Arbeitsmarkt: Der große Streit um Leiharbeit und Werkverträge

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Arbeitsmarkt: Der große Streit um Leiharbeit und Werkverträge

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Produktion des Panamera bei der Porsche AG in Leipzig

von Harald Schumacher

Werkvertragsdienstleister scheinen ein Wundermittel der Industrie zu sein. Aber Arbeitsgerichte und Politik setzen Grenzen. Vor allem Autokonzerne müssen nun ihre Fabriken neu organisieren – zulasten von Flexibilität, Marge und Jobs.

Wie ein Raumschiff überragt das Kundenzentrum im Leipziger Norden das Porsche-Werk unweit der A14. Ein Symbol des Stolzes für die 7800 Menschen, die hier für den Sportwagenbauer arbeiten. Zumindest für den Großteil von ihnen. Manchen dürfte eher Neid beschleichen, wenn er das imposante Gebäude erblickt. Denn ein Sechstel der Arbeiter geht zum Schichtbeginn nicht mit den anderen Kollegen durchs Porsche-Werkstor zur Arbeit, sondern steuert unspektakuläre Hallen auf der anderen Straßenseite an. Manche fahren auch ins gut einen Kilometer entfernte Güterverkehrszentrum. Es sind Mitarbeiter und Leiharbeiter von Porsche-Werkvertragsdienstleistern und -Zulieferern, insgesamt 1300 Menschen, die Achsen, Cockpits, Tanks und Abgasanlagen herstellen oder Räder vormontieren.

Belegschaftsstrukturen der BMW- und Porsche-Werke Leipzig

  • Anzahl der Beschäftigten

    BMW: 10 714
    Porsche: 7797

    Quelle: Unternehmen; Stand: November 2015

  • Stammbelegschaft BMW und Porsche

    BMW: 43,9 Prozent
    Porsche: 46,2 Prozent

  • Stammbelegschaft Werkvertragsfirmen

    BMW: 25,2 Prozent
    Porsche: 22,4 Prozent

  • Leiharbeitnehmer bei BMW und Porsche

    BMW: 16,8 Prozent
    Porsche: 18,0 Prozent

  • Leiharbeitnehmer bei Werkvertragsfirmen

    BMW: 14,1 Prozent
    Porsche: 13,4 Prozent

Menschen, die Porsche bauen, die aber nicht direkt bei Porsche beschäftigt sind. Davon gibt es nicht nur am Standort Leipzig insgesamt sehr viele, sondern auch auf dem Werksgelände des Autobauers selbst: Nicht einmal die Hälfte der Mitarbeiter dort ist Mitglied der Stammbelegschaft: 46 Prozent.

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Womit man mittendrin ist in einer der fundamentalen Diskussionen über die Zukunftsfähigkeit von Arbeitsmarkt und Industrie in Deutschland. Nirgends lässt sich diese so gut verorten wie in den Leipziger Automobilwerken, wo neben Porsche auch BMW fertigt. Es geht um das Modell Werkvertrag: Unternehmen stellen für Aufgaben auch in der Produktion Mitarbeiter nicht selber an, sondern beauftragen Dienstleister. Diese dürfen nicht einfach in Arbeitsabläufe eingegliedert werden, sondern müssen selbstständig arbeiten. Der Personaleinsatz wird so flexibler, Unternehmen können sich ihrem Kerngeschäft widmen, in der Regel sparen sie Kosten – auch, weil für die Werkvertragsbeschäftigten in ihren Unternehmen lange Zeit andere Tarifverträge galten.

Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) Quelle: dpa

"Werkverträge dürfen kein Deckmantel für Ausbeutung sein", Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD).

Bild: dpa

Das machte das Instrument für die Arbeitgeber attraktiv. Auf mehr als eine Million Menschen schätzt die IG Metall allein die Zahl der Leiharbeiter und Werkvertragsbeschäftigten in der deutschen Metall- und Elektroindustrie – rund 30 Prozent der Beschäftigten der Branche.

Vielfach aber setzt die Industrie die an sich legale Beschäftigungsform, so beweisen Urteile der Arbeitsgerichte, illegal um. Deswegen ist ein Kampf entbrannt um die Zukunft dieses Instruments, der nun in die entscheidende Runde geht: Anfang März wollte die Bundesregierung eigentlich einen Gesetzentwurf beschließen, der den Missbrauch von Leiharbeit und Werkverträgen unterbindet. Durch einen heftigen Koalitionskrach liegt das Projekt plötzlich aber auf Eis. Unter anderem wollte Berlin die Leiharbeit künftig auf 18 Monate pro Einsatz beschränken. Wer 24 Monate Verleihdauer herausholen will, sollte dafür einen Tarifvertrag abschließen. Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) konstatierte, Leiharbeit und Werkverträge brauche die Wirtschaft zwar, „aber sie dürfen kein Deckmantel für Ausbeutung sein“.

Der mögliche Angriff des Gesetzgebers träfe zwar auch Chemieindustrie, Pharmakonzerne, Maschinen- und Anlagenbau. Vom Fleischkonzern bis zur Klinikkette, von Bertelsmann bis Lidl standen schon viele Branchen und Unternehmen im Fokus von Scheinwerkverträgen und Scheinselbstständigkeit. Die Autoindustrie aber, das Rückgrat des deutschen Exportwunders, „ist am stärksten von drohenden Restriktionen bei Werkverträgen betroffen und am verletzlichsten“, sagt Christian Kleinhans, Partner der auf die Autoindustrie spezialisierten Münchner Managementberatung Berylls Strategy Advisors. Er sieht Tausende Arbeitsplätze in Gefahr.

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