Architektur: Blick zurück nach vorn

Architektur: Blick zurück nach vorn

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Modell für das rekonstuierte Berliner Stadtschloss: Bautechnisch ein Modell des 21. Jahrhunderts

Rekonstruierte Kirchen, wiederaufgebaute Schlösser, neu angelegte Renaissance-Gärten: Im wiedererwachten Wunsch nach Retro-Architektur steckt die Sehnsucht nach der alten Stadt.

Wer vom Braunschweiger Bahnhof Richtung Innenstadt schlendert, gerät in eine Zeitmaschine: Linker Hand eine dreispurige Straßenschneise mit Wohntürmen aus den Siebzigerjahren, rechter Hand eine von Gründerzeitvillen gesäumte klassizistische Parkanlage, schließlich ein mittelalterliches Fachwerkensemble mit romanischer Kirche und ein paar Schritte weiter die neue Mitte Braunschweigs: das Schloss – ein spätklassizistischer Monumentalbau, dessen Portikus stoisch auf das Einerlei der gegenüberliegenden Geschäftsbauten aus der Nachkriegszeit blickt.

Das Schloss, von Schinkel-Schüler Carl Theodor Ottmer (1800–1843) als Residenz für die Herzöge von Braunschweig-Lüneburg entworfen, dominiert souverän die Szene, als habe es hier schon immer gestanden.

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Nur das Mosaik von hellbraunen und angegrauten Steinen über der Säulenterrasse verrät, dass es sich um eine Replik handelt, in die Originalteile eingesetzt worden sind. Die mächtige Antiquität ist das modernste Gebäude am Platz, eine originalgetreue Rekonstruktion anno 2007, die der Hamburger Immobilienentwickler ECE den Braunschweigern spendiert hat.

Der Preis: ein 30.000 Quadratmeter Nutzfläche umfassendes Shoppingcenter, das hinter der Kolossalfassade hervorquillt. Wer durch das Schlossportal schreitet, wird von Starbucks empfangen und kann im ersten Stock zu Häupten Heinrichs des Löwen Mozzarella mit Tomaten genießen.

Der Braunschweiger Kulissenzauber, im Volksmund das „größte Vorhängeschloss der Welt“ genannt, ist nur das jüngste Beispiel einer Welle von Rekonstruktionsprojekten: Das Stadtschloss und die Bauakademie in Berlin, das Schloss und die Garnisonkirche in Potsdam, die Frauenkirche samt Neumarkt in Dresden, der Römerberg in Frankfurt und demnächst vielleicht der Renaissancegarten Hortus Palatinus in Heidelberg.

Vor allem in den vom Krieg zerstörten Metropolen regt sich die Sehnsucht nach der alten Stadt, nach unversehrten Bildern der Vergangenheit, nach Beheimatung in der Geschichte. Wenn am 14. September am „Tag des offenen Denkmals“ Schlösser, Kirchen, Fabriken und Scheunen die Tür in die Geschichte öffnen, werden wieder Millionen Schaulustige unterwegs sein, um einzutauchen in Historie.

Streit zwischen Traditionalisten und Modernen

Im wiedererwachten Interesse an rekonstruierter Architektur drückt sich der Wunsch nach kollektiver Identität aus, also nach unverwechselbaren, charakteristischen Stadtkulissen, die Herkunftsgeschichten erzählen, Erinnerungen festhalten und sichtbar machen, woher wir kommen und wer wir sind. Kein Zweifel, rekonstruierte Barockschlösser und Fachwerkhäuser kompensieren Geschichtsverluste.

Sie sind Stein gewordene historisierende Haltepunkte in einer rasant sich beschleunigenden Welt. So soll in Frankfurt laut Magistratsbeschluss das Technische Rathaus, ein Bau der Siebzigerjahre zwischen Dom und Römer, abgerissen werden, um Platz zu machen für sieben Kopien historischer Häuser und 30 historisierende Neu-Altbauten, die sich an die schmalen mittelalterlichen Grundrisse halten. Eine Neuauflage des Historismus wie einst im denkmalseligen 19. Jahrhundert?

Ullrich Schwarz, Geschäftsführer der Hamburgischen Architektenkammer, versteht den Trend zur Retro-Architektur als einen Versuch, in unsere Städte verloren gegangene Stabilität und Orientierung zurückzuholen. Innerhalb der deutschen Architektenschaft wächst die Zahl der Dissidenten, die nicht mehr an die Zukunftsversprechen der Moderne glauben.

Für Hans Kollhoff, den Hauptvertreter einer traditionsbewussten, Zweiten Moderne, kommt im zunehmenden Wunsch nach Rekonstruktionen die „Unzufriedenheit mit der zeitgenössischen Architekturproduktion zum Ausdruck“, die zu einem „vernachlässigbaren Nebenprodukt des Marketings für alles und nichts“ degeneriert sei.

Und für den Kölner Architekt Kaspar Kraemer, der sechs Jahre dem Bund Deutscher Architekten vorstand, verweist die Rückbesinnung auf die Tradition nicht nur auf die „Sehnsucht nach einer räumlich funktionierenden Stadt“, sondern vor allem auf die Versäumnisse der Nachkriegsmoderne: ihren „Hass auf die alte europäische Stadt“, ihre „Unfähigkeit zur Ensemblebildung“, ihre „Verleugnung des städtischen Raums“.

Weil nach 100 Jahren modernem Städtebau die Bilanz blamabel sei, werde das Alte nun als „mächtiges Bild gegen den Selbstverwirklichungswunsch einzelner Architekten mit ihrer ins Beliebige explodierenden Produktion“ gesetzt.

Vor allem am Wiederaufbau von Andreas Schlüters Berliner Stadtschloss entzündete sich der Streit zwischen Traditionalisten und Modernen. Wolf Jobst Siedler, der Wortführer der Schlossfreunde, hat den Kern der Debatte getroffen, als er fragte, "ob man den Architekten unserer Tage zutraut, in einem so sensiblen Zusammenhang, wie es die Mitte des klassischen Berlin ist, mit zeitgenössischen Mitteln die kahlen Flächen zu füllen, die der Abriss des Stadtschlosses und der Bauakademie hinterlassen hat“ – und er gab auch gleich die Antwort: Ein Architekt, der in der Nachbarschaft Schlüters, Knobelsdorffs und Schinkels bestehen könne, sei weit und breit nicht in Sicht.

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