Atomkraftwerke: Wer liefert die Energie nach dem Abschalten

Atomkraftwerke: Wer liefert die Energie nach dem Abschalten

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Strommasten

von Andreas Wildhagen

Netzbetreiber machen die Rechnung auf, wer im Notfall einspringt, wenn im Mai 13 deutsche AKW vom Netz gehen.

Ein Manager des französischen Energiegiganten EDF, der vergangene Woche auf der Durchreise in Berlin Station machte, konnte ein Schmunzeln über die Abschaltung deutscher Atomkraftwerke nicht verbergen: „Das Ganze ist für die französische Nuklearindustrie eine sehr positive Entwicklung.“

Was „sehr positiv“ in der Praxis bedeutet, haben jetzt erstmals jene Unternehmen ausgerechnet, die in Deutschland Stromnetze betreiben, allen voran der niederländische Tennet-Konzern sowie Amprion, eine Tochter des Essener Versorgungsriesen RWE.

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Das Ergebnis der Modellrechnungen enthält zwei Botschaften:

Die deutsche Industrie muss kaum fürchten, durch den bevorstehenden Wegfall von 16.000 Megawatt AKW-Leistung im Mai unter Strommangel zu leiden. „50 Prozent der fehlenden Strommenge leiten wir aus dem Ausland zusätzlich in das deutsche Netz, die anderen 50 Prozent werden durch das Hochfahren deutscher Kohle- und Gaskraftwerke ersetzt“, erklärte eine Tennet-Managerin gegenüber der WirtschaftsWoche.Größter Profiteur des bevorstehenden blitzartigen Teilausstiegs Deutschlands aus der Kernenergie wird Frankreichs staatlich dominierter Energiekonzern EDF sein, der landesweit 58 Atommeiler betreibt. Allein das Groß-AKW im lothringischen Cattenom wird nach Rechnung der Netzmanager, sofern nötig, gut ein Viertel der hier wegbrechenden Strommengen im Mai ersetzen. Ein weiteres Viertel käme falls erforderlich vom niederländischen AKW Borsselen und dem tschechischen Kernkraftwerk Temelin.

Tennet, Amprion und Co. stellen solche Rechnungen für den Notfall an, weil im Mai durch das Moratorium der Bundesregierung sowie planmäßige Revisionen 80 Prozent der deutschen AKW-Leistung vom Netz gehen werden.

Dass ausgerechnet das durch einige Störfälle bekannte Cattenom zu den bevorzugten Lückenfüllern avanciert, resultiert aus der geografisch günstigen Lage. Der gewaltige Atomkomplex besteht aus vier Reaktoren zu je 1300 Megawatt, jeder so groß wie Brokdorf oder Isar 2. Die Anlagen arbeiten im gleichnamigen 2000-Seelen-Ort am Ufer des französischen Teils der Mosel: 200 Kilometer westlich der Industrieregion Rhein-Main und 165 Kilometer südlich von Köln.

Damit ist Cattenom besonders geeignet, bei Bedarf die zusammen weniger als halb so großen RWE-Kernkraftwerke Biblis A und B an der südhessischen Bergstraße teilweise aufzuwiegen. Denn die sogenannten Kuppelleitungen, die den Übergang von einem nationalen Stromnetz ins andere ermöglichen, sind nach Angaben von Amprion-Managern im Südwesten Deutschlands überdurchschnittlich gut ausgebaut. Hinzu komme, dass der Strom bei Überlastung einzelner Netzstellen ersatzweise auch über Belgien, die Niederlande oder die Schweiz nach Deutschland umgeleitet werden könne. Nicht ganz so problemlos dürfte der zusätzliche Strom aus dem tschechischen AKW Temelin fließen, da die Kuppelstellen an den Ostgrenzen noch nicht ausreichend technisch aufgerüstet sind.

Dass die andere Hälfte der ausfallenden AKW-Leistung nach Einschätzung von Energiemanagern vollständig durch deutsche Gas- und Kohlekraftwerke ersetzt werden kann, liegt an der Unterauslastung der fossilen Stromfabriken. So ist ein Steinkohlekraftwerk von den insgesamt 8760 Stunden, die jedes Kraftwerk in Deutschland einschließlich der AKW im Jahr theoretisch laufen könnte, im Schnitt nur 4500 Stunden am Netz. Ein Braunkohlekraftwerk kommt auf 6820 Stunden, ein Gaskraftwerk lediglich auf 3300 Stunden. Da nach Aussagen eines E.On-Managers nur 15 Prozent der maximalen jährlichen Betriebsdauer für Wartung anstehen, könnte jedes deutsche Steinkohlekraftwerk somit „gut 3000 Stunden im Jahr länger laufen“ als bisher.

Sorge bereitet den Netzbetreibern deshalb nicht der ausbleibende deutsche AKW-Strom, sondern die Belastung der Leitungen durch den zusätzlichen Import. „Es wird keine Atomlücke in Deutschland geben“, warnt ein RWE-Manager, „sondern eine Netzlücke beziehungsweise eine Netzschwäche.“ Dann werde auch der Umweg über ausländische Netze möglicherweise nur wenig helfen. „Wenn Cattenom richtig aufdreht“, beschreibt der RWE-Manager den schlimmsten Fall, „kann das belgische Netz kaputtgehen. “ 

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