielscher

Die Anatomie der Arcandor-Krise: wie die Konzernchefs Walter Deuss, Wolfgang Urban und Thomas Middelhoff den früheren KarstadtQuelle-Konzern ruiniert haben. Ein Lehrstück über Missmanagement, Interessenkonflikte und strategische Fehler.

1999–2000: Die Fusion

Walter Deuss, ehemaliger Quelle: AP
Walter Deuss, ehemaliger Vorstandschef des Einzelhandelsriesen KarstadtQuelle Quelle: AP

Walter Deuss feiert, Harald Herbrig geht einkaufen, Alexander Otto bezieht sein Büro, Wolfgang Urban gewinnt

Düsseldorf, 30. Juli 1999. Walter Deuss hat es geschafft. 93 Seiten Manuskript hat er verlesen, hat Kritik abperlen lassen und ist Fragen ausgewichen. Nun sind auch die letzten Nörgler verstummt, das Gros der Kleinaktionäre ist schon vor Stunden geflüchtet. Deuss sitzt unverdrossen auf dem Podium und lächelt sich dem Höhepunkt seiner Karriere entgegen. Gegen 23 Uhr ist es so weit: Der Karstadt-Chef kann die Entstehung eines neuen Handelsgiganten verkünden.

Seine Aktionäre haben der Verschmelzung von Karstadt und Quelle zugestimmt und damit einen Koloss geschaffen, der 16,5 Milliarden Euro umsetzen soll, 116.500 Mitarbeiter beschäftigt und mit einem Unternehmenswert von 4,5 Milliarden Euro zu den 30 Titeln im Deutschen Aktienindex Dax zählt. Nicht nur die Kernmarken Karstadt und Quelle, auch die Hertie-Warenhäuser, der Neckermann-Versand, die Runners-Point-Filialen, die Textilkette Wehmeyer und die WOM-Musikgeschäfte gehören zum fusionierten Unternehmen, das Deuss nun in die Zukunft führen soll.

Wohl niemand ahnt zu diesem Zeitpunkt, dass der Zusammenschluss der Auftakt zu einem in der deutschen Handelshistorie beispiellosen Drama um Managementversagen, strategische Fehler und Interessenkonflikte ist, dass mit der Fusion die Kernschmelze eines Konzerns beginnt.

Zehn Jahre später steht Arcandor, wie das Unternehmen nun heißt, vor dem GAU. Das Management bettelt in Berlin um Staatsbürgschaften und -kredite, ansonsten drohen Pleite oder Abwicklung. Doch selbst mit millionschweren Staatshilfen ist ein Kahlschlag unabwendbar – zu gründlich wurde der Konzern von seinen Spitzenkräften ruiniert.

Dass KarstadtQuelle innerhalb einer Dekade auf dem Grabbeltisch landen könnte, ist 1999 undenkbar. Das frisch fusionierte Unternehmen soll Online- und Auslandsmärkte erobern und die Marktführerschaft im Warenhausgeschäft verteidigen. Der Zusammenschluss sei ein „Geschenk des Himmels“, jubelt Deuss. Vor allem für ihn selbst.

Deuss ist ein Mann barocker Lebensart. Der 64-Jährige liebt Zigarren, geht mit seinem Aufsichtsratschef regelmäßig zur Jagd und führt die Firma, als gehöre sie ihm. Seit 1965 arbeitet Deuss bei Karstadt, 1982 übernimmt er das Vorstandszepter für 17 Jahre, in denen er sich meist auf das Verwalten beschränkt. Bei seinen Mitarbeitern ist „Papa Deuss“ beliebt. Denn mit Sparmaßnahmen oder gar Schließungen unrentabler Häuser mag der Handelsveteran seine sorgsam austarierten Beziehungen zu Gewerkschaften und Betriebsräten nicht belasten.

Bei den bisherigen Anteilseignern stößt der Kuschelkurs von „Mister Karstadt“ jedoch auf immer weniger Begeisterung, seit die Umsätze schwinden. Wohl auch deshalb treibt Deuss die Karstadt-Quelle-Fusion voran: Der Konzern bekommt mit dem fränkischen Schickedanz-Clan einen Großaktionär, der auf Deuss’ Dienste nicht verzichten mag. Immerhin ist er ein Garant für Ruhe im Unternehmen. Mit der Beförderung des Karstadt-Mannes an die Konzernspitze vermeiden die Quelle-Erben Schickedanz zudem den Eindruck einer feindlichen Übernahme. Um der Liaison aber Tempo mitzugeben, wird Deuss der Schickedanz-Manager Wolfgang Urban zur Seite gestellt. Während Deuss über das Gesamtgebilde wacht, soll sich Urban um die Warenhäuser kümmern.

Hersbruck, August 1999. In der fränkischen Kleinstadt Hersbruck nimmt man das „Geschenk des Himmels“ kaum wahr. Deutschland fiebert der großen Sonnenfinsternis entgegen, der Sommerschlussverkauf geht in die zweite Woche, es gibt Wichtigeres als KarstadtQuelle. Ein bisschen stolz sei man aber schon, dass der Name Schickedanz jetzt so oft in den Zeitungen stehe, hören die 68 Mitarbeiter des Schickedanz-Kaufhauses von ihren Kunden.

Die 12.500 Einwohner Hersbrucks können in dem zweistöckigen Gebäude am Markt Wäsche und Kleidung kaufen, ohne dafür ins 30 Kilometer entfernte Nürnberg zu fahren. Viel Geld verdient der Betreiber – der Quelle-Versand – zwar nicht. Doch das Haus hat nostalgischen Wert. Das „Lädle“, wie das Geschäft bei den Hersbruckern heißt, war einst die Lebensversicherung der Quelle-Inhaber. Gustav Schickedanz hatte den Versandhandel 1927 gegründet. Nach dem Krieg wurde er von den Amerikanern wegen seiner NSDAP-Mitgliedschaft kaltgestellt. Das ist die Stunde seiner Frau Grete. Sie eröffnet in Hersbruck ihr „Lädle“, ein kleines Textilgeschäft, mit dem sie die Familie über Wasser hält, bevor sie 1948 mit dem Quelle-Versand in Fürth neu startet. Die Tochter des Gründerpaars, Madeleine Schickedanz, hat noch immer einen Wohnsitz in der elterlichen Fachwerkvilla in Hersbruck.

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44 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 29.06.2010, 19:43 UhrAnonymer Benutzer: quelle shop

    Gerechtigkeit in Deutschland ist wohl ein Fremdwort.Für solche Leute müsste es wieder eine Todesstrafe geben.

  • 23.04.2010, 16:57 UhrAnonymer Benutzer: Durchblicker

    Guter Artikel, die Geschichte gäbe auch ein gutes Drehbuch ab.

    Allein, was nützt der beste Artikel, solange keiner der Verantwortlichen zur Verantwortung gezogen wird.

    Solange das Schmerzensgeld stimmt, ist diesen Leuten doch herzlich egal, ob die Volkseele kocht.


    Man darf gespannt sein, ob und wie es weitergeht. Das Ende der Geschichte wird vermutlich kein Happy ending sein, bei dem jeder das bekommt, was er verdient.

  • 18.03.2010, 11:54 UhrAnonymer Benutzer: erkenner48

    Wann kommt es zum Prozess gegen Oppenheim/Esch/Middelhoff und andere Manager? Oder bleibt es bei dem Vorwurf, daß Deutschland sich als bananenrepublik darstellt? Die Politik hat gänzlich versagt!!!

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