August-Wilhelm Scheer: "Deutschland fehlt ein Masterplan"

August-Wilhelm Scheer: "Deutschland fehlt ein Masterplan"

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August-Wilhelm Scheer

von Jürgen Berke

Der scheidende Verbandschef, August-Wilhelm Scheer, fordert eine Industriepolitik für die IT- und Telekommunikationssparte.

WirtschaftsWoche: Herr Professor Scheer, Nokia sucht die Rettung durch Annäherung an Microsoft. Die Deutsche Telekom gibt in den USA auf und schrumpft auf Europa-Niveau. Gibt es in der Informations- und Telekommunikationsbranche, kurz: ITK, bald keine Global Player mehr aus der Alten Welt?

Scheer: Nokia ist Weltmarktführer bei Handys, und die Partnerschaft mit Microsoft ist absolut gleichrangig. Die Deutsche Telekom gehört zu den größten Netzbetreibern weltweit. Und wir haben in der Alten Welt weiterhin absolute Top-Unternehmen, um die uns andere beneiden: Alcatel, Ericsson, Giesecke & Devrient, Infineon, SAP, Telefónica und viele andere. Allerdings ist SAP 40 Jahre alt, und wir müssen aufpassen, dass unsere jungen, innovativen Unternehmen nicht ausverkauft werden.

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Trotzdem kommen fast alle Internet-Startups aus den USA, und die Hardwareproduktion verlagert sich nach Südostasien. Wo bleibt Deutschland?

Deutsche Unternehmen haben ihre Stärken in der Businesssoftware, in der Kommunikationstechnik, bei Sicherheitstechnik und den sogenannten Embedded Systems. Das sind Softwaremodule und Mikro-Computer, die in größere Systeme eingebunden sind. Deutsche Maschinen und Anlagen verkaufen sich ja nicht deshalb so gut, weil der Stahl härter ist, sondern weil sie intelligenter gesteuert werden. Hier haben wir enorme Chancen. Robotik, Automation, Medizintechnik – da steckt zu 80 Prozent unsichtbare IT drin, made in Germany.

Macht Ihnen die Stärke der Asiaten nicht Angst und Bange?

Der Wettbewerb wird immer schärfer, aber er ist bei Weitem nicht verloren. Wir müssen uns von dem Gedanken verabschieden, dass wir die komplette ITK-Industrie im eigenen Land haben können. Stattdessen müssen wir uns auf jene Bereiche konzentrieren, wo wir richtig gut sind: komplexe Systeme an den Schnittstellen von IT, Telekommunikation und Industrie. Die ITK treibt die Innovationen in unseren traditionellen Industrien wie Automobil, Maschinenbau oder Medizintechnik an. Wenn man ITK nicht stärkt, schwächt man implizit unseren industriellen Kern.

Wieso stärken, wenn alles so prima ist?

Wir müssen schneller werden, und es muss uns gelingen, eine zweite und dritte SAP hervorzubringen, gerne auch das nächste Google.

Ist sich die Bundesregierung dessen bewusst?

Die Beachtung unserer Branche hat extrem zugenommen. Dafür sorgt insbesondere der IT-Gipfel mit seinen regelmäßig tagenden Arbeitsgruppen. Auch pumpt der Staat viel Geld in die Forschung. Doch hat keine der viel beachteten Forschungen der Max-Planck-Gesellschaften, der 17 Fraunhofer-Institute, unserer zahlreichen Universitätsinstitute und der milliardenschweren staatlichen Forschungsprogramme den Keim für ein international herausragendes Unternehmen gelegt. Dass es im Prinzip auch in Deutschland möglich ist, aus der Forschung heraus ein international erfolgreiches IT-Unternehmen zu entwickeln, habe ich schließlich mit IDS Scheer gezeigt. Die Differenz zwischen den hohen Forschungsausgaben und dem tatsächlich Erreichten ist generell aber viel zu groß. Deutschland fehlt ein Masterplan.

Heißt das, Sie fordern eine Industriepolitik, um erfolgreich deutsche ITK-Unternehmen zu züchten.

Ich scheue mich nicht, das Wort Industriepolitik in den Mund zu nehmen. Die Unternehmen aus Südostasien erobern mit staatlicher Hilfe Märkte, die früher europäische Unternehmen innehatten. Amerikanische Unternehmen profitieren im Silicon Valley von der Konzentration von Eliteforschung, Venture Capital und international erfolgreichen Großunternehmen. Dem müssen wir etwas entgegensetzen.

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