AUB-Vorstand Forstreuter im Interview: "Das ist nicht mehr der Schelsky, den ich kenne"

AUB-Vorstand Forstreuter im Interview: "Das ist nicht mehr der Schelsky, den ich kenne"

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Der frühere AUB-Chef Wilhelm Schelsky auf der Anklagebank in Nürnberg

Der eine gab Millionenzahlungen zu, der andere saß auf der Anklagebank und schwieg: Der Prozessauftakt um die verdeckte Siemens-Finanzierung der Arbeitnehmerorganisation AUB verlief unspektakulär. Das könnte sich am Dienstag ändern, wenn der ehemalige AUB-Chef und Hauptangeklagte Wilhelm Schelsky aussagt. wiwo.de sprach mit Heinz-Jürgen Forstreuter, einem Gründungsmitglied der AUB und langjährigem Weggefährten Schelskys, über den Fortgang des Prozesses – und den Fortbestand der AUB.

WirtschaftsWoche: Herr Forstreuter, was ist Ihr Eindruck nach den ersten zwei Prozesstagen?

Forstreuter: Das ist nicht mehr der Schelsky, den ich kenne. Er hat auf der Anklagebank keinen gesunden Eindruck gemacht. Und er war auch nicht mehr diese bestimmende Persönlichkeit, die ich in Erinnerung hatte.

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Woran haben Sie das am deutlichsten gemerkt?

Es waren die Äußerlichkeiten. Den Kopf in die Hände zu stützen oder die Hände vor das Gesicht zu halten, das hätte Schelsky früher nie gemacht. Ganz abgesehen davon: Ein Cappuccino und eine Zigarette gehörten eigentlich immer zu seinem festen Erscheinungsbild dazu. Im Gerichtssaal, wo man natürlich weder rauchen noch trinken kann, fehlte einfach beides.

Erwarten Sie in der nächsten Woche, wenn Schelsky aussagen wird, Überraschungen? Schelskys Anwalt hat laut Medienberichten für nächste Woche ein Teilgeständnis seines Mandanten angekündigt…

Das Wort Teilgeständnis ist nicht gefallen. Sein Anwalt sagte nur, sein Mandant brenne darauf, sich zu äußern. Und er sei fit und würde kämpfen.

Kann es sein, dass Schelsky sich jetzt sagt: Wenn ich schon untergehe, nehme ich noch ein paar andere mit?

Das kann ich nicht ausschließen. Aber meine persönliche Vermutung ist, dass er die Vorwürfe bestätigen wird, die die Finanzierung der AUB betreffen. Ich glaube, dass er sagen wird, er hat den Auftrag, für Siemens mit Siemens-Geld die AUB aufzubauen, definitiv bekommen und ihn bestmöglich erfüllt.

Müssen AUB-Funktionäre jetzt befürchten, dass bekannt wird, wer hinter ihren Kandidaturen stand – und dass sie sozusagen Arbeitgeber-gesteuert waren? Das ist wirklich völlig falsch rübergekommen. Ich weiß ja genau, wie ich mir als Listenführer meine Kandidaten ausgesucht habe. Sicherlich hat man das eine oder andere Mal auch mit einem Abteilungsleiter gesprochen. Wenn man in einem Unternehmen einen Betriebsrat errichten will und Leute anspricht, ob sie kandidieren wollen, gibt es gelegentlich schon  Bedenken, wie der Chef wohl auf ein solches Ansinnen reagiert. Dann habe ich oft ein gemeinsames Gespräch mit diesem vorgeschlagen, um seine Meinung zu dieser Thematik zu hören. Auch Führungskräfte können ja, wenn sie keine leitenden Angestellten sind, durchaus zum Betriebsrat kandidieren und werden zum Teil sogar gewählt…Das ist im Übrigen eine  weitverbreitete Vorgehensweise beim Aufstellen von Kandidaten – auch bei unseren Mitbewerbern, in den etablierten Gewerkschaften. Sie waren seit Anfang der 1980er-Jahre Betriebsrat. Sagen Sie wie der jetzige AUB-Vorsitzende Rainer Knoob: Wir wurden von Schelsky „gutgläubig missbraucht“? Ja, klar, wir waren die Frontschweine.  Wir wussten alle nichts von den heimlichen Finanzbeziehungen und von den Einflussnahmen durch das Siemens-Management. Allerdings haben wir auch nicht kritisch genug nachgefragt. Weil Schelsky es nicht zuließ. Und weil wir uns letztlich damit zufrieden gaben. Haben einige Unternehmen von Schelskys Aussagen in der nächsten Woche etwas zu befürchten? Er hat ja angeblich mit dem Management von bis zu 40 Unternehmen AUB-Aktivitäten geplant. Dass sie sich fürchten müssen, glaube ich nicht. Herr Schelsky ist nahezu zwei Jahrzehnte als AUB-Vorsitzender durch Deutschland gefahren und hat vermutlich mit hunderten von Unternehmen gesprochen. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass von den genannten 40 Unternehmen einige bei der AUB anriefen, weil sie gehört hatten, dass es durchaus etwas anderes als etablierte Gewerkschaften gibt. Von der AUB, aber nicht nur von Schelsky, sind diese Unternehmen dann über Betriebsratsarbeit informiert worden. Ich selbst bin auch schon in andere Betriebe gefahren, wenn ich einen Anruf bekommen habe – das letzte Mal vor rund anderthalb Jahren zu Kollegen von IKEA im Ruhrgebiet.. Feldmayer sagte in dem Prozess, es sei „allgemein bekannt, dass die AUB ein Siemens-Kind ist“. Wann war das im Rückblick für sie klar? Siemens-Kind kann man ja auf viele Dinge beziehen. Man kann es darauf beziehen, dass Siemens der AUB Geld gegeben hat. Darauf habe ich es nie bezogen. Aber die Aussage stimmt insofern, als die ersten AUB-Betriebsräte nun mal bei Siemens waren. Die AUB ist bei Siemens in Erlangen entstanden – und zwar bereits vor dem Gründungstermin in den 1970er-Jahren. Von Siemens-Geld kann damals ja wohl überhaupt keine Rede gewesen sein. Wurde AUB-intern die Nähe zu Siemens diskutiert? Diese wurde uns von den Gewerkschaftskollegen schon seit langem vorgeworfen. Diesen Mantel wollten wir uns jedoch nie anziehen. Im Übrigen waren selbst im Jahr 2001, und von diesem Jahr und den Jahren danach ist ja im Prozess die Rede, von den AUB-Mitgliedern nur rund 20 Prozent bei Siemens beschäftigt. 80 Prozent arbeiteten in anderen Firmen. Die AUB ist zwar bei Siemens entstanden, war aber dann sehr schnell in allen möglichen Firmen vertreten.

Im Rückblick betrachtet: Gab es bei der AUB Vorkommnisse, bei denen Sie persönlich stutzig geworden sind? Etwa, dass für Nichtigkeiten besonders viel Geld zur Verfügung stand? Wir haben für Tagungen große, aber durchaus normale Hotels gebucht – das war nicht das „Vier Jahreszeiten“ in München. Aber es gab ein persönliches Highlight: Ich habe vor einigen Jahren mal im Fernsehen rumgezappt und sah plötzlich auf Eurosport die deutsche Curling-Nationalmannschaft im AUB-Trikot rumlaufen. Da konnte ich mir überhaupt keinen Reim drauf machen. Als ich Schelsky fragte, was es damit auf sich habe, meinte er „Das geht Dich gar nichts an“. Das war eine Aussage, mit der ich mich damals leider zufrieden gegeben habe. Spielte Feldmayer für die AUB früher eine Rolle? Hatte er einen bestimmten Ruf? Feldmayer hatte einen exzellenten Ruf, aber der hatte mit der AUB nichts zu tun. Er hatte einen so guten Ruf, dass man davon ausging, er wäre der Nachfolger von Heinrich von Pierer. Ich glaube persönlich, dass Feldmayer das Pech hatte, zum verkehrten Zeitpunkt die verkehrte Tür aufzumachen. Er hat eine Geschichte geerbt, die durchaus auch ein anderer hätte erben können. Feldmayer war nur die Rampensau. Die AUB befindet sich derzeit im Überlebenskampf. Wie groß sind denn Ihrer Meinung nach die Chancen, dass die AUB ihre dunkle Vergangenheit abstreifen kann? Die dunkle Vergangenheit werden wir nie abbauen können, aber ich glaube nach wie vor an die Idee der unabhängigen Arbeitnehmervertretung in Deutschland. Erste Erfolge haben wir bereits: Der Mitgliederschwund ist gebremst worden… ...mit der Tendenz, dass es bald nur noch 7000 Mitglieder gibt.   ...über 7300 sind es derzeit. Ich hoffe, dass wir nach Prozessende einen Schlussstrich ziehen und wieder nach vorne blicken können. Eine Alternative zu den Betriebsräten der großen, oft dogmatischen Gewerkschaften wird in den Unternehmen gebraucht. AUB-Betriebsräte sind nicht aus Prinzip auf Krawall gebürstet. Aber wir setzten uns für örtliche betriebsbezogene Lösungen ein, die im Interesse der Arbeitnehmer und keineswegs per se arbeitgeberfreundlich sind. Das halte ich nach wie vor für richtig. Vor allem haben und brauchen wir nicht so ein Funktionärstum wie unsere Gewerkschaftskollegen.

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