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Australien: Brücke nach Asien

von vera sprothen

Mittelständler schätzen den Standort Australien. Sie nutzen das Land als sicheren Testmarkt vor dem Sprung in die Boom-Märkte Asiens.

Zuerst dachte Peter Röhrig, er hätte sich verhört. Sechs Wochen Zeit gab ihm die Investmentbank in Singapur, um den Großauftrag abzuwickeln. Sechs Wochen, um 100 Tische und 300 Bürostühle maßanfertigen zu lassen – und das über Weihnachten! Röhrig, Asien-Pazifik-Geschäftsführer des deutschen Möbelherstellers Wilkhahn, schluckte. Dann sagte er zu. Hektisch trommelte er alle verfügbaren Mitarbeiter in Sydney zu Sonderschichten zusammen. Die Polster-Nähmaschinen ratterten Tag und Nacht. Am Ende gelang der Coup. „Ohne unsere Fabrik in Australien“, sagt Röhrig, „hätten wir das sicher nicht geschafft.“ Der mittelständische Büromöbeldesigner Wilkhahn macht, was anderen deutschen Unternehmen im Traum nicht einfallen würde. Er erobert Asien von Australien aus. In Sydney, nicht etwa in Singapur oder Hongkong, hat Wilkhahn Hauptquartier und Produktion für die komplette Region aufgeschlagen. Damit zählt Wilkhahn zu einer kleinen Gruppe von Pionierunternehmen, die von Australiens Nähe zu Asien profitiert und nach Fernost expandiert, ohne sich allzu sehr auf kulturelles Glatteis begeben zu müssen. Dabei ist die Nähe relativ, immerhin ist Sydney von Hongkong knapp 7400 Kilometer Luftlinie entfernt – das ist gut halb so weit wie von Frankfurt. Seit 2001 sind deutsche Direktinvestitionen nach Australien um 74 Prozent auf 10,6 Milliarden australische Dollar (rund 6,5 Milliarden Euro) gestiegen. Und der Anteil strategischer Investitionen nehme weiter zu, sagt Nicola Watkinson, Senior Investment Commissioner der Wirtschaftsfördergesellschaft Invest Australia in Frankfurt: „Immer mehr Mittelständler sehen in Australien eine stabile Basis für den Einstieg nach Asien.“ Es sind Nischendienstleister, Maschinenbauspezialisten oder Pharmabetriebe, die von Metropolen wie Sydney aus auf Wachstumskurs gehen. „Die merken, hoppla, hier haben wir ja richtig Potenzial“, sagt Franz Reichwein, Direktor der Bundesagentur für Außenwirtschaft in Sydney. „In Australien nutzen sie gezielt die Klaviatur der asiatisch-pazifischen Kommunikation.“ Australiens Abgeschiedenheit von Europa erweist sich heute als Vorteil. Längst sind Freihandelsabkommen mit Singapur und Thailand in Kraft. Auch gegenüber China, Japan und Malaysia sollen bald die letzten Zollschranken fallen. Asiens Einfluss in Australien wächst. Vier von fünf ausländischen Studenten an australischen Universitäten stammen heute aus Asien. Unternehmen finden sprachlich und kulturell versierte Arbeitskräfte, die in der gesamten Region Geschäfte anbahnen können. Austauschstudenten, die einst an der University of Adelaide Wirtschaft paukten, sitzen heute als einflussreiche Strippenzieher in Singapur. Die „Adelaide Mafia“, wie Kenner die Clique scherzhaft nennen, behandele australische Exporteure deshalb oft besonders wohlwollend, sagt Tim Harcourt, Chefökonom der Australian Trade Commission. Diese Wirtschaftsbeziehungen helfen auch deutschen Unternehmen. Möbelhersteller Wilkhahn etwa erhält Aufträge häufig im Schlepptau mit australischen » Architekten, die in Hongkong, Singapur oder Shanghai bauen. Als Wilkhahn 1998 nach Sydney kam, galt Australien als völlig unbedeutender Markt. Doch die Vertriebspartner vor Ort machten Ärger, und so entschieden die deutschen Geschäftsführer: „Wir nehmen die Sache jetzt selbst in die Hand.“ Um Lieferzeiten zu verkürzen und Kunden-Extrawünsche besser erfüllen zu können, errichteten sie in Sydney ein regionales Hauptquartier nebst eigener Produktion. Mit rund 50 Mitarbeitern fertigen sie da teure Konferenztische und Sessel für Spitzenmanager oder Politiker wie den australischen Premier John Howard.

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