Architektur: "Der Umgebung eins in die Fresse hauen"

Architektur: "Der Umgebung eins in die Fresse hauen"

Bild vergrößern

Das Nationalstadion in Peking, entworfen von Herzog & de Meuron

Der Stadtforscher Georg Franck über Bauen als Landplage und gute Architektur, die dem Ensemble dient.

Herr Professor Franck, wenn in zwei Wochen die Olympischen Spiele beginnen, richten sich die Blicke der Weltöffentlichkeit nicht nur auf die Athleten, sondern auch auf die Architektur. Könnte es sein, dass das Nationalstadion in Peking, das sogenannte Vogelnest, ein Symbol wird für ein moderneres, weltoffeneres China?

Durchaus. Es wäre nicht das erste Mal, dass ein modernes Bauwerk den Geist einer Nation, einer Epoche verkörpert. Denken Sie nur an das Opernhaus von Sydney mit seinen organisch gespannten Dachformen, die an geblähte Segel erinnern. Es wurde und wird als Ausdruck der Freiheit und des Aufbruchs zu neuen Ufern verstanden - ein wunderbares Beispiel für das, was Architektur zu leisten vermag.

Anzeige

Wie kommt es, dass Architektur solchen Symbolwert erlangen kann?

Entscheidend ist es, die richtigen Zeichen zu setzen. Je größer das Volumen, desto sinnfälliger, zwingender muss die Form sein. Ihre Qualität erschließt sich erst mit der Zeit. Dem Nest steht noch bevor, was das Opernhaus schon hinter sich hat: die Karriere zum Klassiker.

Wie wird ein Bauwerk ein moderner Klassiker?

Bleiben wir beim Opernhaus von Sydney. Ende der Sechzigerjahre, als es vollendet wurde, war es atemberaubend neu, es wurde überall publiziert, kam regelrecht in Mode. Doch der Neuigkeitswert verbrauchte sich, nicht zuletzt mit der Kritik an der Moderne. Aber diesen Niedergang der Mode hat es schadlos überlebt. Es ist immer noch ein Signet. So geht es jedem Klassiker: Er muss durch eine Phase der Inflation, die allen Neuigkeits- und Seltenheitswert zerfrisst. Wenn eine Architektur diese Phase überlebt, zeigt sich, dass sie noch andere Qualitäten hat als neu und spektakulär zu sein.

Die Städte wetteifern heute weltweit um Architektur. Sie verspricht Aufmerksamkeit, birgt sie auch Risiken?

Die technischen Möglichkeiten laden heutzutage zu extravaganten Formen geradezu ein. Das Risiko besteht darin, dass diese Möglichkeiten den Kräften der gestalterischen Beherrschung vorauseilen. Es gibt nichts Verheerenderes in der Architektur als die Beliebigkeit der ästhetischen Optionen. Dabei käme es gerade bei den starken, expressiven Formen darauf an, sie mit Sinn und innerer Notwendigkeit zu füllen. Außerdem: Wenn überall die Wackelpuddinge herumstehen, wird aus dem Jux schnell ein Ärgernis.

Sie spielen auf den amerikanischen Architekten Frank Gehry an, der bekannt ist für seine demonstrativ unkonventionellen Bauten. Weckt die serielle Exzentrik am Ende Überdruss?

Sie wird sinnlos – oder Reklame. Was wir im Moment erleben, ist die gezielte Verwendung der Architektur als Medium der Massenattraktion. Die Architektur soll Aufsehen erregen, daher der Hang zum überdimensional Auffälligen und effektvoll Deformierten. Das garantiert eine hohe Einschaltquote, aber noch keine Qualität. Gehry ist ein wichtiger Vertreter dieses Trends, gerade weil er im Hinblick auf den Umgang mit neuen biomorphen Formen Beispielhaftes geleistet hat, das die Konkurrenten, die es allenfalls zu penetranter Auffälligkeit bringen, deutlich übertrifft.

Warum ist er besser?

Er arbeitet dort, wo er die biomorphen Formen motiviert, wie ein Bildhauer, arbeitet an physischen Modellen, die er dann am Computer scannt und in ein Datenmodell übersetzt, um dann wieder zurückzugehen zum Ursprungsobjekt. So werden die Details skulptural durchdacht und durchfühlt. Deshalb hat das Guggenheim-Museum in Bilbao diese unglaubliche Präsenz, die es zum Klassiker machen...

…und Gehry einen Platz im Olymp der Stararchitekten sichern könnte?

Den hat er schon jetzt sicher. Anders als zu den Zeiten eines Le Corbusier, der auch hinreißend originelle Bauten geschaffen hat, ist der Stararchitekt selbst ein Marketingprodukt, dessen Ruhm auf den Bauherrn abstrahlt. Architektur dient heute der Vermarktung. Es ist ein Geschäft auf Gegenseitigkeit: Mit Bilbao wird nicht nur Guggenheim berühmt, sondern auch der Architekt.

Sie erinnern in Ihrem Buch „Architektonische Qualität“ daran, dass das Niveau des Bauens weniger eine Frage der Spitzen ist als des guten Durchschnitts. Wie steht es, gemessen daran, um die Baukultur in Europa?

Schlecht. Waren Bauten einmal eine Bereicherung der Landschaft, so ist das Bauen inzwischen zur Landplage geworden. Wo wir auch hinkommen, immer steht ein – meist unpassendes – Bauwerk im Weg. Architektur ist ein Massenprodukt und keine freie Kunst. Sie stellt Gebrauchsgüter her, die funktionieren müssen, und zwar technisch und ästhetisch. Funktionalität und Ästhetik sind in der Architektur, anders als das Programm der Moderne es will, weder Gegensätze noch überhaupt zu trennen.

"Der Umgebung eins in die Fresse hauen"

Die Moderne ist schuld am Niedergang der Baukultur?

Sie hat vergessen, dass Architektur keine Disziplin für Einzelkämpfer, sondern ein Mannschaftssport ist. Gute Architektur war immer Architektur in Gesellschaft. Der Architekt wusste früher, dass er erst im Ensemble über sich hinauswächst.

Die Mannschaft war der Star?

Ja, Baukultur bezieht sich immer auf das Bauen im Plural. Dieser Mannschaftssport funktioniert nur, wenn es Regeln gibt, die für alle gelten. In der Architektur gab es bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts einen Kanon konventioneller Formensprachen, der garantierte, dass auch ein mittelmäßig begabter Architekt anständig sprach.

Der Traditionsbruch der Moderne hat also dazu geführt, dass sich Altes und Neues nichts mehr zu sagen haben?

So ist es. Es fehlt die gemeinsame Sprache. Was Wunder, dass sich heute die heroischen Einzelkämpfer, deren Held Le Corbusier ist, verhalten wie der Meister selbst, der am liebsten die gesamte Innenstadt von Paris nördlich des Louvre plattgemacht hätte, um sie in eine Parklandschaft mit Hochhäusern zu verwandeln. Man zeigt Ellenbogen, haut der Umgebung „eins in die Fresse“ und demonstriert, dass man sich auf ein Spiel mit der Tradition erst gar nicht einlassen will. So kommt es, dass wir in unseren Altstädten regelmäßig auf Implantate stoßen, die sich zu ihrer Umgebung nicht zu verhalten wissen.

Anzeige
Unternehmer stellen sich vor
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%