Elektromobilität: Merkel enttäuscht Autoindustrie

Elektromobilität: Merkel enttäuscht Autoindustrie

von Christian Schlesiger

Die deutschen Autohersteller erhoffen sich Kaufanreize, damit der Markt für Elektrofahrzeuge endlich in Gang kommt. Doch die Bundesregierung lässt die Branche weiter zappeln.

Eines muss man Dieter Zetsche wirklich lassen. Obwohl der Vorstandsvorsitzende von Daimler enttäuscht ist über die Bundesregierung, wählt er freundliche Worte, um sie zu rügen. "Es gab eine gewisse Erwartungshaltung, dass wir heute etwas konkretere Antworten bekommen werden." Die Autoindustrie habe ihre Hausaufgaben gemacht. Nun sei die Politik am Zuge. Tatsächlich waren die Erwartungen an die Nationale Konferenz Elektromobilität hoch. Zum zweiten Mal seit 2009 trafen sich in Berlin Vertreter von Wirtschaft, Politik und Gewerkschaften, um zu beraten, wie es denn weiter gehen solle mit der Elektromobilität. Bis 2020 will die Bundesregierung eine Millionen Fahrzeuge mit voll- oder halbelektrischen Antrieb auf die deutschen Straßen bringen. Um den Markt anzukurbeln, hatten Beobachter Kaufanreize fest eingeplant.

 

Anzeige

Doch die Bundeskanzlerin enttäuschte die mehreren Tausend anwesenden Industrievertreter. "Man erwartet noch in diesem Jahr eine Antwort von der Bundesregierung und wir werden uns Mühe geben", sagte Angela Merkel. Als der Saal daraufhin fast resignierend lachte, setzte sie nach: "Ja, mehr kann ich heute nicht versprechen."

 

Umstrittene Förderung für Elektroautos

  • Der Hintergrund

    Beim Kampf gegen die Erderwärmung geraten immer wieder die Autofahrer in den Blick. Der Ausstoß des Treibhausgases Kohlendioxid (CO2) geht in Deutschland nämlich zu einem Sechstel auf das Konto des Straßenverkehrs. Als klimaschonende Variante gelten Elektroautos, die nicht mit Benzin, sondern mit Strom angetrieben werden. Deshalb will der Bundestag am Donnerstagnachmittag ein Gesetz verabschieden, das einige Privilegien für die Besitzer von E-Autos vorsieht.

  • Wie viele Elektroautos gibt es in Deutschland?

    Wenn es nach der Bundesregierung geht: viel zu wenige. Bis zum Jahr 2020 wird nämlich die Zielmarke von einer Million E-Autos angepeilt. Zu Jahresbeginn waren es aber nur 18.948 Fahrzeuge mit reinem Elektromotor sowie 107.754 Hybrid-Autos, die sowohl mit einem Elektro- als auch mit einem herkömmlichem Verbrennungsmotor fahren können. Im Vergleich zu den bundesweit 44,4 Millionen zugelassenen Pkw ist der Anteil der Elektroautos aber verschwindend gering.

  • Warum ist die Zahl der Elektroautos so niedrig?

    Zum einen ist der Anschaffungspreis relativ hoch: So kostet der VW-Kleinwagen Up! in der Elektroversion mit fast 27.000 Euro etwa dreimal so viel wie das Basismodell. Ein weiteres Problem ist die Reichweite: Derzeit muss ein reines E-Auto im Schnitt nach 150 Kilometern neu geladen werden, doch dafür fehlt vor allem auf dem Land die notwendige Infrastruktur. Und die niedrigen Spritpreise motivieren derzeit auch nicht gerade zum Abschied vom Benziner.

  • Wie will die Koalition mehr Autos auf die Straße bringen?

    Eine staatliche Kaufprämie, die immer wieder gefordert wird, ist derzeit nicht vorgesehen. Stattdessen sollen E-Autos die innerstädtischen Busspuren nutzen können und spezielle, kostenfreie Parkplätze erhalten. Allerdings schafft der Bundestag mit seinem Gesetz lediglich die rechtliche Grundlage dafür. Ob den Elektroautos tatsächlich solche Privilegien eingeräumt werden, muss jede Kommune für sich selbst entscheiden.

  • Stoßen die Gesetzespläne auf Zustimmung?

    Eher nicht. Kaum eine deutsche Großstadt will ihre Busspuren für Elektroautos öffnen. So haben Berlin, Hamburg und München bereits deutliche Ablehnung signalisiert: Mit Bussen, Taxis und Krankenwagen sei bereits die Grenze der Belastbarkeit erreicht. Auch der Deutsche Städtetag warnt, die Zulassung weiterer Fahrzeuge auf der Busspur würde den öffentlichen Nahverkehr verlangsamen. Die Forderungen nach staatlichen Kaufanreizen reißen ebenfalls nicht ab. So wünscht sich die Autoindustrie großzügige Steuererleichterungen für elektronische Firmenwagen. Für Privatleute brachte der niedersächsische Wirtschaftsminister Olaf Lies (SPD) eine Kaufprämie von 5000 Euro ins Gespräch. Ähnliche Regelungen gibt es bereits in Frankreich und China. Doch davon will die Bundesregierung nichts wissen.

Es sind Merkel-Sätze, wie man sie kennt. Bloß nicht zu viel versprechen, bloß keine falschen Hoffnungen schüren. Doch damit ist klar: Deutschland kommt beim Thema Elektromobilität nicht vom Fleck. Aktuell sind gerade mal 36.000 Elektroautos in Deutschland zugelassen. Das Ziel für 2020, so viel ist klar, lässt sich ohne flankierende Maßnahmen nicht erreichen. Doch nicht einmal die Präsenz der wichtigsten Minister und Konzernbosse reicht offenbar aus, um der Zukunftstechnologie auf die Beine zu helfen. 

 

So entwickelt sich die deutsche Elektromobilität weiterhin in zwei Geschwindigkeiten. Leitanbieter sind Deutschlands Konzerne bereits. Sie haben etwa 19 Modelle mit Elektromotor oder Plugin-Hybrid auf dem Markt. Ausländische Hersteller kommen auf etwa 17. Vor allem BMW mit seinem i3 gilt als Erfolgsmodell. Auch Zetsche betont, dass sich der Absatz der neuen C-Klasse mit Plugin-Hybrid bis Ende des Jahres zwei bis drei Mal besser verkaufen werde als intern geplant.

 

Doch beim Leitmarkt bleibt Deutschland weiterhin nur Mittelmaß. Während Märkte wie Norwegen, Holland, Großbritannien und China durch großzügige Forderung boomen, kann sich Deutschland selbst über eine Verdopplung der Zulassungszahlen für E-Autos in diesem Jahr gegenüber Vorjahr nicht freuen. In Norwegen ist bereits jede vierte Fahrzeug-Neuzulassung elektrisch. Die Briten und Chinesen wachsen mit rund 400 Prozent und mehr.

Elektroauto-Absatz 2014 in Deutschland

  • Platz 10

    Modell: Audi A3 e-tron

    Verkaufte Autos: 460 Fahrzeuge

    Quelle: Kraftfahrt-Bundesamt KBA

  • Platz 9

    Modell: Renault Twizy

    Verkaufte Autos: 573 Fahrzeuge

  • Platz 8

    Modell: VW E-Golf

    Verkaufte Autos: 601 Fahrzeuge

  • Platz 7

    Modell: Nissan Leaf

    Verkaufte Autos: 812 Fahrzeuge

  • Platz 6

    Modell: Tesla Model S

    Verkaufte Autos: 814 Fahrzeuge

  • Platz 5

    Modell: Mitsubishi Outlander PHEV

    Verkaufte Autos: 1.068 Fahrzeuge

  • Platz 4

    Modell: VW E-Up

    Verkaufte Autos: 1.354 Fahrzeuge

  • Platz 3

    Modell: Renault Zoë

    Verkaufte Autos: 1.498 Fahrzeuge

  • Platz 2

    Modell: Smart Fortwo ED

    Verkaufte Autos: 1.589 Fahrzeuge

  • Platz 1

    Modell: BMW i3*

    Verkaufte Autos: 2.231 Fahrzeuge

    *inklusive Modelle mit Range Extender

Die Industrie fordert deshalb dringend Kaufanreize wie Sonderabschreibungen für Dienstfahrzeuge. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble prüft die Maßnahme zwar. Doch zu einer konkreten Initiave konnte sich sein Haus nicht durchringen. Wahrscheinlich scheitern es mal wieder am Föderalismus. Denn die Bundesländer müssten mitspielen, da sie einen Teil der Steuermindereinnahmen mittragen müssten. Die Autoindustrie rechnet im ersten Jahr mit einem Steuerminus von 30 Millionen Euro, in den Folgejahren dann mit jeweils 200 Millionen Euro pro Jahr.

 

Die Bundesregierung spielt nun auf Zeit. Dabei drängt die Zeit. Experten halten einen Leitmarkt für notwendig, um künftig auch Wertschöpfung ins Land zu holen oder zu halten. Gerade bei der Batterieforschung gibt es Aufholbedarf. Einst war Deutschland der Batteriehersteller der Welt. Doch das ist Jahrzehnte her. Ende der Neunzigerjahre gab es nur noch einen Lehrstuhl für Battierzelltechnik. Produziert wird deshalb vor allem in Asien.

Weitere Artikel

Deutschland will nun vor allem bei der nächsten Generation der Lithium-Schwefel Akkus in der ersten Liga spielen. Das Bundesforschungsministerium hat jüngst ein Programm gestartet, um die Fertigung wieder ins Land zu holen. Doch ausgerechnet dort scheint man auch nicht allzu viel übrig zu haben für Elektrofahrzeuge. In der eigenen Dienstwagenflotte gibt es derzeit nicht ein einziges Elektromobil. Ohne Dienstwagen mit Elektroantrieb wird sich aber dauerhaft kein Gebrauchtwagenmarkt für Stromer entwickeln. Immerhin kamen zum Schluss noch tröstende Schlussworte aus dem Bundesverkehrsministerium. Die Sonderabschreibung auf Dienstfahrzeuge mit Elektroautos sei "keine Frage des Ob, sondern nur des Zeitpunkts", sagte Staatssekretär Norbert Barthle. Die Branchenvertreter hatten keine andere Wahl, als das zu glauben.

Anzeige
Unternehmer stellen sich vor
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%