Hohe Abgaswerte bei BMW und Daimler: Sauber nur im Labor

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Hohe Abgaswerte bei BMW und Daimler: Sauber nur im Labor

Quelle:Handelsblatt Online

Hohe Abgaswerte nicht nur bei VW: Auch BMW und Daimler stoßen auf der Straße mehr Stickoxide aus als beim Labortest. Das zeigt ein Test von „Frontal 21“. Ingenieure aus Bern erheben schwere Vorwürfe.

Für Philippe Wili war es keine alltägliche Fahrt. Mit dem Mercedes ging es erst über einen abgesperrten Flughafen, dann einige Kilometer über die Autobahn. Die Tour des Testfahrers war nur mit Sondergenehmigung der Behörden möglich. Denn Wili fuhr – gelinde gesagt – unkonventionell. Er hielt sich minutiös an die Vorgaben des Neuen Europäischen Fahrzyklus, kurz NEFZ.

Dieser Zyklus ist seit Jahren maßgeblich für die Zulassung neuer Automobile in Europa. Um eine optimale Vergleichbarkeit zu haben, müssen Testfahrer wie Wili die vorgeschriebenen Höchstgeschwindigkeiten, Beschleunigungswerte sowie Anzahl und Länge der Stopps exakt einhalten. Die Tests müssen zudem auf speziell zertifizierten Anlagen stattfinden. Die Fachhochschule Bern hat eine solche Anlage. Wili ist dort Testfahrer.

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Als er nun mit dem Mercedes über die freie Strecke fuhr, musste er den Vorgaben entsprechend anhalten und beschleunigen, und das in der Regel sehr langsam. Fachleute vergleichen den NEFZ gern mit der Fahrweise eines älteren Menschen, genauer: einem Greis. Die durchschnittliche Geschwindigkeit liegt bei 34 Stundenkilometern.

Testfahrer Wili schlich nicht ohne Grund über die Straßen rund um die Schweizer Hauptstadt. Auf den Asphalt geschickt hatte ihn das Zweite Deutschen Fernsehen. Für seine Sendung „Frontal 21“ beauftragte der Sender die Abgasprüfstelle der Berner Fachhochschule. Die Mission: Messung der Abgaswerte auf dem Rollenprüfstand und auf der Straße. Die Experten knöpften sich neben dem Mercedes-Benz C200 CDI auch einen VW Passat und einen BMW 320d Touring vor.

Es waren allesamt Dieselfahrzeuge, die den Umweltstandard Euro 5 erfüllen. In der Theorie jedenfalls, sprich im Labor. Auf der Straße war das völlig anders.

Was bei der Rückruf-Aktion auf VW-Besitzer zukommen könnte

  • Wann beginnt die Rückrufaktion?

    Das Kraftfahrtbundesamt hat angeordnet 2,4 Millionen VW-Diesel-Fahrzeuge in die Werkstätten zurückzurufen. Laut Plan sollen im Januar 2016 die ersten Autos in die Werkstätten. Bis zum Ende des kommenden Jahres könnten dann alle betroffenen Autos überholt sein. In einem Interview in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ hatte VW-Chef Matthias Müller aber zuvor auch nicht ausgeschlossen, manche Autos komplett auszutauschen, anstatt sie umzurüsten: „Das muss man im Einzelfall prüfen.“

  • Was will VW an den Motoren ändern?

    Es geht bei den Nachbesserungen nicht nur um die Manipulations-Software. Für die meisten Motoren genüge es zwar, wenn ein neues Programm aufgespielt werde, sagte Müller. Manche Autos könnten aber auch neue Einspritzdüsen und Katalysatoren bekommen. Die Umrüstung ist auch deshalb kompliziert, weil der betroffene Motortyp EA 189 in zahlreichen Kombinationen und Ländervarianten verbaut ist. Motorenexperte Prof. Jörn Getzlaff von der Hochschule Zwickau hält es aber für möglich, dass Volkswagen keine komplett neue Technik entwickeln muss: „Es kann durchaus sein, dass VW auf eine Lösung zurückgreift, die der Konzern schon heute in seine neue Motorengeneration einbaut.“ Diese neuen Aggregate erfüllen die strengeren Umweltauflagen der Euro-6-Norm.

  • Werden die Autos sauberer, aber dafür langsamer?

    Das ist möglich. Durch die Umrüstung könnten sich die Leistung und der Spritverbrauch ändern, sagt Getzlaff. Es müsse aber nicht unbedingt so sein, dass das Auto dann langsamer wird und mehr verbraucht. VW-Chef Müller sagte, es sei wichtiger, „das CO2-Ziel zu halten und dafür vielleicht auf 3 bis 5 km/h Höchstgeschwindigkeit zu verzichten“.

  • Muss VW trotz Umrüstung Schadenersatz an Autobesitzer zahlen?

    Autokäufer müssten sich vermutlich zunächst mit dem Verkäufer des Autos streiten - in den meisten Fällen also mit dem Händler, nicht mit dem VW-Konzern, erklärt Thomas Rüfner, Rechtsprofessor an der Universität Trier. Es sei möglich, dass der Händler Autos zurücknehmen müsse. Dafür müssten aber einige Voraussetzungen erfüllt sein: erhebliche Mängel, also dass das Auto nach der Umrüstung zum Beispiel deutlich langsamer fährt oder viel mehr Sprit verbraucht. Der Kauf darf auch nicht länger als zwei Jahre zurückliegen. „Der Autokäufer würde vermutlich den kompletten Kaufpreis zurückbekommen, müsste aber wohl nachträglich für die Nutzung des Autos zahlen“, sagt Rüfner. Wenn sich die Fahreigenschaften des Autos nur in geringem Maße ändern, könne aber der Kaufpreis gemindert werden.

  • Können auch Besitzer älterer VW-Dieselautos Geld zurückbekommen?

    Eine VW-Kundin, die ihr Auto im Jahr 2010 gekauft hat, versucht das bereits. Sie hat eine Klage direkt gegen den VW-Konzern eingereicht, unter anderem wegen vorsätzlicher sittenwidriger Schädigung. Die Frau sehe sich in ihrer Erwartung enttäuscht, ökologisch unterwegs zu sein, teilte ihr Anwalt mit. Ein VW-Sprecher wollte sich zu der Klage zunächst nicht äußern, der Vorgang sei ihm nicht bekannt.

  • Bekommen die Kunden einen Leihwagen, während ihr Auto überholt wird?

    Dazu hat sich VW bislang nicht geäußert. Autohersteller sind dazu jedenfalls nicht gesetzlich verpflichtet, sagt Gabriele Emmrich von der Verbraucherzentrale Sachsen-Anhalt. Andere Autohersteller wie Toyota hatten einen solchen Service bei Rückrufen in der Vergangenheit schon angeboten, allerdings ging es da um weniger Autos als bei Volkswagen. Emmrich zufolge stellen Händler und Hersteller nur in Ausnahmefällen ein Leihauto zur Verfügung.

Denn Wilis Testfahrt offenbarte Erstaunliches: Die Dieselfahrzeuge, die auf dem Prüfstand die Abgasnormen erfüllten, stießen im Straßenverkehr ein Mehrfaches der Stickoxide (NOx) aus. Für den VW Passat ist dies wenig verwunderlich, gehörte der doch zu jenen Betrugsautos, bei denen über die Motorsteuerung die Abgaswerte gefälscht wurden.

Und deretwegen Volkswagen sich nun weltweit gegenüber Behörden aller Art verantworten muss. Jahrelang wurden Motoren so manipuliert, dass sie bei Tests die gewünschten Abgaswerte auswiesen. Weltweit sind bis zu elf Millionen Fahrzeuge von VW, Skoda, Seat, Audi und Porsche betroffen. Daimler und BMW hatten solche Probleme bisher nicht.

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