Defekte Airbags: Takata zieht umstrittenen Treibstoff aus dem Verkehr

Defekte Airbags: Takata zieht umstrittenen Treibstoff aus dem Verkehr

Der japanische Airbag-Hersteller kündigt weitere Schritte an, um die Sicherheit seiner Produkte wieder herzustellen. Top-Manager Kevin Kennedy muss vor einem Ausschuss des US-Kongresses Rede und Antwort stehen.

Der wegen defekter Airbags in die Kritik geratene Autozulieferer Takata hat weitere Maßnahmen zur Krisenbewältigung versprochen. Künftig solle bei den Airbags auf die Verwendung von Ammoniumnitrat verzichtet werden, teilte das japanische Unternehmen am Montag (Ortszeit) in Washington mit. Die Chemikalie wurde in Millionen von Fahrzeugen bei Airbag-Gasgeneratoren als Treibstoff eingesetzt und steht im Verdacht, ein Grund für erhebliche Sicherheitsrisiken zu sein.

Takata-Airbags haben in der Vergangenheit in mehreren Fällen unvermittelt ausgelöst. Dabei kam es zu Explosionen, die Teile der Metallverkleidung sprengten. Diese Defekte werden mit sechs Toten und zahlreichen Verletzten in Zusammenhang gebracht. Vor allem in den USA steht das Unternehmen deshalb massiv unter Druck. Am Dienstag muss sich der für Nordamerika zuständige Takata-Manager Kevin Kennedy in Washington bei einer Anhörung Abgeordneten stellen.

Gründe für die wachsende Zahl von Rückrufen

  • Wachstumswettlauf und Entwicklungsgeschwindigkeit

    Die Hersteller bringen unter dem enormen Wettbewerbsdruck in immer kürzeren Zyklen neue Baureihen, Modelle und Produktderivate in Umlauf. Automobilunternehmen, denen es gelingt, mit einer großen Produktbreite sowie ständigen Modellneuheiten und technischen Innovationen in den Weltmärkten präsent zu sein, haben im globalen Wettbewerb enorme Vorteile. Es besteht jedoch dabei die Gefahr, dass Hersteller vor dem Hintergrund hoher Wachstumsziele und kürzerer Produktentwicklungszyklen dem Thema der Qualitätssicherung nicht den notwendigen Stellenwert beimessen.

  • Kostendruck und Wertschöpfungsverlagerung auf globale Zulieferer

    Der Wertschöpfungsanteil der Zulieferer ist mittlerweile auf rund 75 Prozent gestiegen. Gleichzeitig wachsen mit dieser Verlagerung auch die Anforderungen an unternehmensübergreifendes, globales Qualitätsmanagement. Mit der Sicherung der Teilequalität der globalen Lieferanten einher geht ein hoher Kostendruck, den die Hersteller auf die Automobilzulieferer ausüben. Hier besteht die Gefahr, dass die geforderten Einsparungen auf Kosten der Teilequalität gehen. Die Komplexität des Qualitätsmanagements steigt, da auch die Qualität der international verteilten Produktionsanlagen der Zulieferer durch Prozesse abgesichert werden muss.

  • Plattform- und Baukastensysteme sind "Segen und Fluch"

    Die Autokonzerne setzen immer stärker auf Modulbaukästen. Das bedeutet, dass die Anzahl gleicher Teile über Modelle und Baureihen von Herstellern hinweg stark ansteigt. Daraus ergeben sich große Kostenvorteile, doch es macht die Hersteller auch sehr verwundbar. So kann ein fehlerhaftes Teil, etwa eines Zulieferers, das in verschiedene Modelle sogar von verschiedenen Herstellern - eingebaut ist und mehrere Jahre verbaut wurde, millionenfache Rückrufe zur Folge haben. Jüngstes Beispiel hierfür sind die Airbagprobleme des japanischen Zulieferers Takata, die in 2013 zu millionenfachen Rückrufen etwa bei Toyota, Honda und Nissan sowie BMW geführt haben. Für Hersteller sind diese Rückrufe nicht nur teuer, sondern können auch das Qualitätsimage stark belasten.

Vor etwa zwei Wochen hatte Takata auf Drängen der Verkehrsbehörde NHTSA der größten Rückrufaktion der US-Geschichte zugestimmt. Seit 2013 wurden bereits etwa 17 Millionen Fahrzeuge von Autoherstellern in die Werkstätten beordert, diese Zahl wird sich noch einmal fast verdoppeln.

In Notizen, die vorab veröffentlicht wurden, bemüht sich Manager Kennedy, das Ausmaß der Misere zu relativieren: „Wir sind stolz, dass Millionen von Takata-Airbags ordnungsgemäß funktioniert und Tausende von Todesfällen verhindert haben“. In den letzten Monaten habe Takata ballistische Tests für mehr als 12 500 Airbags durchgeführt, von denen nur neun Mängel aufgewiesen hätten. Kennedy bezeichnete es aber als unakzeptabel, „wenn auch nur eines unserer Produkte nicht wie vorgesehen funktioniert und Menschen in Gefahr bringt“.

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Fünf Gründe für die häufigen Rückrufe

  • Steigende technische Komplexität

    Die technische Komplexität der Fahrzeuge ist in den letzten 10 bis 15 Jahren enorm gestiegen, wodurch die Fahrzeuge zwar grundsätzlich sicherer geworden sind. Allerdings führte die technische Komplexität auch zu einem Anstieg der Fehlerhäufigkeit und Fehleranfälligkeit. Hierzu tragen unter anderem passive und aktive Sicherheitssysteme (wie ABS, ESP, Airbags; Fahrassistenzsysteme) bei, die gleichzeitig die Fahrzeugsicherheit deutlich erhöht haben. Darüber hinaus sind motortechnische Optimierungen (Start/Stopp-Systeme, Aufladung etc.) sowie zahlreiche Komfortmerkmale wie etwa Navigations-, Telefon und Internetdienste im Fahrzeuge zu nennen. Es ist zu erwarten, dass im Zuge der Entwicklung weiterer Komfort- und Sicherheitsfeatures auch künftig der Komplexitätsgrad der Fahrzeuge zunimmt.

    Quelle: "Die Rückruf-Trends der globalen Automobilhersteller im Jahr 2014 (AutomotivePeformance 2015)" des Center of Automotive Management

  • Zunahme der Entwicklungsgeschwindigkeit

    Die Produktentwicklungszyklen wurden in den vergangenen zehn Jahren deutlich verkürzt. Aufgrund der hohen Wettbewerbsintensität der Branche bringen die globalen Hersteller in immer kürzerer Zeit neue Modelle bzw. Derivate in Umlauf und verbreitern damit ihr Produktportfolio kontinuierlich. Wer es schafft, mit neuen Modellen beziehungsweise Modellvarianten schnell am Markt zu sein, hat im globalen Wettbewerb Vorteile. Der hohe Zeitdruck in der Produktentwicklung wirkt sich negativ auf
    die Qualitätssicherung aus.

  • Verlagerung der Wertschöpfung

    Um Kosten-, Zeit- und Innovationsvorteile zu realisieren, wurden erhebliche Teile der Wertschöpfung auf die Automobilzulieferer übertragen. Ihr Wertschöpfungsanteil ist mittlerweile auf rund 75 Prozent gestiegen. Gleichzeitig steigen mit dieser Verlagerung die Anforderungen an unternehmensübergreifendes Qualitätsmanagement, das darüber hinaus auf globaler Ebene sichergestellt werden muss. Es muss einerseits nicht nur die eigene Produktqualität, sondern auch durch geeignete Prozesse die Teilequalität der globalen Lieferanten gesichert werden. Andererseits steigt die Komplexität eines Qualitätsmanagement auch dadurch, dass die Automobilhersteller nicht nur die zugelieferten Teile, sondern meist auch die Qualität der international verteilten Produktionsanlagen ihrer Zulieferer einschätzen und durch Prozesse absichern müssen.

  • Erhöhter Kostendruck

    Die Automobilhersteller stehen aufgrund der hohen Wettbewerbsintensität auch unter enormen Kostendruck. Gleichzeitig geben die Hersteller den Kostendruck an die Automobilzulieferer weiter, die dazu angehalten sind, ihre eigene Kosten beziehungsweise die ihrer Teile- und Rohstofflieferanten zu drücken. Hier besteht die Gefahr, dass der Kostendruck auf zu Ungunsten der Produktqualität geht.

  • Baukasten- und Gleichteilestrategie

    Um Kosten zu sparen und die Entwicklungsgeschwindigkeit zu erhöhen, müssen die Hersteller zunehmend auf Gleichteile- oder Baukastenstrategien setzen. Hierbei nutzen die OEM die gleichen Komponenten und Module in möglichst vielen Modellen, um von den hiermit verbundenen Mengeneffekten zu profitieren. So plant BMW etwa die Zahl der hergestellten Fahrzeuge je Plattform bis zum Jahr 2019 etwa zu verdoppeln, Volkswagen (durch die Einführung des MQB) diese sogar fast zu verdreifachen. Diese Strategie entwickelt sich zu einem wichtigen Erfolgs- und Überlebensfaktor der Hersteller, da sich aus ihr erhebliche Kostenvorteile ergeben können. Gleichzeitig steigt jedoch das Risiko, dass bei Qualitätsproblemen einzelner Teile oder Komponenten eine große Menge von Fahrzeugen über Baureihen hinweg zurückgerufen werden müssen.

Deshalb habe Takata sich verpflichtet, die Produktion des Konstruktionstyps einzustellen, der bei allen bisherigen Unfällen mit Airbags auf der Fahrerseite aufgetreten sei, so Kennedy. Man arbeite mit den betroffenen Autobauern zusammen, um bei den Ersatzteilen neue Versionen ohne Ammoniumnitrat einzusetzen. Diese könnten auch von anderen Airbag-Herstellern kommen. Ob der Treibstoff für die Probleme verantwortlich ist, ist aber noch nicht abschließend geklärt. „Takata hat die Ursache des Defekts noch immer nicht identifiziert“, kritisierte US-Verkehrsminister Anthony Foxx erst kürzlich.

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Takata hatte sich eine Machtprobe mit der Verkehrsbehörde geleistet und wegen mangelnder Kooperation eine Strafe von 14 000 Dollar pro Tag aufgebrummt bekommen. Stein des Anstoßes war vor allem gewesen, dass Takata Forderungen nach einem landesweiten Rückruf zunächst abgelehnt hatte. Die Firma vertritt den Standpunkt, die Unfälle stünden im Zusammenhang mit dem heißen und feuchten Klima in einigen US-Bundesstaaten. Sie würde die Rückrufe lieber auf diese Regionen beschränken. Ob die Sicherheit durch den Megarückruf rasch wieder hergestellt werden kann, ist ohnehin sehr zweifelhaft - das Vorhaben dürfte Jahre dauern und erfordert Ersatzteile, die Takata nicht aus dem Stand liefern kann.

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