Artikel von 1955: Die Grenzen des Steinkohlebergbaus

Artikel von 1955: Die Grenzen des Steinkohlebergbaus

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Schon 1955 ging es um die Bedeutung der Kohle im Energiehaushalt

Der Voräufer der "Wirtschaftswoche", "Der Volkswirt", prognostierte bereits 1955 den Engpass des Bergbaus schon damals fast auf den Punkt genau. Autor Bernd Huffschmid schrieb damals folgenden Artiekl.

Der westdeutsche Steinkohlenbergbau befindet sich an der Jahreswende 1955/56 auch diesmal wieder zahlreichen Fragen gegenüber. Sie kristallisieren sich im wesentlichen um zwei Probleme: einmal um den aktuen Arbeitermangel und zum anderen um die richtige Beurteilung der Kohle im Energiehaushalt von morgen und übermorgen. Im ersten Fall handelt es ich um ein Probelm im Sinne einer echten und unbestrittenen Schwierigkeit, die auf die eine oder andere Art überwunden werden muss. Der zweite Punkt stellt ein ungelöste Frage dar, auf die es viele verschiedene Antworten, aber noch keinen sicheren Bescheid gibt.Die Steinkohleförderung in der Bundesrepublik hat in dem zu Ende gehenden Jahr 1955 gegenüber dem Vorjahr nur einen kleinen Schritt nach vorn getan. Sie ist um rund zwei Prozent, nämlich von 128 auf etwa 130 bis 131 Millionen Tonnen angesteigen. Die Geringfügigkeit diees Fortschritts fällt umso mehr ins Gewicht, als sie in schroffem Gegensatz zur Marktentwicklung und Konjuntkur steht. Die Kohlen- und Kokshalden des Vorjahres sind längst verschwunden; die deutsche Wirtschaft zeigt einen Kohlenhunger wie noch nie; der Kohlenexport ist trotz erheblicher Schwierigkeiten um einige Millionen Tonnen gedrosselt worden, und die Kohleneinfuhr erreicht im laufenden Jahr eine bisher unerreichte Größenordnung. Es liegt also auf der Hand, dass die Zechen an der Ruhr gewiss mehr hergegeben hätten, wenn das möglich gewesen wäre. Sie konnten es nicht. Die Erklärung hierfür liegt merkwürdigerweise nicht in den Grenzen der Förderkapazität oder in fehlenden Investitionsmitteln, sondern allein bei dem Mangel an Arbetiskräften.

 Rechnet man die Jahresleistunng von 131 Millionenen Tonnen auf die tägliche Durchschnittsleistung um, so ergibt sich eine Tagesförderung von 437 000 Tonnen. Allein die Tatsache, dass in der Vergangenheit bereits in einem Monat, und zwar im November 1954, eine Tagesleistung im Durchschnitt von 454 000 Tonnen erzielt worden ist, zeigt, dass die Förderkapazität damals wenigstens bei 136 Millionenen Tonnen jährlich lag. Sie ist inzwischen weiter angewachsen und dürfte 140 Millionenen Tonnen überschritten haben. Die ist unlängst von dem Vorstand der größten Bergwerksgesellschaft an der Ruhr bestätigt worden. Es wurde nämlich mitgeteilt, dass ohne nennenswerten sachlichen Mehraufwand etwa zehn Millionenen Tonnen Kohle mehr gefördert werden könnten, wenn zusätzlcih 17 000 ausgebildete Bergarbeiter zur Verfügung ständen. Sie sind da, aber sie sind abgewandert und arbeiten heute in anderen Berufen. Sie verdienen durch Überstunden zum Beispiel in der Bauwirtschaft oder der Stahlindustrie mehr als vor der Kohle.Das akute zentrale Problem des Steinkohlebergbaus liegt also heute nicht etwa bei der Beschaffung von Investitionsmitteln und erst recht nicht bei der Sicherung des Absatzes, sondern sozusagen ausschließlich in der Sorge für eine ausreichende Belegschaft, die groß genug sein muss, um die vorhandene Förderkapazität auszufüllen. Die Hochkonjunktur der westdeutschen Wirtschaft , die im Zeichen der Vollbeschäftigung steht und praktsich keine Arbeitslosen mehr kennt, wirkt sich leider für den Steinkohlebergbau aus - in einer zunehmenden Arbeiterflucht aus den Zechen in weniger gefährliche und schwierige Berufe. Wenn nichts Entscheidendes geschieht, wird die Abwanderung im nächsten Jahr in verstärktem Maße anhalten, denn der Anreiz für die Bergarbeiter, in anderen gut bezahlten Berufen ihr Brot zu suchen, wird immer stärker. Die 45-Stunden-Woche, die im Bergabau als einzigem Industriezweig allgemein eingeführt ist, reicht allein nicht aus, die Leute zu halten.

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Löhne heraufgesetzt

Der Unternehmensverband Ruhrbergbau und die Leitungen der einzelnen Zechengesellschaften glauben zu wissen, wie dieser Frage beizukommen ist, die geradezu zur Existenzfrage des westdeutschen Steinkohlebergbaus zu werden droht. Es ist bezeichnend, dass die Zechendirektoren sich in diesen Wochen freiwillig bereit erklärt haben, die Löhne der Bergarbeiter trotz des bis Mai 1956 laufenden Tarifvertrages sofort heraufzusetzen, sobald die Stahlarbeiter ihre Lohnforderungen verwirklicht haben; denn niemand bestreitet, dass die Kumpels "an der Spitze der Lohnskala stehen müssen". Außerdem sind Vorschläge gemacht worden, die Lohnsteuer der Bergarbeiter auf die Hälfte herabzusetzen, um ihnen einen weiteren, ins Gewicht fallenden Vorteil zu bieten. Die Verhandlungen hierüber sind noch nicht abgeschlossen. Man darf nur wünschen, dass der Finanzminister eine positive Eintscheidung fällt, ehe es zu einer ausgeprochenen Katastrophe kommt.Schließlich ist angeregt worden, die Bergarbeiter vom Wehrdienst zu befreien. Ob ein solches Entgegenkommen wirksam genug sein wird, um die Arbeiter in den Gruben zu halten, ist umstritten und noch nicht zu übersehen. Es gibt Kenner des Reviers und der Zechenbelegschaft, die der Auffassung sind, dass die jungen Bergarbeiter vielleicht nicht ungern einmal ihren Pütt mit dem Kasernenhof vertauschen.

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