Einblick: Dieselgate entlarvt den VW-Größenwahn

kolumneEinblick: Dieselgate entlarvt den VW-Größenwahn

Kolumne von Miriam Meckel

Blindheit, Dreistigkeit und Größenwahn: Dieselgate entlarvt die mangelnde Governance bei VW und in der Klimapolitik.

Die Räder laufen, das Lenkrad steht still. So funktioniert das beim Abgastest FTP 75 (Federal Test Procedure), mit dem die Emission von Dieselfahrzeugen in den USA im Labor auf Einhaltung der Norm geprüft wird. Und so lief es offenbar auch bei Volkswagen in Wolfsburg.

Die Räder surrten, ganz nach dem vom Management ausgegebenen Motto: „Wir müssen schneller, effizienter und beweglicher werden.“ Schließlich will VW weltgrößter Autobauer bleiben. Aber die Lenkung war außer Kraft gesetzt. Sonst hätte der Konzern längst umsteuern, reagieren und an der Spitze Besinnung walten lassen müssen.

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PremiumDossier zum Download Das Ende des Größenwahns bei VW

Auf das Dieselgate folgt der Winterkorn-Rücktritt: Wie das System Volkswagen über Jahre funktionierte, welche Rolle die USA spielen und wie Deutschlands größter Autobauer sich neu erfinden muss.

Dossier VW: Das Ende des Größenwahns

Der Skandal um manipulierte Abgaswerte rumorte seit vergangenem Jahr. Spätestens seit alarmierenden Messungen und Überlegungen zum Rückruf von 500.000 Dieselfahrzeugen im Dezember 2014 hätten alle Warnlichter auf Rot stehen müssen. Aber VW hat nicht reagiert. Offenbar herrschte der Glaube an die eigene Marktposition, die Liebe zur Technik und die Hoffnung, dass niemand etwas merken würde. Wie kann das sein? Ob Blindheit gegenüber der ökonomischen und regulatorischen Realität, ob Dreistigkeit oder auch schlicht Größenwahn die Ursache waren: Es wird den Konzern viel kosten. Vielleicht nicht die Existenz. Aber VW wird nach diesem Betrug nicht mehr dasselbe Unternehmen sein.

Der VW-Abgas-Skandal im Überblick

  • 18. September

    Die US-Umweltbehörde EPA teilt in Washington mit, Volkswagen habe eine spezielle Software eingesetzt, um die Messung des Schadstoffausstoßes bei Abgastests zu manipulieren. In den Tagen darauf wird klar, dass weltweit Fahrzeuge von VW und der Töchter betroffen sind – darunter auch Audi und Porsche. Die VW-Aktie bricht ein.  

  • 23. September

    VW-Chef Martin Winterkorn tritt nach einer Krisensitzung der obersten Aufseher zurück. Die Staatsanwaltschaft Braunschweig prüft die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens gegen VW. Anlass dafür seien auch eingegangene Strafanzeigen von Bürgern, heißt es.

  • 24. September

    Der VW-Aufsichtsrat tagt. Nach langer Sitzung beruft das Gremium Porsche-Chef Matthias Müller zum neuen Konzernchef und trifft einige weitere Personal- und Strukturentscheidungen. Verantwortliche Motorenentwickler werden beurlaubt.

  • 28. September

    Nach mehreren Strafanzeigen startet die Braunschweiger Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren wegen Betrugsvorwürfen. Entgegen einer ersten Pressemitteilung der Staatsanwaltschaft Braunschweig gibt es keine Ermittlungen gegen Ex-Chef Martin Winterkorn persönlich.

  • 1. Oktober

    Das Aufsichtsrats-Präsidium beschließt, Hans Dieter Pötsch per registergerichtlichen Anordnung in den Aufsichtsrat zu berufen. Das ist möglich, weil mehr als 25 Prozent der Aktionäre Pötsch favorisiert haben. Die Familien Porsche und Piëch, die Pötsch gegen die Bedenken des Landes Niedersachsens und der Arbeitnehmer durchgesetzt haben, halten über die Porsche SE rund 52 Prozent der VW-Anteile. Julia Kuhn-Piëch, die erst dieses Jahr nach dem Rücktritt von Ferdinand und Ursula Piëch in das Kontrollgremium aufgerückt war, verlässt den Aufsichtsrat wieder.

  • 6. Oktober

    Es ist klar, dass die betroffenen VW-Fahrzeuge in die Werkstatt müssen, damit die Schummel-Software verschwindet. Bei einigen Motorenwerden die Techniker selbst Hand anlegen müssen. Eine Rückruf-Aktion, so wird es am nächsten Tag bekannt werden, soll 2016 starten. Die geschäftlichen und finanziellen Folgender Krise sind nicht absehbar. Die Kosten der Abgas-Affäre werden jedoch enorm sein. Der neue Chef muss sparen: "Deshalbstellen wir jetzt alle geplantenInvestitionen nochmal auf denPrüfstand", kündigt Müller an.

  • 15. Oktober

    Das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) ordnet einen verpflichtenden Rückruf aller VW-Dieselautos mit der Betrugssoftware an. In ganz Europa müssen 8,5 Millionen, in Deutschland 2,4 Millionen Wagen in die Werkstatt. VW hatte eine freiwillige Lösung angestrebt.

  • 28. Oktober

    Der Skandal beschert dem Konzern im dritten Quartal einen Milliardenverlust. Vor Zinsen und Steuern beläuft sich das Minus auf rund 3,5 Milliarden Euro.

  • 3. November

    Der Skandal erreicht eine neue Dimension. VW muss - nach weiteren Ermittlungen der US-Behörden - einräumen, dass es auch Unregelmäßigkeiten beim Kohlendioxid-Ausstoß (CO2) gibt. Rund 800.000 Fahrzeuge könnten betroffen sein. Die VW-Aktie geht erneut auf Talfahrt.

  • 20. November

    Der Diesel-Skandal in den USA weitet sich aus. Erneut. Es seien mehr Drei-Liter-Diesel der Marken Volkswagen und Audi betroffen, als bislang angenommen, erklärt die US-Umweltbehörde EPA. Die Autobauer bestreiten dies zunächst. Wenige Tage später, am 24. November, müssen sie allerdings  einräumen, ein sogenanntes „Defeat Device“ nicht offengelegt zu haben. Die Software gilt in den USA als illegal.

    Die Auswirkungen des Skandal zwingen VW zudem zum Sparen: VW fährt die Investitionen für das kommende Jahr runter. 2016 sollen die Sachinvestitionen um eine Milliarde Euro verringert werden. „Wir fahren in den kommenden Monaten auf Sicht“, sagt VW-Chef Müller. Weitere Ausgaben bleiben auf dem Prüfstand.

  • 24. November

    Neuer Ärger für Volkswagen: Die Staatsanwaltschaft Braunschweig ermittelt nun auch wegen mögliche Steuerhinterziehung im Zusammenhang mit falschen CO2-Angaben. Die könnten dazu geführt haben, dass zu wenig Kfz-Steuer gezahlt wurde.

  • 25. November

    Zumindest etwas Positives für die Wolfsburger: Zur Nachrüstung der millionenfach manipulierten Dieselmotoren mit 1,6 Litern Hubraum in Europa reicht nach Angaben von Volkswagen ein zusätzliches, wenige Euro teures Bauteil aus. Bei den 2,0-Liter-Motoren genügt ein Software-Update. Das Kraftfahrtbundesamt genehmigt die Maßnahmen. Auch wenn VW keine Angaben zu den Kosten macht – es hätte schlimmer kommen können.

Kein Ausreißer, sondern systematische Manipulation

Der Erfolg von VW als weltgrößter Autohersteller gilt nur unter Laborbedingungen, das wissen wir nun. Was der Konzern auf die Straße bringt, ist im Dieselsegment manipuliert – eine Kundentäuschung. Deshalb entlarvt dieser Skandal Unternehmenskultur und Unternehmensführung. Nicht die Unregelmäßigkeiten bei Dieselmotoren „widersprechen allem, für was Volkswagen steht“, wie Martin Winterkorn in seinem Entschuldigungsvideo sagte. Es ist umgekehrt: Die propagierten Unternehmenswerte verpuffen angesichts eines Betrugs dieses Ausmaßes. Der zeigt nämlich keinen Ausreißer, sondern die Regel systematischer Manipulation. VW ist ein Familienunternehmen mit Staatsbeteiligung, das nahezu monarchisch geführt wurde. Es mag gute Geschichten und gute Bilder garantieren, wenn der Chef sich um jede Schraube kümmert. Zeitgemäße Führung sieht anders aus. Wo Zentralismus in der Chefetage herrscht, verkümmert Verantwortung auf den nachgeordneten Ebenen. Man ist eher mit der Absicherung der eigenen Position als mit Fehlerbereinigung beschäftigt.

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Der Skandal entzaubert aber auch die europäische Klimapolitik und die Bigotterie der Regulatoren. Wegen der Vorschriften zur Verringerung der CO2-Emissionen hat die Autoindustrie auf den Dieselmotor gesetzt. Anders wären die CO2-Zielwerte ab 2020 nicht zu erreichen. Dass dafür bei den Abgasuntersuchungen getrickst wird, ist lange bekannt. VW hat die Trickserei mit manipulierter Software zum Betrug perfektioniert. Deutsche Ingenieurskunst unter den Bedingungen globalen Wettbewerbs? Statt realistische Werte anzusetzen und deren Einhaltung konsequent zu prüfen, haben Politik und Regulierung weggeschaut. Deutschlands führende Industrie lässt sich nun Hand in Hand mit der Politik von den US-Behörden vorführen. Innerhalb von 48 Stunden sind die Erfolge des weltgrößten Autoherstellers und von Teilen der europäischen Klimapolitik zur Luftbuchung verkommen. Es braucht keinen Stickstoff, dass einem da die Luft wegbleibt.

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