Autolobby und der "Vorfall VW": Der verzweifelte Kampf um den Diesel

Autolobby und der "Vorfall VW": Der verzweifelte Kampf um den Diesel

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Der Abgasskandal um VW kratzt am Image der gesamten Auto-Industrie.

von Christian Schlesiger

Der VW-Skandal setzt den Verband der Automobilindustrie (VDA) unter Druck. Die politische Unterstützung in Berlin und Brüssel für die Autohersteller schwindet. Nun will der Verband gegensteuern.

Wenn Matthias Wissmann am Dienstag zur Jahrespressekonferenz des Verbands der Automobilindustrie (VDA) nach Berlin lädt und die neusten Absatzzahlen verkündet, wird er nur gute Botschaften im Gepäck haben– trotz oder gerade wegen des Skandals um manipulierte Abgaswerte durch Volkswagen. Die Deutschen jedenfalls kaufen weiterhin Dieselfahrzeuge. Zumindest taten sie das im Oktober. Und da war der Betrugsskandal aus Wolfsburg schon lange Thema.

Am liebsten würde es VDA-Präsident Wissmann bei der Verkündung der positiven Zahlen belassen. Doch der CDU-Politiker und frühere Bundesverkehrsminister wird sich unangenehmen Fragen stellen müssen: Welche Rolle der VDA bei den Grenzwerten für den Ausstoß von Stickoxiden und CO2 gespielt hat? Welchen Einfluss die Lobbyisten heute noch in Berlin und Brüssel genießen? Und ob die Diesel-Technologie überhaupt noch eine Zukunft hat?

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Der Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA), Matthias Wissmann. Quelle: dpa

Der Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA), Matthias Wissmann.

Bild: dpa

Keine Frage: Nicht nur Volkswagen, auch der VDA steht derzeit gehörig unter Druck. Der Verband ist das Sprachrohr von rund 600 Unternehmen und wenn Wissmann spricht, redet er allzu gerne vom „Wir“, etwa darüber, dass „wir bei der Elektromobilität enorm aufgeholt haben“, so Wissmann gegenüber der „Süddeutschen Zeitung“. Doch jetzt muss er seine Perspektive der aktuellen Notlage anpassen, denn Betrug sei „inakzeptabel“ und es gebe „keinen Grund, von einem auf alle zu schließen“. Die Aufklärung des Abgasskandals sei Sache von Volkswagen.

Der "Vorfall VW"

Und dennoch kratzt der Betrug am Image der gesamten Industrie. Wissmann, der sich selbst als „Dolmetscher“ versteht, muss nun tatsächlich Vieles übersetzen. Die Stimmung innerhalb des Verbands ist angespannt. Viele Mitgliedsunternehmen sind verärgert über die Dreistigkeit von Volkswagen. Die Wolfsburger haben jahrelang geprahlt, sie würden die scharfen Grenzwerte beim Stickoxid-Ausstoß problemlos einhalten können. Das stieß bei Wettbewerbern schon damals übel auf. Heute weiß jeder, dass Volkswagen dies nur kundtun konnte, weil sie zu unlauteren Mitteln griffen. Der Verband setzt nun alles daran, den Kollateralschaden für die gesamte Industrie in Grenzen zu halten.  

Denn der Abgasskandal hat Folgen. Die Glaubwürdigkeit der gesamten Branche ist ramponiert. Im Januar steht die Detroit Auto Show im US-Bundesstatt Michigan an. Bei der Automobilindustrie macht man sich keine große Hoffnung auf allzu positive Meldungen über Autos „Made in Germany“. Das werde „schwierig“, sagt ein ranghoher Vertreter der Branche. Immerhin: Der Anteil der Diesel-Fahrzeuge ist in den USA ohnehin verschwindend gering und in Asien, wo der deutsche Diesel durchaus eine Rolle spielt, gebe es „kaum Spuren von dem Vorfall VW“.

Der VW-Abgas-Skandal im Überblick

  • 18. September

    Die US-Umweltbehörde EPA teilt in Washington mit, Volkswagen habe eine spezielle Software eingesetzt, um die Messung des Schadstoffausstoßes bei Abgastests zu manipulieren. In den Tagen darauf wird klar, dass weltweit Fahrzeuge von VW und der Töchter betroffen sind – darunter auch Audi und Porsche. Die VW-Aktie bricht ein.  

  • 23. September

    VW-Chef Martin Winterkorn tritt nach einer Krisensitzung der obersten Aufseher zurück. Die Staatsanwaltschaft Braunschweig prüft die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens gegen VW. Anlass dafür seien auch eingegangene Strafanzeigen von Bürgern, heißt es.

  • 24. September

    Der VW-Aufsichtsrat tagt. Nach langer Sitzung beruft das Gremium Porsche-Chef Matthias Müller zum neuen Konzernchef und trifft einige weitere Personal- und Strukturentscheidungen. Verantwortliche Motorenentwickler werden beurlaubt.

  • 28. September

    Nach mehreren Strafanzeigen startet die Braunschweiger Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren wegen Betrugsvorwürfen. Entgegen einer ersten Pressemitteilung der Staatsanwaltschaft Braunschweig gibt es keine Ermittlungen gegen Ex-Chef Martin Winterkorn persönlich.

  • 1. Oktober

    Das Aufsichtsrats-Präsidium beschließt, Hans Dieter Pötsch per registergerichtlichen Anordnung in den Aufsichtsrat zu berufen. Das ist möglich, weil mehr als 25 Prozent der Aktionäre Pötsch favorisiert haben. Die Familien Porsche und Piëch, die Pötsch gegen die Bedenken des Landes Niedersachsens und der Arbeitnehmer durchgesetzt haben, halten über die Porsche SE rund 52 Prozent der VW-Anteile. Julia Kuhn-Piëch, die erst dieses Jahr nach dem Rücktritt von Ferdinand und Ursula Piëch in das Kontrollgremium aufgerückt war, verlässt den Aufsichtsrat wieder.

  • 6. Oktober

    Es ist klar, dass die betroffenen VW-Fahrzeuge in die Werkstatt müssen, damit die Schummel-Software verschwindet. Bei einigen Motorenwerden die Techniker selbst Hand anlegen müssen. Eine Rückruf-Aktion, so wird es am nächsten Tag bekannt werden, soll 2016 starten. Die geschäftlichen und finanziellen Folgender Krise sind nicht absehbar. Die Kosten der Abgas-Affäre werden jedoch enorm sein. Der neue Chef muss sparen: "Deshalbstellen wir jetzt alle geplantenInvestitionen nochmal auf denPrüfstand", kündigt Müller an.

  • 15. Oktober

    Das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) ordnet einen verpflichtenden Rückruf aller VW-Dieselautos mit der Betrugssoftware an. In ganz Europa müssen 8,5 Millionen, in Deutschland 2,4 Millionen Wagen in die Werkstatt. VW hatte eine freiwillige Lösung angestrebt.

  • 28. Oktober

    Der Skandal beschert dem Konzern im dritten Quartal einen Milliardenverlust. Vor Zinsen und Steuern beläuft sich das Minus auf rund 3,5 Milliarden Euro.

  • 3. November

    Der Skandal erreicht eine neue Dimension. VW muss - nach weiteren Ermittlungen der US-Behörden - einräumen, dass es auch Unregelmäßigkeiten beim Kohlendioxid-Ausstoß (CO2) gibt. Rund 800.000 Fahrzeuge könnten betroffen sein. Die VW-Aktie geht erneut auf Talfahrt.

  • 20. November

    Der Diesel-Skandal in den USA weitet sich aus. Erneut. Es seien mehr Drei-Liter-Diesel der Marken Volkswagen und Audi betroffen, als bislang angenommen, erklärt die US-Umweltbehörde EPA. Die Autobauer bestreiten dies zunächst. Wenige Tage später, am 24. November, müssen sie allerdings  einräumen, ein sogenanntes „Defeat Device“ nicht offengelegt zu haben. Die Software gilt in den USA als illegal.

    Die Auswirkungen des Skandal zwingen VW zudem zum Sparen: VW fährt die Investitionen für das kommende Jahr runter. 2016 sollen die Sachinvestitionen um eine Milliarde Euro verringert werden. „Wir fahren in den kommenden Monaten auf Sicht“, sagt VW-Chef Müller. Weitere Ausgaben bleiben auf dem Prüfstand.

  • 24. November

    Neuer Ärger für Volkswagen: Die Staatsanwaltschaft Braunschweig ermittelt nun auch wegen mögliche Steuerhinterziehung im Zusammenhang mit falschen CO2-Angaben. Die könnten dazu geführt haben, dass zu wenig Kfz-Steuer gezahlt wurde.

  • 25. November

    Zumindest etwas Positives für die Wolfsburger: Zur Nachrüstung der millionenfach manipulierten Dieselmotoren mit 1,6 Litern Hubraum in Europa reicht nach Angaben von Volkswagen ein zusätzliches, wenige Euro teures Bauteil aus. Bei den 2,0-Liter-Motoren genügt ein Software-Update. Das Kraftfahrtbundesamt genehmigt die Maßnahmen. Auch wenn VW keine Angaben zu den Kosten macht – es hätte schlimmer kommen können.

Dennoch hat mit VW auch das Image des VDA gelitten. In den eigenen Reihen war man viele Wochen lang irritiert, dass der VDA viel zu zurückhaltend agierte. Und Gegner der Automobilindustrie schlachten die Schwächephase der Branche bis heute zum eigenen Vorteil aus. „Jeder, der mal auf uns drauf hauen wollte, haut jetzt drauf“, sagt ein Automanager, der ungenannt bleiben will.

Tatsächlich lassen die zahlreichen Termine des VDA und der Autohersteller bei Kanzlerin Angela Merkel in den vergangenen Jahren viel Raum für Spekulationen. Keiner war in der letzten Legislaturperiode von 2009 bis 2013 so häufig bei der Kanzlerin gesehen worden wie Ex-VW-Chef Martin Winterkorn und VDA-Chef Wissmann – jeder ganze neun Mal. Und natürlich ging es in den Gesprächen auch darum, die Belastungen für die deutsche Autoindustrie etwa bei den Grenzwerten möglichst gering zu halten. Merkel wiederum machte sich daraufhin etwa in den USA für die deutschen Unternehmen stark – für den VDA ein ganz normaler Vorgang, für kritische Beobachter ein Skandal.

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