_

Ausblick: Kostspielige Abenteuer

Patrick Adenauer über einen realitätsgerechten Klimaschutz.

Patrik Adenauer,  obs/ASU Arbeitsgemeinschaft Selbständiger Unternehmer
Patrik Adenauer, Foto: obs/ASU Arbeitsgemeinschaft Selbständiger Unternehmer

Die Europäische Union hat sich klima- und energiepolitisch Beeindruckendes vorgenommen: Bis 2020 soll der Ausstoß von Treibhausgasen um mindestens 20 Prozent gesenkt werden – wenn andere Industrienationen mitma-chen, sogar um 30 Prozent. Der Anteil erneuerbarer Energien am Energieverbrauch soll im gleichen Zeitraum von aktuell 6,5 auf 20 Prozent gesteigert werden, bei stetig wachsender Energieeffizienz. Der Kampf gegen die Erderwärmung ist ein absolut wichtiges Unterfangen. Es geht um die Lebensgrundlage von Hunderten Millionen Menschen in Entwicklungsländern, die sich nicht wie die Industrienationen gegen die kommende Erderwärmung wappnen können, wie auch um unsere eigenen Ressourcen und Zukunftsaussichten. Dieses Feld eröffnet zudem neue Märkte und große Wachstumsmöglichkeiten für innovative Unternehmen. Doch werden die Zusammenhänge von vielen Vertretern der deutschen Politik verzerrt. Sei es, um einen Subventionsreigen für bestimmte Lieblingsindustrien zu rechtfertigen, sei es, um den Bürgern zu suggerieren, Deutschland allein könne die Welt retten. Unser Anteil am globalen Ausstoß von CO2– und weiteren Klimagasen liegt bei nur drei Prozent. Die USA und China setzen hier mit 22 und 18 Prozent ganz andere Marken. Alle deutschen Reduktionsbemühungen werden überkompensiert, wenn China oder die USA einmal kräftig husten. Es gilt deshalb, unsere heimischen Unternehmen vor kostspieligen Abenteuern der Politik zu schützen. Kostenintensive Vorreiterrolle. Damit die Erderwärmung abgewendet werden kann, müssen sich andere Staaten zu ebenso ehrgeizigen Klimazielen verpflichten wie Deutschland – und ihre Zusagen auch einhalten. Doch im sogenannten „Burden-Sharing“ der Kyoto-Ziele sind selbst innerhalb der EU die meisten Länder von ihren Selbstverpflichtungen noch meilenweit entfernt – obwohl einige ihren Ausstoß an Klimagasen noch nicht einmal reduzieren müssen, da sie wirtschaftlichen Aufholbedarf angemeldet haben. Bis 2015 darf Spanien beispielsweise 15 Prozent mehr CO2 ausstoßen als 1990, Schweden vier Prozent und Griechenland, dessen EU-Umweltkommissar Stavros Dimas keine Chance auslässt, Deutschlands Umweltpolitik zu bemängeln, sogar 25 Prozent. Der Europäische Rat widerspricht sich selbst, wenn er den Bürgern suggeriert, Klimaschutz und Wirtschaftswachstum könnten problemlos miteinander in Einklang gebracht werden. Wirtschaftswachstum zieht immer (noch) erhöhten CO2-Ausstoß nach sich, zu strenge Einsparungsvorgaben bedeuten also unmittelbar Wohlstandsverluste. So sehen in einer aktuellen ASU-Umfrage knapp 66 Prozent der befragten Unternehmen durch Verschärfung der laufenden Klimaschutzvorgaben in Deutschland höhere Kosten auf sich zukommen. Dabei schultert Deutschland bereits jetzt drei Viertel der CO2-Reduktionsverpflichtungen in Europa. Durch unsere ständige Vorreiterrolle sind diese Kosten schlichtweg unfair verteilt und wirken wie eine Steuererhöhung für deutsche Unternehmen – mit entsprechend negativen Auswirkungen für den Industriestandort. Ideologische Reflexe. Effektiver Klimaschutz braucht zuvorderst eine Energiepolitik, die Ökologie mit wettbewerbsfähigem Preisniveau und nachhaltiger Versorgungssicherheit verbindet. Am Anfang dessen steht der Mut, ideologiefrei Optionen gegenüberzustellen. Kernenergie ist dabei in Deutschland ein geschmähtes Kind. Mittlerweile scheint sich immerhin die Erkenntnis durchzusetzen, dass CO2-Reduktion schwierig wird, wenn man Kernkraftwerke abschaltet und durch neue Kohle- und Gaskraftwerke ersetzt – so effizient diese auch sein mögen. Bis erneuerbare Energien an ihre Stelle treten können, werden noch Jahrzehnte vergehen. Mit einer aus der Gefährlichkeit der veralteten Technologien herrührenden, mittlerweile ideologisch motivierten Ablehnung der Kernenergie vergibt unser Land energiepolitische, aber auch unternehmerische Chancen. Frankreichs Energiepolitik etwa hat dafür gesorgt, dass Kernkraftwerke in den jüngsten EU-Beschlüssen mit CO2-freien erneuerbaren Energien gleichgestellt wurden und französischen Betrieben somit weiterhin preisgünstiger Strom zur Verfügung steht – ein klarer Wettbewerbsvorteil. Die Kerntechnik bietet große unternehmerische Potenziale. In Deutschland aber dreht sich die politische Debatte ausschließlich um die Verlängerung der Restlaufzeiten unserer uralten Meiler. Dabei gingen die meisten dieser Kraftwerke ans Netz, als Autos in Deutschland noch keinen Katalysator besaßen und Mobiltelefone und Internet nicht einmal in Sichtweite, sondern allenfalls Gegenstand von Science-Fiction-Romanen waren. Doch technologischen Fortschritt gibt es auch in der Kerntechnik! Wir müssen also endlich über den Bau einer neuen Generation von Kernkraftwerken debattieren, die im Gegensatz zu den alten Leichtwasserreaktoren einen weit höheren Sicherheitsstandard haben und den Einstieg in Folgetechnologien, namentlich die wirtschaftliche Gewinnung von Wasserstoff als Energielieferant, ermöglichen. Diese Hochtemperatur- oder Kugelhaufenreaktoren wurden in Deutschland entwickelt, die Forscher anschließend aber verjagt! Andernorts begreift man die Chancen dieser Technologien: In den USA wird ein solcher Reaktortyp gebaut, in Südafrika läuft das Genehmigungsverfahren, in China, Japan und Frankreich wird daran geforscht. Hierzulande könnte die Kernenergie mit den inhärent sicheren Reaktoren (die einen GAU à la Tschernobyl ausschließen) eine Renaissance erleben – vorausgesetzt, die Politik hätte den Mut zum realitätsgerechten Klimaschutz.

Anzeige
weitere Fotostrecken

Blogs

Wie HP-Chefin Whitman ihren Mitarbeiter die anstehenden Massenentlassungen erläutert
Wie HP-Chefin Whitman ihren Mitarbeiter die anstehenden Massenentlassungen erläutert

In einer internen Videobotschaft an die HP-Beschäftigten gibt Meg Whitman mehr Details zu dem geplanten Abbau von 27.000...

Das Aktuelle Heft

Wirtschaftswoche

WirtschaftsWoche 21 vom 21.05.2012

iTunes Vorschau - WirtschaftsWoche
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.