Connected Car auf der IAA: Daten statt Diesel

ThemaMobilität

Connected Car auf der IAA: Daten statt Diesel

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Die Autobauer treiben die Vernetzung der Autos weiter voran.

von Sebastian Schaal

Die IAA will zur Leitmesse für das vernetzte Fahren werden. Die Autobauer arbeiten mit Hochdruck an neuen Funktionen und Geschäftsmodellen rund um das Connected Car – doch die Kunden müssen sie erst noch überzeugen.

Wenn am Samstag die Internationale Automobil-Ausstellung in Frankfurt ihre Pforten für die Besucher öffnet, fahren die Hersteller alles auf, was sie gerade bieten können. In den knapp zwei Wochen werden fast eine Millionen Auto-Fans die neuesten Modelle aus Blech, Alu und neuerdings Carbon begutachten.

Unter dem Motto „Mobilität verbindet“ legt die 66. IAA das Hauptaugenmerk auf „den Megatrend des vernetzten und automatisierten Fahrens“, wie der Verband der Automobilindustrie (VDA) betont. Doch das ist nur schwer in ein spektakuläres Showcar zu packen – ob ein Auto mit dem Internet verbunden ist, sieht man ihm einfach nicht an.

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Deshalb helfen die Autobosse rhetorisch nach. „Unsere Branche und damit auch Volkswagen befinden sich mitten in einer digitalen Revolution“, sagt etwa VW-Boss Martin Winterkorn am Rande der Messe. „Bis 2020 machen wir jedes unserer neuen Autos zum rollenden Smartphone.“ Bei Daimler hört sich das so an: „Es geht um nicht mehr und nicht weniger als die vollständige Digitalisierung der gesamten Wertschöpfungskette – von Forschung und Entwicklung über die Produktion bis hin zum Vertrieb“, sagt Mercedes-Chef Dieter Zetsche. „Diese digitale Transformation ist bei uns in vollem Gange. Mercedes-Benz wandelt sich vom Automobilhersteller zum vernetzten Mobilitätsanbieter.“

Vier von fünf Neuwagen werden 2017 einen Internetzugang haben

Egal wem man in Frankfurt zuhört: Wie vor wenigen Jahren das Elektroauto wird heute das vernetzte Fahren als der große Zukunftstrend gepriesen. Der VDA geht etwa davon aus, dass bereits 2017 vier von fünf Neuwagen einen Internetanschluss haben werden – und die Industrie bis dahin 18 Milliarden Euro in die Entwicklung investiert. Wer noch nicht dabei ist, will schnell nachziehen – wie zum Beispiel Opel. „Wir suchen schon nach Kooperationspartnern für neue Dienste“, sagt Firmenchef Karl-Thomas Neumann im Interview mit der WirtschaftsWoche. „Ich bin sicher: Das vernetzte Auto schafft die Basis für viele neue Geschäftsmodelle.“

Die Technik-Trends der IAA 2015

  • Kommen Erfindungen zuerst immer in der Oberklasse statt im Kleinwagen ins Auto?

    Ob Klimaanlage, Airbag, ABS oder EPS - früher waren Innovationen tatsächlich zuerst in der S-Klasse oder den anderen Flaggschiffen zu sehen und erst einige Jahre später dann auch in den billigeren Modellen. Das hat sich geändert: Die technischen Innovationen kommen viel schneller, und manchmal werden sie zuerst in der Mittel- oder in der Kompaktklasse angeboten. Beispiel: Der Notbrems-Assistent von VW kam zuerst im Golf. Der neue 3er BMW hatte plötzlich ein moderneres Navi als der teurere 5er. „So etwas werden wir zunehmend sehen“, sagt Christoph Stürmer, Autoexperte der Unternehmensberatung PwC.

  • Warum?

    Jede brauchbare Neuerung hebt das Image einer Marke - und die Kunden sind ungeduldig. „Ein Hersteller kann es sich nicht mehr leisten, mit einer neuen Technik zu warten, bis die neue Oberklasse an der Reihe ist“, sagt Auto-Professor Stefan Bratzel von der Fachhochschule für Wirtschaft in Bergisch-Gladbach. Sobald ein neuer Technik-Baustein fertig ist, wird er eingebaut.

  • Schwindet der Innovationsvorsprung der Oberklasse?

    Für das automatisierte Fahren sind hochwertige Sensoren und Kameras notwendig, die zum Beispiel Verkehrszeichen erkennen. Vieles davon ist noch zu teuer für das Massensegment. Bei vielen Funktionen, die das Autofahren sicherer oder komfortabler machen, seien die Premiumhersteller weit vorn, sagt Stürmer. Und auch wenn zum Beispiel die Klimaanlage inzwischen Standard ist, bleibt Spielraum für feine Unterschiede, etwa durch individuelle Sitzklimatisierung und edle Auslassdüsen.

  • Gibt es unterschiedliche Strategien?

    Die Volumenhersteller versuchen, sich mit neuen Produkt-Ideen von der Konkurrenz abzuheben, sagt Stürmer. Beispiele: Opels Kompaktvan Zafira oder die kleinen SUVs. Hier gehe es um Nutzwert, das Platzangebot oder die Fahrzeugsilhouette. Bei den Premium-Autos blieben die Fahrzeug-Konzepte eher gleich, aber unzählige Neuerungen machten sie für die Insassen sicherer und angenehmer.

  • Was sind die Treiber der Innovation?

    Das vernetzte und effiziente Auto sind große Themen, sagt Bratzel. Kundenwünsche und gesetzliche Vorgaben machen Druck. So haben das Internet und die Erwartung der Kunden, ihr Smartphone auch im Auto nutzen zu können, völlig neue Möglichkeiten eröffnet. Jetzt kommen neue Sicherheitssysteme wie Volvos Kreuzungs-Assistent oder der Fahrunfähigkeits-Assistent im VW Passat, größere Bildschirme im Audi oder die Gestensteuerung im 7er-BMW. Und mit den technischen Möglichkeiten werden auch die Vorgaben strenger. So kann ein Auto ohne Notbrems-Assistent beim EroNCAP-Crashtest ab nächstem Jahr keine fünf Sterne mehr bekommen. Die einzelnen Schritte sind klein, aber über ein paar Jahre betrachtet werde sich ein gewaltiger Fortschritt ergeben, sagt Bratzel. In Pilotprojekten fahren Autos heute schon allein über die Autobahn.

  • Und was tut sich beim Antrieb?

    Wegen der Klimaschutz-Vorgaben entwickeln die Hersteller Hybrid- und Elektroautos. Vor allem aber sinkt der Spritverbrauch der millionenfach verkauften Benzin- und Dieselfahrzeuge: Die Motoren werden immer sparsamer. Die Autos werden nicht mehr schwerer, sondern wieder leichter. Und sogar die Reifen laufen besser.

  • Ein Automodell wird alle sieben Jahre erneuert, galt bisher als Faustregel - wird das Tempo jetzt höher?

    Das muss nicht sein. Um ein Auto stärker oder sparsamer zu machen, hätte ein Hersteller früher einen neuen Motor einbauen müssen. Heute genügt oft eine Verbesserung der elektronischen Steuerung. War ein Facelift nach drei Jahren oft nur kosmetischer Art, können jetzt jederzeit technische Nachbesserungen vorgenommen werden. Per Online-Update kann das Auto mit neuen Funktionen aufgerüstet werden - Tesla macht das vor.

  • Wie innovativ sind die deutschen Autobauer im Vergleich?

    Sie sind über alle Technikfelder hinweg relativ weit vorne, sagt Bratzel. Beim Hybrid-Auto ist Toyota gut unterwegs. Mit Blick auf das vernetzte und autonom fahrende Auto erwartet er aber einen „Kampf der Welten zwischen den traditionellen Autoherstellern und der Big-Data-Welt der Apples, Googles und Alibabas“. Bis 2025 werde die Entscheidung fallen.

Vorbild sei der amerikanische Mutterkonzern General Motors (GM) und dessen Mobilitäts- und Serviceassistent Onstar, den es auch im neuen Opel Astra geben wird. GM kooperiert von 2016 an mit einer US-Pizzakette, bei der die Fahrer über Onstar aus dem Auto heraus online eine Pizza bestellen können, und kassiert dafür eine Provision. Ähnliche Geschäftsmodelle, so der Opel-Chef, könne er sich „auch in Deutschland und Europa sehr gut vorstellen“.

Auch Peter Virk entwickelt Geschäftsmodelle rund um das digitalisierte Auto, allerdings für Jaguar Land Rover. Für den Leiter „Connected Technologies & Apps Infotainment” bei dem britischen Autobauer steht vor allem ein Gegenstand im Mittelpunkt: „Kein Gerät ist personalisierter als das Smartphone. Jeder hat seine Musik, Apps oder Streamingdienste mit seinem Account auf dem Smartphone registriert“, sagt Virk. „So wird das Smartphone zum Schlüssel für ein personalisiertes Erlebnis im Auto. Und wenn wir das Gerät mit dem System des Autos verbinden, erzielen wir einen neuen Nutzen.“

IAA 2015 Hyundais Weg nach oben

Einst als Importeur von Billig-Autos verschrien, macht Hyundai in Europa den einheimischen Herstellern zunehmend das Leben schwer. Statt auf den Preis setzen die Koreaner inzwischen auf Premium – und künftig auch Sport.

Der neue Hyundai Tucson auf der IAA 2015. Quelle: imago

Ein Beispiel: Eine App für die Wettervorhersage braucht in einem Auto niemand – er kann einfach aus dem Fenster schauen. Wird die Wetter-App aber mit den Navi-Daten kombiniert, weiß der Fahrer, ob es an seinem Zielort zu seiner Ankunftszeit regnet oder die Sonne scheint.

Geht es nach Virk, kommen solche Dienste deutlich schneller, als wir uns bislang vorstellen können. Sowohl bei den Funktionen, als auch bei der Rechnerleistung: Die aktuelle Generation der Modelle von Jaguar und Land Rover kommt auf die doppelte Rechnerleistung einer Boeing 777. „Die Industrie um das vernetzte Auto ist gerade erst am Entstehen. Wir sind an einem Punkt, an dem die Smartphone-Industrie vor wenigen Jahren war“, sagt der Jaguar-Entwickler. „Selbst 2005 konnte sich kaum jemand vorstellen, mit welchen Geräten wir heute wie selbstverständlich umgehen. In diesem Tempo wird auch der Markt für ein Connected Car wachsen.“

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