IAA 2015: Hyundais Weg nach oben

IAA 2015: Hyundais Weg nach oben

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Der neue Hyundai Tucson auf der IAA 2015.

von Sebastian Schaal

Einst als Importeur von Billig-Autos verschrien, macht Hyundai in Europa den einheimischen Herstellern zunehmend das Leben schwer. Statt auf den Preis setzen die Koreaner inzwischen auf Premium – und künftig auch Sport.

Auf jeder Automesse erblicken zahlreiche neue Modelle das Licht der Welt. So ist auch bei der diesjährigen IAA in Frankfurt, die am Wochenende ihre Pforten für die Besucher öffnet: Opel zeigt den neuen Astra, BMW sein Flaggschiff der 7er-Baureihe und VW den neuen Tiguan, um nur einige Beispiele zu nennen.

So war es auch vor vier Jahren. Damals wurden auf der Branchenmesse in Frankfurt etwa die aktuellen Versionen des Porsche 911, der Mercedes B-Klasse oder des VW Up erstmals gezeigt. Doch eines war anders: Von der IAA 2011 sind nicht nur einige Modelle, sondern vor allem ein Satz in Erinnerung geblieben: „Do scheppert nix!“

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Dieses Zitat stammt von niemand Geringerem als VW-Chef Martin Winterkorn. Er sprach über den kleinen Hebel in einem Auto, mit dem das Lenkrad verstellt werden kann. Ein winziges Detail, doch den Techniker Winterkorn beschäftigte das sehr. Denn er lobte keinesfalls eines seiner eigenen Modelle, sondern eines der Konkurrenz: den Hyundai i30, die Antwort auf den VW-Bestseller Golf.

Auch das neue Modell hat Winterkorn bereits untersucht

Festgehalten wurde diese Szene, als die VW-Spitze auf ihrem Messerundgang die Konkurrenz erforschte, per Handyvideo – auf YouTube hat der Clip heute fast zwei Millionen Abrufe. Was für die anwesenden VW-Manager in einer öffentlichen Standpauke endete („Der BMW kann es nicht, wir können es nicht, der schon“), war für Thomas Schmid, Chief Operation Officer bei Hyundai Motor Europe, „eine der besten Promotions für unsere Marke“. Von heute auf morgen war Hyundai in aller Munde – und in den Medien zum VW-Herausforderer Nummer eins gekürt.

In diesem Jahr hat Winterkorn bereits auf dem Genfer Autosalon den Tucson, das neueste Modell der Koreaner und direkter Konkurrent zu dem neuen VW-SUV Tiguan, mit einer Entourage von 20 Mann bis ins Detail inspiziert. „Uns bestätigt das in unserer Arbeit, wenn der oberste Chef des europäischen Marktführers Hyundai als Benchmark sieht und unsere Autos genau unter die Lupe nimmt“, sagt Hyundai-Manager Schmid.

Die wichtigsten IAA-Neuheiten der deutschen Hersteller

  • Daimler

    Die Stuttgarter haben für die IAA die Premiere eines S-Klasse-Cabrios angekündigt. Das erste Open-Air-Modell für die Luxusklasse seit 44 Jahren soll Anfang nächsten Jahres in den Handel kommen.

  • Audi

    Die VW-Tochter zeigt in der Mittelklasse die neue Generation des A4. Außerdem plant Audi einen elektrischen Geländewagen, einen ersten Ausblick auf den e-tron Quattro gibt es auf der IAA.

  • Opel

    Auf dem Weg aus der Verlustzone setzt Opel große Hoffnungen in den neuen Astra. Das Fahrzeug wird laut Hersteller leichter und geräumiger sein als sein Vorgänger.

  • BMW

    Die Münchner stellen die neue Generation ihres Flaggschiffs 7er vor. BMW hat in die Luxuslimousine viel Hightech gepackt: etwa ein Bediensystem mit Gestensteuerung und eine Fernsteuerung für das Garagenparken.

  • VW

    Volkswagen stellt in Frankfurt den neuen Tiguan vor. Der Geländewagen wird im Stammwerk Wolfsburg gebaut, VW hatte aber bereits angekündigt, eine neue Tiguan-Langversion ab Ende 2016 auch in seinem mexikanischen Werk in Puebla zu fertigen.

  • Borgward

    Die einst verschwundene und nun wiederbelebte Automarke Borgward will auf der IAA ein erstes neues Modell vorstellen - einen sportlichen Geländewagen. Eine Neuauflage des damaligen Flaggschiffs Isabella soll es aber vorerst nicht geben.

Dass die Koreaner derart in den Fokus von Volkswagen gerückt sind, zeigt, wie sich die Verhältnisse in der Autobranche verschieben können. Seit den Neunzigerjahren verkauft Hyundai Autos in Europa – zunächst alles Importware aus Korea, deren größtes Argument das Preis-Leistungsverhältnis war. Heute werden zahlreiche Modelle für den europäischen Markt in Rüsselsheim entwickelt, in Frankfurt designt und in Tschechien oder der Türkei gebaut.

Spätestens Hyundais i30 ist von dem ursprünglichen Ansatz „Value for money“ wenig übrig geblieben. Stattdessen hat er Autobauer das Motto „Modern Premium“ – also Premium-Qualität zum bezahlbaren Preis – ausgerufen. Selbst der kleinste Hebel scheppert inzwischen nicht mehr.

„Hyundai hat zusammen mit seiner Konzernschwester Kia vieles richtig gemacht, was zum Beispiel Toyota nicht hinbekommen hat“, sagt Branchenexperte Stefan Bratzel von der Hochschule Bergisch Gladbach. „Designs und Entwicklungen für wichtige Märkte abzustimmen und den Anforderungen anzupassen war die richtige Strategie.“

Hat Hyundai noch Luft nach oben?

Ein Blick auf den deutschen Markt bestätigt das. Als reine Importmarke verkaufte Hyundai im Jahr 2003 hierzulande 34.000 Autos und kam damit auf einen Marktanteil von 1,1 Prozent. In den vergangenen drei Jahren waren es jeweils rund 100.000 Einheiten und ein Marktanteil von 3,3 Prozent. Die in Deutschland beliebtesten Modelle i10, i20 und i30 sind allesamt kontinentale Eigenentwicklungen. Einzig das SUV ix35, der Vorgänger des Tucson, wird weltweit verkauft.

Die Technik-Trends der IAA 2015

  • Kommen Erfindungen zuerst immer in der Oberklasse statt im Kleinwagen ins Auto?

    Ob Klimaanlage, Airbag, ABS oder EPS - früher waren Innovationen tatsächlich zuerst in der S-Klasse oder den anderen Flaggschiffen zu sehen und erst einige Jahre später dann auch in den billigeren Modellen. Das hat sich geändert: Die technischen Innovationen kommen viel schneller, und manchmal werden sie zuerst in der Mittel- oder in der Kompaktklasse angeboten. Beispiel: Der Notbrems-Assistent von VW kam zuerst im Golf. Der neue 3er BMW hatte plötzlich ein moderneres Navi als der teurere 5er. „So etwas werden wir zunehmend sehen“, sagt Christoph Stürmer, Autoexperte der Unternehmensberatung PwC.

  • Warum?

    Jede brauchbare Neuerung hebt das Image einer Marke - und die Kunden sind ungeduldig. „Ein Hersteller kann es sich nicht mehr leisten, mit einer neuen Technik zu warten, bis die neue Oberklasse an der Reihe ist“, sagt Auto-Professor Stefan Bratzel von der Fachhochschule für Wirtschaft in Bergisch-Gladbach. Sobald ein neuer Technik-Baustein fertig ist, wird er eingebaut.

  • Schwindet der Innovationsvorsprung der Oberklasse?

    Für das automatisierte Fahren sind hochwertige Sensoren und Kameras notwendig, die zum Beispiel Verkehrszeichen erkennen. Vieles davon ist noch zu teuer für das Massensegment. Bei vielen Funktionen, die das Autofahren sicherer oder komfortabler machen, seien die Premiumhersteller weit vorn, sagt Stürmer. Und auch wenn zum Beispiel die Klimaanlage inzwischen Standard ist, bleibt Spielraum für feine Unterschiede, etwa durch individuelle Sitzklimatisierung und edle Auslassdüsen.

  • Gibt es unterschiedliche Strategien?

    Die Volumenhersteller versuchen, sich mit neuen Produkt-Ideen von der Konkurrenz abzuheben, sagt Stürmer. Beispiele: Opels Kompaktvan Zafira oder die kleinen SUVs. Hier gehe es um Nutzwert, das Platzangebot oder die Fahrzeugsilhouette. Bei den Premium-Autos blieben die Fahrzeug-Konzepte eher gleich, aber unzählige Neuerungen machten sie für die Insassen sicherer und angenehmer.

  • Was sind die Treiber der Innovation?

    Das vernetzte und effiziente Auto sind große Themen, sagt Bratzel. Kundenwünsche und gesetzliche Vorgaben machen Druck. So haben das Internet und die Erwartung der Kunden, ihr Smartphone auch im Auto nutzen zu können, völlig neue Möglichkeiten eröffnet. Jetzt kommen neue Sicherheitssysteme wie Volvos Kreuzungs-Assistent oder der Fahrunfähigkeits-Assistent im VW Passat, größere Bildschirme im Audi oder die Gestensteuerung im 7er-BMW. Und mit den technischen Möglichkeiten werden auch die Vorgaben strenger. So kann ein Auto ohne Notbrems-Assistent beim EroNCAP-Crashtest ab nächstem Jahr keine fünf Sterne mehr bekommen. Die einzelnen Schritte sind klein, aber über ein paar Jahre betrachtet werde sich ein gewaltiger Fortschritt ergeben, sagt Bratzel. In Pilotprojekten fahren Autos heute schon allein über die Autobahn.

  • Und was tut sich beim Antrieb?

    Wegen der Klimaschutz-Vorgaben entwickeln die Hersteller Hybrid- und Elektroautos. Vor allem aber sinkt der Spritverbrauch der millionenfach verkauften Benzin- und Dieselfahrzeuge: Die Motoren werden immer sparsamer. Die Autos werden nicht mehr schwerer, sondern wieder leichter. Und sogar die Reifen laufen besser.

  • Ein Automodell wird alle sieben Jahre erneuert, galt bisher als Faustregel - wird das Tempo jetzt höher?

    Das muss nicht sein. Um ein Auto stärker oder sparsamer zu machen, hätte ein Hersteller früher einen neuen Motor einbauen müssen. Heute genügt oft eine Verbesserung der elektronischen Steuerung. War ein Facelift nach drei Jahren oft nur kosmetischer Art, können jetzt jederzeit technische Nachbesserungen vorgenommen werden. Per Online-Update kann das Auto mit neuen Funktionen aufgerüstet werden - Tesla macht das vor.

  • Wie innovativ sind die deutschen Autobauer im Vergleich?

    Sie sind über alle Technikfelder hinweg relativ weit vorne, sagt Bratzel. Beim Hybrid-Auto ist Toyota gut unterwegs. Mit Blick auf das vernetzte und autonom fahrende Auto erwartet er aber einen „Kampf der Welten zwischen den traditionellen Autoherstellern und der Big-Data-Welt der Apples, Googles und Alibabas“. Bis 2025 werde die Entscheidung fallen.

„Hyundai hat in den vergangenen Jahren stark Marktanteile hinzugewonnen“, sagt Auto-Professor Bratzel. „Jetzt sind sie in eine Konsolidierungsphase gekommen und müssen es schaffen, diese Marktanteile zu halten. Erst dann können sie sehen, ob künftig noch mehr drin ist.“

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