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Ausblick: Auf den Boden der Realität

Friedrich Merz zur Finanzkrise und den Folgen für den deutschen Bankensektor.

Es wäre doch zu schön gewesen, wenn die Rally nach der kurzen Störung im Frühjahr bis zum Jahresende so weitergegangen wäre. Der Dax bei 8000 Punkten oder darüber, die Prognosen für 2008 optimistisch, der Welthandel floriert – und jetzt das: Weltweit geben die Aktienkurse auf breiter Front nach, die Händler nervös, die Anleger in Panik. Dazu jeden Tag neue Meldungen über notleidende Hypothekenbanken und kurzfristige Aktionen der Notenbanken. Der Präsident der deutschen Finanzdienstleistungsaufsicht spricht angeblich gar von der „größten Krise seit der Bankenkrise von 1931“. Stehen wir also vor einem großen Crash, ähnlich wenigstens dem des Jahres 2000? Es gibt genügend Anhaltspunkte dafür, dass dies nicht so ist. Die Krise der amerikanischen Hypothekenbanken zeichnete sich seit mehreren Monaten ab. Der Konsumrausch in den USA macht schon seit Jahren nicht halt vor dem Erwerb von Immobilien, die sich viele Erwerber eigentlich gar nicht leisten können. Die Hypothekenbanken in den USA bedienen den Markt mit Methoden, die den Europäern und vor allem uns Deutschen ziemlich fremd sind: Ohne Eigenkapital, oftmals sogar ohne den Nachweis eines geregelten Einkommens und zum Teil mit mehrjähriger Tilgungsfreiheit werden die Käufer zum Abschluss von Verträgen gebracht, die nur bei gleichbleibend niedrigen Zinsen und steigenden Immobilienpreisen erfüllbar sind. Wenn die Zinsen steigen und die Immobilienpreise fallen, geht die Rechnung nicht mehr auf – erst für den Kunden und dann für die Bank. Die meisten Banken in Amerika haben dies nur früher erkannt als die Kunden und die Risiken aus den Kreditportfolios weitergereicht in Portfolioverkäufen an Erwerber aus aller Welt, darunter offensichtlich in größerem Umfang auch deutsche Banken. Und so liegt ein Teil des Problems jetzt bei der IKB, der SachsenLB und einigen anderen. Zur Panik besteht trotzdem kein Anlass. Dafür gibt es Grund genug, einige Fragen zu stellen. Warum etwa engagieren sich die zwei bis jetzt bekannt gewordenen Institute in diesem Umfang auf dem amerikanischen Markt mit Papieren sehr kurzer Laufzeiten und dies offensichtlich außerhalb der eigenen Bilanz? Was tun diese beiden Banken überhaupt in diesem Markt – die eine als bisher grundsolide angesehene Mittelstandsbank mit erheblicher Staatsbeteiligung über die KfW und die andere als reine Staatsbank? Welche Kontrollmechanismen haben da versagt? War es nur das offenbar unbegründete Vertrauen in die Rating-Agenturen oder war es auch Größenwahn der verantwortlichen Akteure? Auffallend ist jedenfalls, dass die Risikostreuung und die Risikobegrenzung bei anderen Banken offenbar wesentlich besser funktioniert haben. Und genau diese Tatsache gibt Anlass zur Beruhigung: Die Risikostreuung stabilisiert das Bankensystem weltweit und dürfte einen Übergang der Krise auf den gesamten Finanzdienstleistungssektor verhindern. Und vielleicht steckt sogar etwas Gutes in all den Problemen: Banken wie Verbraucher werden bei aller Ausdifferenzierung der Finanzmarktinstrumente wieder auf den Boden der Realität zurückgeholt. Und die Realität lautet, dass bei allen Produktinnovationen die Grundlagen des Geschäfts stimmen müssen. Ohne reale Wertschöpfung gibt es auf Dauer keinen Gewinn, selbst wenn Hunderte von neuen Produkten im Finanzmarkt das Gegenteil versprechen. Jedes dieser Versprechen ist eine Wette – die man eben auch verlieren kann. Staat und Verbraucher dürfen daher keine falschen Schlussfolgerungen aus der Krise der Hypothekenkredite ziehen. So wäre es völlig falsch, jetzt über stärkere Kontrollen der Kapitalmärkte zu spekulieren. Die Märkte haben im Gegenteil sehr gut funktioniert, und mit dem koordinierten Vorgehen der Notenbanken konnte bisher eine Kreditklemme weitgehend vermieden werden. Die Banken werden nun ihrerseits etwas vorsichtiger werden müssen mit der sehr großzügigen Kreditvergabe zum Beispiel an die großen Fonds, die ihre Deals bisher mit einem hohen Fremdfinanzierungsanteil gemacht haben. Auch in diesem Markt kehrt Nüchternheit und Realität zurück. Angezeigt sind dagegen Konsequenzen in der Beaufsichtigung der Institute, die konkret betroffen sind, und die ihren Aktionären schwer geschadet haben. Die KfW hat bei der IKB zusammen mit der Politik schnell und besonnen zugleich reagiert. Wenn die Bank saniert ist, muss gleichwohl die Frage beantwortet werden, welchen Sinn die Beteiligung einer Staatsbank KfW an einer privaten Bank wie der IKB ergibt. Die Zusage eines Kredits über 17 (!) Milliarden Euro für die SachsenLB lässt darüber hinaus eine Reihe von Fragen offen, insbesondere die nach dem Geschäftsmodell dieser Bank und letztendlich dem der Landesbanken schlechthin. Im größten Bundesland, in Nordrhein-Westfalen, steht deren Landesbank, die einst stolze WestLB, zum Verkauf. Ganz oben auf der Wunschliste der Sparkassen und der Landespolitik steht die Landesbank Baden-Württemberg als Erwerber. Aus dem Zusammenschluss dieser beiden Banken würde dann die größte deutsche Landesbank, die „Landesbank“ zu nennen schon wegen ihres bundesweiten Auftritts schwerfallen dürfte. Auch hier stellt sich die Frage: Für welches Geschäftsmodell steht dieser neue Champion? Größe allein ist auch für Landesbanken kein guter Erfolgsparameter. Und der Wettbewerb mit den Geschäftsbanken, die ohne die Garantien eines öffentlich-rechtlichen Verbundes auskommen müssen, bleibt angreifbar, nicht zuletzt durch die EU-Kommission und die Wettbewerbsregeln des EU-Vertrages. Der deutsche Bankensektor ist nicht nur von der amerikanischen Hypothekenkrise überproportional betroffen. Er hat auch noch genug eigene Aufgaben zu erledigen.

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