Aufsichtratschef Paul Achleitner: Deutsche Bank sucht eine neue Machtbalance

Aufsichtratschef Paul Achleitner: Deutsche Bank sucht eine neue Machtbalance

, aktualisiert 15. November 2011, 17:02 Uhr
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Der Vorstandsvorsitzende der Allianz AG, Michael Diekmann (l), und Finanzvorstand Paul Achleitner unterhalten sich.

Quelle:Handelsblatt Online

Paul Achleitner, der künftige Chefkontrolleur der Deutschen Bank, ist Investmentbanker mit Vorliebe für komplexe Finanzdeals. Was bedeutet das für die Führung des Instituts? Kritiker fürchten einen Strategieschwenk.

Paul Achleitner hat als Finanzvorstand der Allianz ein Motto kreiert, was er auch bei der Deutschen Bank gut anwenden kann: „Boring is the new sexy“, sagte der 55-Jährige einmal, der mit seiner umsichtigen Art entscheidend dazu beigetragen hat, dass die Allianz die Krisen an den Finanzmärkten bisher gut überstanden hat. Sein Wechsel auf den Chefsessel im Aufsichtsrat der Deutschen Bank dürfte zumindest dafür sorgen, dass die Deutsche Bank in den nächsten Monaten weniger Schlagzeilen produziert, als wenn Deutsche-Bank-Chef Ackermann selbst den Posten ohne Karenzzeit eingenommen hätte.

Ein wenig mehr Langeweile würde auch der Deutschen Bank nicht schaden. Kritiker bezeichnen das Institut schon lange als Hedgefond mit angeschlossener Geschäftsbank. Finanzexperten glauben aber, dass Achleitners Motto nur Augenwischerei ist, dass er in seinem Herzen immer Investmentbanker geblieben ist - und dass das Institut unter seiner Führung wieder mehr Investmentbank wird, statt die Risiken in dem Geschäftsbereich zu reduzieren.

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Mit seiner Kür zum nächsten Aufsichtsratschef bekommt das Geschäft mit Emissionen, Derivaten und Finanzinnovationen in der Führungsriege des Branchenprimus ein Übergewicht. Der 55-jährige Allianz -Vorstand ist Fusionsspezialist mit besonderer Vorliebe für komplexe Deals. Als ehemaliger Top-Banker des US-Geldhauses Goldman Sachs kennt er das Kapitalmarktgeschäft in- und auswendig. Daher geht unter einigen Arbeitnehmern und deutschen Aktionären bereits die Sorge vor einem Strategieschwenk der größten deutschen Bank um.

„Wir hoffen sehr, dass Achleitner für beide Seiten der Bank steht und integrierend wirkt“, sagt Klaus Nieding, Aktionärsvertreter der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW).

Auch Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) warnt die Deutsche Bank davor, sich zukünftig noch stärker auf das Investmentgeschäft zu konzentrieren. "Ich gehe davon aus, dass sich die Großbanken, auch die Deutsche Bank, ihrer Verantwortung bewusst sind, und die Mittelstandsfinanzierung wieder stärker in den Mittelpunkt rücken", sagte Rösler dem Handelsblatt. Kleine und mittelständische Unternehmen seien das Herz der sozialen Marktwirtschaft in Deutschland. "Ihre Kreditversorgung ist eine zentrale Aufgabe", sagte Rösler.

Eigentlich war die neue Machtbalance der Deutschen Bank in wochenlangen Gesprächen mühsam austariert worden. Mit dem Top-Investmentbanker Anshu Jain und Deutschland-Chef Jürgen Fitschen als Nachfolger von Vorstandschef Josef Ackermann sind die beiden Säulen - riskantes Kapitalmarktgeschäft und stabiles Privat- und Firmenkundengeschäft - ab Mitte 2012 in der Spitze vertreten. Zusätzlich sollte Ackermann dann als Aufsichtsratschef für Ausgleich sorgen.


Arbeitnehmer fürchten falsche Machtverteilung

Hierauf hatten besonders die Arbeitnehmervertreter im Kontrollgremium gepocht. Sie fürchteten sonst ein Übergewicht der vor allem in London ansässigen Investmentbanker gegenüber den Mitarbeitern des traditionellen Bankgeschäfts hierzulande. Doch Ackermann musste fürchten, die für einen solchen direkten Wechsel vorgeschriebene Unterstützung von 25 Prozent der Investorenstimmen nicht zu bekommen. Daher soll es nun Achleitner richten.

„Er ist ein reinrassiger Investmentbanker, aber wer weiß - Ackermann hat sich ja auch vom Saulus zum Paulus gewandelt“, sagte ein Analyst, der nicht namentlich genannt werden will.

„Wir begrüßen die Entscheidung aus Aktionärssicht, da eine unmittelbare Kandidatur von Herrn Dr. Ackermann für den Aufsichtsratsvorsitz zu potenziellen Interessenkonflikten und daraus resultierenden Reputationsrisiken für die Deutsche Bank geführt hätte“, kommentiert Ingo Speich, Portfoliomanager der Fondsgesellschaft Union Investment, den überraschenden Rückzug des Schweizers. Zu den Erwartungen an Achleitner äußert sich der Investor nicht. Er fordert lediglich, dass Achleitner seine weiteren Aufsichtsratsmandate auf den Prüfstand stellt, um sich ganz der neuen Aufgabe widmen zu können.

Die DSW hat den Verzicht von Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann auf einen Wechsel in den Aufsichtsrat des Instituts bedauert. „Damit geht den deutschen Dax-Unternehmen nach Werner Wenning und Klaus Hambrecht jetzt bereits der dritte erfolgreiche Konzernchef für die Zukunft verloren“, sagte DSW-Präsident Ulrich Hocker am Dienstag in Düsseldorf.

Auch die DSW habe die Pläne Ackermanns, in den Aufsichtsrat zu wechseln, kritisch gesehen, sagte Hocker. Allerdings sei gegen den direkten Wechsel eines Vorstands in den Aufsichtsrat als einfaches Mitglied nichts einzuwenden. „Dass Ackermanns einzigartige Expertise der Bank nun vollständig verloren geht, ist aus Aktionärssicht sehr bedauerlich“, erklärte Hocker.

Die Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat, die der neuen Personalie zugestimmt haben, setzen offenbar darauf, dass der Österreicher in seiner Zeit bei der Allianz auch die Vorzüge eines konservativen Geschäftsmodells schätzen gelernt hat. „Durch die Arbeit bei dem Versicherer hat er bei uns einen Vertrauensvorschuss, dem er nun gerecht werden muss“, sagt ein Bank-Insider.

Kritiker werfen dem Ex-Goldman-Banker dagegen vor, dass er beim Versicherer die treibende Kraft hinter der Dresdner-Bank-Übernahme war. „Das war der schlechteste Kauf in der Allianz-Firmengeschichte“, urteilen die Analysten von Silvia Quandt Research.

Letztlich könnte das schwierige Marktumfeld dazu führen, dass sich die Furcht vor einem dramatischen Übergewicht des Investmentbankings als unbegründet erweist. Angesichts rapide schrumpfender Renditen in diesem Geschäftsfeld dürften Jain, Fitschen und Achleitner gar nichts anderes übrig bleiben, als Ackermanns Kurs der Stärkung der traditionellen Bankgeschäfte fortzusetzen. Klar ist aber auch, dass die Doppelspitze im Vorstand nun höhere Freiheitsgrade haben wird als bei einem Aufsichtsratschef Ackermann. „Das Tandem hat mehr Freiraum zur Entfaltung“, beschreibt es Aktionärsvertreter Nieding. Ein Investor ergänzt: „Hoffentlich strampeln beide gleich stark.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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