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Aufsichtsrats-Ranking: Die Überwacher der Dax-Konzerne

von Dieter Fockenbrock Quelle: Handelsblatt Online

Noch führt Multiaufseher Gerhard Cromme das Handelsblatt-Ranking der einflussreichsten deutschen Aufsichtsräte an. Doch ein weiterer Tausendsassa schickt sich an, den führenden Kontrolleur von der Spitze zu verdrängen.

Die Studie: In Kooperation mit der Georg-August-Universität Göttingen hat das Handelsblatt die Umfangreiche Studie über die Macht deutscher Aufsichtsräte erstellt. Dafür wurden 160 Geschäftsberichte der führenden Unternehmen aus den Börsensegmenten Dax, MDax, SDax und TecDax ausgewertet. Jedes Mandat wurde nach den drei Kriterien Reputation, Netzwerk und Status gewichtet (für jeden Faktor wurden maximal 100 Punkte vergeben). Summiert ergibt das die Gesamtwertung der Macht jedes einzelnen Aufsichtsrats.

Bild: dapd

Wer zieht die Fäden im Hintergrund? Wer ist der einflussreichste Aufsichtsrat in den wichtigsten börsennotierten deutschen Aktiengesellschaften? Das jährliche Handelsblatt-Ranking beantwortet diese Frage klar: Gerhard Cromme, Aufsichtsratsvorsitzender bei Siemens und Thyssen-Krupp sowie mit weiteren Mandaten bei der Allianz und dem Springer-Verlag bestens ausgelastet, ist weiterhin der mächtigste Aufseher der Republik. Vorerst. Denn im September wird Cromme die langjährige Spitzenposition an Paul Achleitner abgeben müssen.

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Grund ist nicht etwa die Übernahme weiterer Mandate durch den neuen frisch gekürten Deutsche-Bank-Chefkontrolleur Achleitner oder der Verlust eines Postens für Cromme. Es ist ein indirekter Effekt, weil in das Ranking auch Reputation, Netzwerk und Status einfließen. Und durch einen Wechsel bei Bayer gewinnt Achleitner wichtige Netzwerkpunkte.

Bei Bayer übernimmt Werner Wenning das Ruder, der 74-jährige Multiaufseher Manfred Schneider (RWE, Linde) steigt in Leverkusen aus. Wenning rückt im Herbst auf Platz fünf der mächtigsten Aufseher der Republik.

Machtfaktor 1: Reputation

  • Einflussfaktoren

    Wie hoch ist die Außenwirkung eines Aufsichtsrats? Wie werden seine Mandate in der Öffentlichkeit wahrgenommen? Welche Bedeutung hat das Unternehmen? Diese Fragen werden mit dem Reputationsindex beantwortet.

  • Einflussfaktor Unternehmensgröße

    Der Aufseherjob in einem renommierten Dax-Konzern wie Bayer wiegt naturgemäß schwerer als ein Posten bei der kleinen MDax-Firma Baywa. Selbst Dax-Konzern ist nicht gleich Dax-Konzern. Wer bei Siemens (360.000 Mitarbeiter, 69 Milliarden Euro Börsenkapitalisierung) Aufsicht führt, hat ein anderes Ansehen als jemand bei Beiersdorf (19.000 Beschäftigte, elf Milliarden Euro Börsenwert). Das alles fließt in die Bewertung ein.

  • Teilindikatoren

    Um die Reputation eines Aufsichtsrats zu messen, wird deshalb jedes seiner Mandate anhand von drei Teilindikatoren bewertet. Erstens nach der Index-Zugehörigkeit. Zweitens wird die Größe des Unternehmens nach Zahl der Beschäftigten gemessen und drittens die Bedeutung am Markt anhand der Börsenkapitalisierung eingestuft.

  • Gewichtung von Chefposten

    Das Amt des Vorsitzenden wird mit der doppelten Punktzahl gewichtet, weil dieser laut Aktiengesetz das Gremium nach außen repräsentiert - und weil ihm das Gesetz auch mit dem zweifachen Stimmrecht für Pattsituationen eine herausragende Rolle zuweist.

  • Vorteile von Mehrfach-Vorsitzenden

    Die Toppositionen im Reputationsindex werden trotzdem nicht automatisch nur von Mehrfach-Vorsitzenden belegt. Aber es hilft natürlich. Clemens Börsig musste nach Übergabe des Chefpostens im Aufsichtsrat der Deutschen Bank an Paul Achleitner Ende Mai deshalb auch die Position drei im Reputationsranking räumen.

Nach Ablauf der Hauptversammlungssaison avancieren Siemens-Chef Peter Löscher (Deutsche Bank, Munich Re) oder Franz Haniel (Metro, BMW), der für 600 Gesellschafter des Duisburger Mischkonzerns Haniel spricht, in die Topgruppe der 30 einflussreichsten Kontrolleure. Auch Ex-Allianz-Finanzvorstand Helmut Perlet (Allianz, Gea) steigt in diesen Kreis auf.

Jürgen Kluge und Hennig Schulte-Noelle sind dagegen im Handelsblatt-Ranking der mächtigsten Aufseher abgestiegen. Schulte-Noelle vor allem, weil er seinen Chefposten als Allianz-Aufseher an Perlet übergab. Kluge dagegen ist Opfer des Streits um Strategie und Einfluss im Dax-Konzern Metro. Dort musste er nicht nur den Vorsitz des Aufsichtsrats an den Repräsentanten des Großaktionärs Franz Janiel abgeben. Auch seine Tage beim Pharmagroßhändler Celesio und beim Büromöbelversender Takkt dürften gezählt sein. Denn beide Unternehmen gehören zum Einflussbereich des Haniel-Clans.

Machtfaktor 2: Netzwerk

  • Warum ein guter Draht entscheidend ist

    Der Einfluss eines Aufsichtsrats hängt ganz entscheidend von seinen persönlichen Kontakten ab. Gut vernetzte Räte können sich auf kurzem Wege selbst Rat einholen, bringen durch die Kontakte neue Ideen ein. Der kurze Draht zu einem exzellenten Juristen oder einem Branchenkenner spart nicht nur Geld und Arbeit, sondern kann vor mancher Fehleinschätzung bewahren. Kontakte helfen auch bei der Suche nach qualifizierten Vorständen. Professionelle Aufseher sind daher immer bestens verdrahtet.

  • Der Netzwerk-Indikator

    Der Netzwerk-Indikator untersucht daher: Wer kennt wen in welchem Aufsichtsrat? Und: Wie gut ist die Kontaktperson wiederum mit anderen Aufsichtsräten vernetzt? Gemessen wird also nicht nur die Zahl, sondern auch die Qualität der Kontakte. Bessere Kontakte erhalten höhere Punktbewertungen.

  • Anzahl der Kontakte

    Zwischen den 885 Aufsichtsräten ergeben sich - rein statistisch betrachtet - über 6800 Kontakte. Einschließlich der indirekten Zweitkontakte sind es rund 69.000 Verbindungen. Doch die Zahl an sich ist eben nicht entscheidend. Den Multi-Aufseher Manfred Schneider beispielsweise zu kennen, der über weitere hochwertige Kontakte verfügt, ist danach zweifellos wichtiger als Igor Landau, den gebürtigen Franzosen, aber kaum vernetzten Adidas-Chefaufseher.

  • Die besten Netzwerker

    Top-Netzwerker unter den Aufsichtsräten ist nach dem Handelsblatt-Ranking jetzt Henning Kagermann, dessen Mandate bei BMW, Deutsche Bank, Post und Munich Re ein hervorragendes Netzwerk darstellen. Dabei hat der ehemalige Chef des Softwareunternehmens SAP noch nicht einmal einen Posten als Vorsitzender.

Beim Handelsblatt-Ranking werden nicht nur die Mandate gezählt und mit der wirtschaftlichen Bedeutung des jeweiligen Unternehmens gewichtet. Die Wissenschaftler der Universität Göttingen, die unter Leitung von Professor Michael Wolff das Ranking regelmäßig für das Handelsblatt aktualisieren, werten auch Netzwerke und Status der Aufseher aus.

1 KommentarAlle Kommentare lesen
  • 02.07.2012, 20:39 Uhrsons_of_liberty

    "Beim Handelsblatt-Ranking werden nicht nur die Mandate gezählt und mit der wirtschaftlichen Bedeutung des jeweiligen Unternehmens gewichtet."

    Leider sagt der gesamte Artikel nichts über die Kompetenz des Aufsichtsrates aus.

    Es reicht nicht aus Hochglanz Corporate Governance Broschüren zu drucken während die "besten Netzwerker" sich gegenseitig die Klinke in die Hand drücken.

    Sollte man sich nicht lieber mit den Zahlreichen Fehltritten und Seilschaften der deutschen Aufsichtsräte befassen als hier eine Miss-Wahl zu veranstalten?

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