Dieselskandal: Was wusste Müller?

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Dieselskandal: Was wusste Müller?

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Matthias Müller, Vorstandsvorsitzender der Volkswagen AG

von Martin Seiwert und Annina Reimann

VW-Vorstandschef Müller blickt auf eine lange Karriere im Konzern zurück. Auffällig: Wo immer er an höchster Stelle Produktverantwortung hatte, blühten die Dieselmanipulationen. Was wusste er über die Tricksereien?

Im Sommer 2006 ist die Volkswagen-Tochter Audi scheinbar ein sorgenfreier Ort. Der Chef Martin Winterkorn lässt sich dabei beobachten, wie er im Stadion die Fußballweltmeisterschaft verfolgt, den bayrischen Verdienstorden „Pour le mérite“ verliehen bekommt und erklärt, wie vergnüglich es sein kann, die Uhr Daytona aus dem Hause Rolex zu tragen.

Während der Chef die sonnigen Seiten des Managerlebens genießt, plagen sich seine Ingenieure mit einem Problem herum: Der Geländewagen Q7 soll in den USA eingeführt werden, aber das Auto schafft die Grenzwerte für Stickoxide (NOx) nicht. Mit mehr Harnstofflösung (AdBlue), die das NOx neutralisiert, wäre es möglich. Aber für große AdBlue-Tanks ist kein Platz. Ein Nachfüllen des Tanks durch Kunden ist in den USA verboten.

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Das Thema zieht, so steht es in einer Anklageschrift der New Yorker Generalstaatsanwaltschaft, Kreise im Unternehmen: „Im oder um den Juli 2006 herum erreicht das Problem der zu kleinen Harnstofftanks die Aufmerksamkeit von Winterkorn und H. Müller, den ein Zeuge von Audi als den damaligen Produktstrategen und heutigen VW-Chef identifizierte.“

Karriere im VW-Konzern: Die Stationen von Matthias Müller

  • 1995-2007

    Matthias Müller leitet das Produktmanagement von Audi sowie von Seat und Lamborghini.

  • 2007-2010

    Als Generalbevollmächtigter von Volkswagen leitet Müller die Produktstrategie des gesamten Konzerns.

  • 2010-2015

    Müller ist als Chef der Marke Porsche für deren Produktstrategie verantwortlich.

  • seit 2015

    Wegen des Dieselskandals geht VW-Chef Martin Winterkorn. Müller rückt nach und ist seither für die Skandalaufarbeitung zuständig.

Sollte das stimmen, käme auf den Volkswagenkonzern und seinen heutigen Vorstandschef Matthias Müller ein neues Problem zu: Denn in jener Gemengelage 2006 tauchte die Idee auf, eine Software zur Verschleierung des Problems einzusetzen. Sollte Müller, wie die US-Staatsanwälte unterstellen, schon 2006 das Problem gekannt haben, stellt sich die Frage, warum er dann nichts von den Betrügereien wusste. Schließlich hätte ihn doch die Lösung des Problems interessieren müssen.

Müller hat, seitdem er Winterkorn Ende 2015 als Volkswagen-Chef beerbte, jede Mitwisserschaft an den Abgasmanipulationen im VW-Konzern zurückgewiesen. Tatsächlich beweist allein die Anmerkung aus den Schriften der US-Staatsanwälte wenig. Sie ist aber ein weiterer Hinweis darauf, dass der Skandal näher an Müller heranrückt.

Solche Hinweise gab es in den vergangenen Wochen mehrere: Mitte März durchsuchte die Staatsanwaltschaft München die VW-Vorstandsetage und interessierte sich angeblich für Unterlagen, Smartphone-Daten und E-Mails von Müller. Zu den Verdächtigen gehört Müller damit nicht, die Staatsanwaltschaft München ermittelt gegen unbekannt. Und im Februar enthüllte ein Arbeitsrechtsprozess zwischen dem früheren Audi-Dieselmotorenchef Ulrich Weiß und dem Konzern, wie weit hinauf in den Audi-Vorstand die AdBlue-Probleme seit Jahren diskutiert worden sein könnten. Es gebe keinerlei Erkenntnisse über eine Verstrickung etwa von Audi-Chef Stadler oder anderer amtierender Audi-Vorstände in den Skandal, heißt es dagegen im VW-Konzern.

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Peter-Daniell-Porsche Quelle: dpa

Mehrere Insider versicherten in den vergangenen Wochen der WirtschaftsWoche: Sollte bei Audi der Betrug auf Vorstandsebene angekommen sein, dürfte auch Müller das Thema kaum verborgen geblieben sein. „Ein Vorstand des VW-Konzerns kann immer sagen, dass er technische Details nicht kannte und sie auch nicht hätte wissen müssen“, sagt ein ehemals hochrangiger VW-Manager, der mit Müller arbeitete. „Doch das könnte Müller für sich nicht geltend machen. Als Produktplaner bei Audi und später beim VW-Konzern und auch als Chef der Marke Porsche saß er in den Produktstrategiekommissionen und Steuerkreisen, in denen technische Probleme intensiv und im Detail diskutiert werden.“

VW widerspricht: Müller habe sich nicht im Detail mit technischen Fragen befassen können. Die Schlussfolgerung der US-Staatsanwälte sei falsch: „Das Schreiben und kein anderer uns bekannter Vorgang können belegen, dass Herr Müller sich mit der Frage befasste, wie groß die AdBlue-Tanks sein müssen.“

Doch über Jahre war Müller Teil einer Seilschaft: Winterkorn, dahinter Produktstratege Müller, Motorenchef Wolfgang Hatz und Entwicklungschef Ulrich Hackenberg. Alle sind sie über den Skandal gestolpert – bis auf Müller. Und das, obwohl auffällig ist: Immer dort, wo der Karriereweg Müller hinführte, blühte der Dieselbetrug. Diese Parallelität ist unstrittig, nicht jedoch die Interpretation. Jeder Zusammenhang zwischen Berufsweg und Skandal sei, so meint ein VW-Sprecher, „kompletter Unsinn“.

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