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Automobilindustrie: Deutsche Autobauer geraten unter Beschuss

von Martin Seiwert, Franz W. Rother, Silke Wettach und Henryk Hielscher

Bei Europas Fahrzeugbauern verlaufen die Fronten wie beim Euro: Süd gegen Nord. Statt eigene Fehler zu korrigieren, lassen Fiat, Peugeot und Renault politisches Geschütz gegen VW, Daimler, BMW auffahren. Es droht ein Kampf, der nur Verlierer kennt.

Französische und italienische Autobauer versuchen, die deutsche Konkurrenz abzudrängen. Quelle: Pressebild
Französische und italienische Autobauer versuchen, die deutsche Konkurrenz abzudrängen. Quelle: Pressebild

Demondialisation, zu Deutsch: Entglobalisierung. Der eigenwillige Begriff ist das neue Lieblingswort des französischen Industrieministers Arnaud Montebourg. Frankreichs Wirtschaftsprobleme, so die Diagnose des Sozialisten, würden gelöst, sobald sich das Land von der Globalisierung verabschiede, die die Industrie zerstöre. Schließlich hätten all jene Nationen die zurückliegenden Krisen überstanden, „die keine Angst hatten, einzugreifen, zu reglementieren, zu dirigieren und zu sanktionieren“.

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Starke Einbrüche bei den Franzosen

An welche Art von Eingriffen Montebourg dabei denkt, wird sich an diesem Mittwoch zeigen, wenn er in Paris seinen Plan zur Rettung der schwer angeschlagenen französischen Autoindustrie vorlegt. „Entglobalisierung“ dürfte in diesem Fall heißen: Abschottung von der teutonischen Konkurrenz. Mit Abgaben, die gezielt den Verkauf deutscher Premiummarken erschweren, wollen die französischen Sozialisten Peugeot, Citroën und Renault in der Euro-Krise den Rücken stärken.

Hilfe haben die gallischen Traditionsmarken dringend nötig. Denn ihre Verkaufszahlen sind im ersten Halbjahr zweistellig eingebrochen. Verschärft sich die Euro-Krise, geht es im kommenden Jahr weiter bergab. Peugeot will 8000 Stellen streichen und ein Werk bei Paris schließen.

Angriff auf dem Markt der Kompakten: Der Autobauer Daimler hat am Montag seine neue A-Klasse vom Band rollen lassen und trotz des schwachen Markts in Europa ein neues Rekordjahr in Aussicht gestellt. „Für das Gesamtjahr gehen wir davon aus, den Absatzrekord des letzten Jahres nochmals übertreffen zu können“, sagte Daimler-Chef Dieter Zetsche in Rastatt.

Bild: Pressebild

Das Kontrastprogramm läuft keine Flugstunde westlich. Vergangene Woche im badischen Rastatt: Die Mitarbeiter des örtlichen Daimler-Werks sind in Partylaune. Konzernchef Dieter Zetsche nimmt im Blitzlichtgewitter seinen Produktionsvorstand Wolfgang Bernhard in den Arm, beide strecken den erhobenen Daumen in die Kameras.

Grund für die gute Stimmung ist der Produktionsstart der neuen Mercedes A-Klasse. 500 neue Stellen entstehen, und 1,2 Milliarden Euro investiert Zetsche hier in den noblen Kompaktwagen. 2012 werde der Konzern trotz der heraufziehenden Wirtschaftskrise einen neuen Verkaufsrekord aufstellen, verkündet Zetsche stolz und verpasst seinen Branchenkollegen in Frankreich wie in Italien einen Seitenhieb: „Wir finden es gut, wenn Überkapazitäten abgebaut werden.“

Werksschließungen in Frankreich und auf der Apenninen-Halbinsel, dagegen Milliardeninvestitionen für den Ausbau von Daimler-, BMW- und Audi-Fabriken in Deutschland; Entlassungen bei französischen Autokonzernen, aber verkürzte Werksferien in deutschen Fahrzeugfabriken wegen der hohen Nachfrage; bestenfalls Mittelfeld in Innovationsrankings für Peugeot-Citroën, Renault und Fiat, jedoch Spitzenränge für BMW, VW und Daimler.

9 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 27.07.2012, 11:42 UhrMartinSeiwert

    Haben "mächtigen Anzeigenkunden Druck" auf die Redaktion ausgeübt? Immer wieder kommt dieses, Verzeihung, dumme Totschlag-Argument, wenn jemand eine inhaltliche Position nicht passt. Platter kann man eine Redaktion nicht angreifen. Mir scheint ein kleiner Exkurs über das Wesen von Qualitätsmedien vonnöten: 1. Werbefinanzierte Medien sind in Deutschland die wichtigste und beste Quelle unabhängiger, kritischer und auch investigativ hervorgebrachter Informationen. Wenn Sie das anders sehen, wenn Sie Medien nicht vertrauen, die sich auch über Werbung finanzieren, warum nutzen Sie sie dann? Dann müssen Sie eben auf Tagesschau, Süddeutsche, Spiegel und WirtschaftsWoche verzichten und sich bei Twitter Ihr Bild der Welt zusammensuchen. 2. Angenommen, es gäbe den von Ihnen vermuteten Druck deutscher Anzeigenkunden - wie dumm muss man sein, sich ihm zu beugen und damit all die ausländischen Anzeigenkunden zu verärgern? 3. Qualitätsmedien leben von ihrer Glaubwürdigkeit und tun viel, damit diese nicht beschädigt wird. Denn nur glaubwürdige Medien werden genutzt, und nur Medien, die genutzt und geschätzt werden, bekommen teure Anzeigen und bleiben am Markt. So verhindert die unsichtbare Hand des Marktes, dass werbefinanzierte Medien werbegesteuerte Medien werden.
    Übrigens: Wer wir sind, wissen Sie, weil wir mit Namen und Fotos im Netz stehen. Wie wir uns finanzieren und wer bei uns Anzeigen schaltet, wissen Sie auch, wenn Sie bei uns surfen oder das Heft durchblättern. Bleibt bloß noch die Frage: Wer sind Sie eigentlich? Welches Interesse hatten Sie, als Sie den Kommentar schrieben?

  • 26.07.2012, 19:53 UhrReini

    Genau so ist es: Die Pleitestaaten werden uns aussaugen...; denn nur zu diesem Zweck soll immer mehr Kompetenz nach Brüssel an die Diktatoren abgegeben werden. Dann aber Gnade uns Gott! Sie wollen Deutschland zerschlagen - anstelle eines "Dritten Weltkriegs".

  • 24.07.2012, 13:50 UhrKozure_Okami

    Umweltökonomisch ist es absolut falsch, Oberklassenfahrzeuge beim CO2-Ausstoß bevorzugt zu behandeln. Es setzt die falschen Anreize. Und auch distributionspolitisch wäre gegen eine Gleichbehandlung der Mercedes und Co. mit den FIAT Punto dieser Welt nichts zu sagen. Das wußte allerdings bisher die mächtige deutsche Automobillobby zu verhindern. Es ist ausgesprochen bemerkenswert, dass der Artikel den ökonomisch sinnvollen Vorstoß von Marchionne als falsch denunziert. Und damit einseitig die Interessen der Aktionäre (und Mitarbeiter) von BMW, Audi und Co. vertritt. Schade, von einem Wirtschaftsmagazin hätte ich mir eine differenziertere Darstellung gewünscht. Zumal Marchione aus Eigeninteresse das für die Umwelt (und Gesellschaft) richtige will, Adam Smiths unsichtbare Hand läßt grüßen. Wäre doch eigentlich in Ihrem marktwirtschaftlichen Sinne, oder? Haben etwa die mächtigen deutschen Anzeigenkunden Druck auf Sie ausgeübt?

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