Abgas-Skandal: Hat VW auch neuere Dieselmotoren manipuliert?

Abgas-Skandal: Hat VW auch neuere Dieselmotoren manipuliert?

, aktualisiert 22. Oktober 2015, 17:19 Uhr
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VW-Dieselmotor: Unter Umständen ist nicht nur der Skandal-Motor EA189 betroffen, sondern auch frühe Versionen des Nachfolgers EA288.

Volkswagen ist selbst vorsichtig geworden: Am Morgen teilte der Konzern mit, man prüfe auch den Verdacht von Manipulationen bei neueren Dieselmotoren. Am Nachmittag folgte die Entwarnung.

Der VW-Konzern schließt eine mögliche Ausweitung des Abgas-Skandals auf Teile seiner jüngeren Dieselmotoren-Generation EA 288 aus. „Nach gründlicher Prüfung herrscht nun Klarheit, dass auch in Fahrzeugen mit EA 288 nach EU5 keine Software verbaut ist, die eine unzulässige Abschalteinrichtung im Sinne der Gesetzgebung darstellt“, teilte das Unternehmen am Donnerstag in Wolfsburg mit.

Noch am Donnerstagmorgen hieß es, man untersuche derzeit auch die anfängliche Variante des ab 2012 eingesetzten EA288 mit Euro-5-Norm. „Das schauen wir uns gerade genau an“, sagte ein Sprecher wörtlich der Nachrichtenagentur dpa. Das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) habe bisher nur ausgeschlossen, dass die Euro-6-Versionen des EA288 von den Problemen und damit von den Rückrufen betroffen sind. Volkswagen selbst hat jetzt also nach eigenen Angaben auch Probleme bei der Euro-5-Version des EA288 ausgeschlossen.

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VW-Motoren und Abgaswerte Quelle: Pressebild, Montage

Der EA288 kam seit dem Jahr 2012 zunächst in Euro-5-Norm zum Einsatz, auch in Deutschland – zum Beispiel im VW-Verkaufsschlager Golf. In einem „gleitenden Übergang“ sei dann schrittweise auf Euro-6 umgestellt worden. Der EA288 wurde speziell für den Modularen Querbaukasten MQB entwickelt und kommt so in den vielen Modellen des VW-Konzerns zum Einsatz. Die Euro-6-Norm schreibt den derzeit viel diskutierten Grenzwert von 80 Milligramm Stickoxide (NOx) pro Kilometer vor. In der Euro-5-Norm sind es noch 180 Milligramm pro Kilometer.

Rückruf läuft 2016 an

VW hatte vor gut einem Monat eingeräumt, die Abgaswerte von Millionen Dieselwagen manipuliert zu haben. Ans Licht gebracht hatte den Fall die US-Umweltbehörde EPA. Der Konzern muss wegen des Abgas-Skandals allein in Deutschland bisher 2,4 Millionen Diesel in die Werkstatt rufen. Die Aktion soll im Januar beginnen. EU-weit sind rund 8,5 Millionen Fahrzeuge betroffen.

Was bei der Rückruf-Aktion auf VW-Besitzer zukommen könnte

  • Wann beginnt die Rückrufaktion?

    Das Kraftfahrtbundesamt hat angeordnet 2,4 Millionen VW-Diesel-Fahrzeuge in die Werkstätten zurückzurufen. Laut Plan sollen im Januar 2016 die ersten Autos in die Werkstätten. Bis zum Ende des kommenden Jahres könnten dann alle betroffenen Autos überholt sein. In einem Interview in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ hatte VW-Chef Matthias Müller aber zuvor auch nicht ausgeschlossen, manche Autos komplett auszutauschen, anstatt sie umzurüsten: „Das muss man im Einzelfall prüfen.“

  • Was will VW an den Motoren ändern?

    Es geht bei den Nachbesserungen nicht nur um die Manipulations-Software. Für die meisten Motoren genüge es zwar, wenn ein neues Programm aufgespielt werde, sagte Müller. Manche Autos könnten aber auch neue Einspritzdüsen und Katalysatoren bekommen. Die Umrüstung ist auch deshalb kompliziert, weil der betroffene Motortyp EA 189 in zahlreichen Kombinationen und Ländervarianten verbaut ist. Motorenexperte Prof. Jörn Getzlaff von der Hochschule Zwickau hält es aber für möglich, dass Volkswagen keine komplett neue Technik entwickeln muss: „Es kann durchaus sein, dass VW auf eine Lösung zurückgreift, die der Konzern schon heute in seine neue Motorengeneration einbaut.“ Diese neuen Aggregate erfüllen die strengeren Umweltauflagen der Euro-6-Norm.

  • Werden die Autos sauberer, aber dafür langsamer?

    Das ist möglich. Durch die Umrüstung könnten sich die Leistung und der Spritverbrauch ändern, sagt Getzlaff. Es müsse aber nicht unbedingt so sein, dass das Auto dann langsamer wird und mehr verbraucht. VW-Chef Müller sagte, es sei wichtiger, „das CO2-Ziel zu halten und dafür vielleicht auf 3 bis 5 km/h Höchstgeschwindigkeit zu verzichten“.

  • Muss VW trotz Umrüstung Schadenersatz an Autobesitzer zahlen?

    Autokäufer müssten sich vermutlich zunächst mit dem Verkäufer des Autos streiten - in den meisten Fällen also mit dem Händler, nicht mit dem VW-Konzern, erklärt Thomas Rüfner, Rechtsprofessor an der Universität Trier. Es sei möglich, dass der Händler Autos zurücknehmen müsse. Dafür müssten aber einige Voraussetzungen erfüllt sein: erhebliche Mängel, also dass das Auto nach der Umrüstung zum Beispiel deutlich langsamer fährt oder viel mehr Sprit verbraucht. Der Kauf darf auch nicht länger als zwei Jahre zurückliegen. „Der Autokäufer würde vermutlich den kompletten Kaufpreis zurückbekommen, müsste aber wohl nachträglich für die Nutzung des Autos zahlen“, sagt Rüfner. Wenn sich die Fahreigenschaften des Autos nur in geringem Maße ändern, könne aber der Kaufpreis gemindert werden.

  • Können auch Besitzer älterer VW-Dieselautos Geld zurückbekommen?

    Eine VW-Kundin, die ihr Auto im Jahr 2010 gekauft hat, versucht das bereits. Sie hat eine Klage direkt gegen den VW-Konzern eingereicht, unter anderem wegen vorsätzlicher sittenwidriger Schädigung. Die Frau sehe sich in ihrer Erwartung enttäuscht, ökologisch unterwegs zu sein, teilte ihr Anwalt mit. Ein VW-Sprecher wollte sich zu der Klage zunächst nicht äußern, der Vorgang sei ihm nicht bekannt.

  • Bekommen die Kunden einen Leihwagen, während ihr Auto überholt wird?

    Dazu hat sich VW bislang nicht geäußert. Autohersteller sind dazu jedenfalls nicht gesetzlich verpflichtet, sagt Gabriele Emmrich von der Verbraucherzentrale Sachsen-Anhalt. Andere Autohersteller wie Toyota hatten einen solchen Service bei Rückrufen in der Vergangenheit schon angeboten, allerdings ging es da um weniger Autos als bei Volkswagen. Emmrich zufolge stellen Händler und Hersteller nur in Ausnahmefällen ein Leihauto zur Verfügung.

Während die neue Volkswagen-Führung den Massen-Rückruf vorbereitet und eine neue Strategie für den Konzern erarbeitet, kommen weitere Details über die Entwicklung des Skandals ans Licht. Laut einem Medienbericht sollen Mitglieder des Top-Managements von Volkswagen früh von Problemen bei den Abgaswerten von Dieselautos gewusst haben. Wie das „Manager Magazin“ (Freitag) unter Berufung auf ein Sitzungsprotokoll schreibt, erörterte der damalige Vorstand der Kernmarke VW das Thema schon im Frühjahr 2014. Das Gremium – damals geleitet vom inzwischen zurückgetretenen Konzernchef Martin Winterkorn – diskutierte demnach über einen Brief der US-Umweltbehörde EPA. VW dementierte den Bericht umgehend. „Eine solche Protokollnotiz existiert nicht“, betonte ein Konzernsprecher auf Nachfrage der Deutschen Presse-Agentur.

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