Architekt Wolfgang Christ im Interview: "Handel ist das Privileg der City"

Architekt Wolfgang Christ im Interview: "Handel ist das Privileg der City"

Bild vergrößern

Stadtforscher Wolfgang Christ

Die Karstadt-Mutter Arcandor ist pleite. Stirbt die City ohne die großen Einkaufsmagneten? Der Stadtforscher über die Krise der Kaufhäuser und die Zukunft unserer Innenstädte.

WirtschaftsWoche: Herr Christ, Arcandor-Chef Karl-Gerhard Eick hat gewarnt: Ein Verschwinden von Karstadt wäre eine „Katastrophe für die deutschen Innenstädte“. Stirbt eine Innenstadt ohne Kaufhaus?

Christ: Nein, so pauschal kann man das nicht sagen. Das Kaufhaussterben war ja längst absehbar. Es gibt allerdings Städte, für deren Mitte das Warenhaus immer noch eine Ankerfunktion hat, im Hinblick auf den Einzelhandel, aber auch die städtebauliche Orientierung. Wir haben ja erlebt, was es bedeutet, wenn in einer Stadt das einst stolze Postgebäude oder der Bahnhof geschlossen wird und man auf ein leeres Gebäude am Ende der Bahnhofstraße stößt. Aber es gibt eben auch Gegenbeispiele.

Anzeige

Welche sind das?

Der Leipziger Hauptbahnhof, der durch die Integration eines Shoppingcenters in die Bahnhofshalle wieder zu einem attraktiven Ort geworden ist, oder der Kasseler Bahnhof, der heute ein Kulturzentrum beherbergt. Es gibt eine Spannweite von Alternativen – nur: Es braucht Zeit, sie zu entwickeln, und Investoren, um sie zu realisieren.

Wenn Karstadt-Filialen schließen sollten – steckt darin angesichts der meist dürftigen Architektur nicht auch die Hoffnung auf einen Neuanfang für die Innenstädte?

Es könnte ein Segen sein, wenn es durchdachte Konzepte für eine andere Nutzung gäbe. Aber das ist, so weit ich sehe, kaum der Fall. Es gibt allenfalls einzelne Beispiele dafür, wie aus geschlossenen Kaufhäusern ein Standort für einen der großen Spezialmärkte entwickelt wurde. Etwa das Kaufhaus Kortum in Bochum, wo heute ein Mediamarkt zu Hause ist. Aber diese Kaufhäuser haben in der Regel drei oder vier Geschosse, manchmal sogar fünf. Und die neuen Mieter können davon höchstens zwei gebrauchen.

Die Karstadt-Häuser befinden sich in 1-a-Lagen. Könnte man die meist abweisend wirkenden Fassaden nicht aufbrechen und die Gebäude in Wohn- oder Büroimmobilien verwandeln?

Kreative Architekten sind zu allen möglichen Lösungen fähig. Die Häuser sind in der Regel ja sehr solide gebaut und bieten aufgrund ihrer Geschosshöhe und Barrierefreiheit hervorragende architektonische Ansätze, die anspruchsvolle Investoren eigentlich anziehen müssten. In den USA ist es schon seit Langem üblich, dass Warenhäuser zu Wohnhäusern umgebaut werden, mit Lofts und einer speziellen Mischung aus Wohnen und Arbeiten. Allerdings halte ich es in Deutschland angesichts der strategischen Lage dieser Häuser für problematisch, nach innen gerichtete Gebäude mit rein privater Nutzung zu bauen. Im Idealfall müsste so ein Haus 14 Stunden am Tag lebendig sein. Vor allem: Es müsste im Erdgeschoss einen intensiven Dialog mit der Straße oder dem Platz ermöglichen.

In großen Städten mag so etwas funktionieren. Aber wie wirkt sich das Kaufhaussterben in mittleren und kleineren Städten aus?

In den mittleren Städten ist das Warenhaus in den vergangenen zehn Jahren weitgehend durch das Shoppingcenter als Innenstadtanker abgelöst worden. Kaufhäuser wurden vielerorts in ein Center integriert. Ein aktuelles Beispiel ist Duisburg, wo Karstadt im vergangenen Jahr ein neues Gebäude eröffnet hat, das eine Ecke des Shoppingcenters markiert und architektonisch durchaus an die Qualität der großen Kaufhäuser der Gründerzeit anknüpft.

Es fügt sich ins städtebauliche Ensemble ein?

Ja, das Kaufhaus öffnet sich im Erdgeschoss der Fußgängerzone, aber auch der Mall. Und es bietet den Besuchern eine Dachterrasse. Man fährt die Rolltreppen hinauf zum Restaurant im obersten Stock, betritt den Dachgarten und blickt über die Stadt. Nur: In kleineren Städten, wo viele Kaufhäuser auf der Kippe stehen, funktioniert so etwas nicht. Die werden von den Shoppingcenter-Betreibern gar nicht erst ins Visier genommen, weil sie zu klein sind. Aber auch hier gibt es ein interessantes Gegenmodell: In Andernach ist vor ein paar Wochen eine Mini-Mall mit einem guten Dutzend Geschäften eröffnet worden auf einem Grundstück, auf dem vorher ein Hertie-Kaufhaus jahrelang leer stand. Das Konzept scheint aufzugehen.

Die Verödung der Zentren ist also nicht unvermeidlich?

Nein, die Warenhäuser spielen sowieso nicht mehr so eine große Rolle wie früher. Ihr Anteil am Einzelhandelsumsatz ist in den letzten Jahren stetig zurückgegangen, auch in den kleinen Städten. Der Handel hat sich, was man bedauern mag, weitgehend verlagert – in die Shoppingcenter, in Fachmärkte und Discounter, die sich an den Stadträndern und auf der grünen Wiese angesiedelt haben. Sie verkaufen, was klassischerweise das Warenhaus angeboten hat: Lebensmittel, Kleidung und Haushaltsartikel. Das heißt: Die dramatische Zuspitzung dieser Entwicklung mit der Insolvenz von Karstadt verkürzt nur den langfristigen Abwärtstrend.

Sehen Sie in dieser Entwicklung auch Chancen für die Kaufhäuser?

Durchaus. Aber es hat keinen Sinn, sie allein unter handelsökonomischen oder handelsarchitektonischen Gesichtspunkten zu analysieren und dann Konzepte daraus zu entwickeln. Die Wiederbelebung von Warenhäusern und Malls gelingt nur, wenn die öffentliche Hand die Innenstadt wieder als Investitionsschwerpunkt begreift, der auch private Investoren anlockt. Wenn man attraktive Wohnhäuser in der Innenstadt baut und ein urbanes Umfeld schafft, mit Parkanlagen, einladenden Plätzen, gepflegten Fußgängerzonen und intelligenten Verkehrsangeboten. Kurz, wenn es wieder Spaß macht, in der City zu leben. Was wir brauchen, ist eine integrative Planung, an der alle Akteure der Innenstadt beteiligt sind. Allein wird es das Kaufhaus nicht schaffen.

Anzeige
Unternehmer stellen sich vor
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%