Keine Lappalien: Zahl der Pkw-Rückrufe steigt bedrohlich an

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Keine Lappalien: Zahl der Pkw-Rückrufe steigt bedrohlich an

Neuer Rekordwert: Die Autokonzerne rufen immer mehr Modelle zurück. Das Center of Automotive Management hat ausgewertet, welche Hersteller besonders viele Pkw in die Werkstätten beorderten und warum.

"Die Produkt- bzw. Qualitätsprobleme in der Automobilindustrie reißen nicht ab", schreibt Stefan Bratzel, Leiter des Center of Automotive Management in Bergisch Gladbach. Er und sein Team haben die Rückrufe in der ersten Jahreshälfte auf dem Referenzmarkt ausgewertet. Die USA sind aufgrund der Größe, der scharfen Sicherheitsrichtlinien und des hohen Klagerisikos ein aussagekräftiger Indikator für die Produktqualität der Autohersteller.

Die häufigsten Mängel

  • Wo es happerte

    Von den sicherheitsrelevanten Produktmängeln der 11,3 Mio. betroffenen Fahrzeuge des 1. Halbjahres 2013 entfallen über zwei Drittel auf Probleme mit Insassenschutzeinrichtungen
    (38%) sowie elektrischen Baugruppen (29,5%). Weitere 27 Prozent der Män gel lagen im Motorbereich. Die restlichen Mängel verteilen sich auf andere Baugruppen wie Brems- und Lenkanlage sowie Fahrwerk und Karosserie.

    Quelle: CAM Center of Automotive Management

Das Ergebnis der Studie ist erschreckend. Die Zahl der Rückrufe ist auf einen neuen Spitzenwert von 11,3 Millionen Autos angeschwollen. Im selben Zeitraum 2012 waren es nur 4,8 Millionen. "Damit könnten im Gesamtjahr 2013 die Negativrekorde der Jahre 2009/2010 mit mehr als 16 bzw. 18 Mio. zurückgerufenen Fahrzeugen sogar noch deutlich übertroffen werden", meint der Studienleiter.

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Ernsthafte Sicherheitsmängel

Besonders betroffen sind BMW, Chrysler, Hyundai/Kia sowie Honda und Toyota. BMW musst eine halbe Millionen Pkw zurückrufen. Das entspricht einer Rückrufquote von 334 Prozent - anders ausgedrückt: Die Zahl der Rückrufe in dem Zeitraum übersteigt die Zahl der Neuwagenzulassungen um das 3,3-fache. Bei den betroffenen Fahrzeugen verschiedene Baureihen und Jahrgänge kann es vor allem zu einem Ausfall der Spannungsversorgung kommen oder zu Problemen mit dem Airbag. Bratzel: "Es ist auffällig, dass bei BMW die Negativserie von hohen sicherheitsrelevanten Mängelquoten auch im vierten Jahr in Folge nicht abzureißen scheint."

Chrysler beorderte 2,85 Millionen Autos in die Werkstätten (Rückrufquote von 314 Prozent). Hier bestand Feuergefahr am Tank im Falle eines Auffahrunfalls und Getriebeschaltungsfehlern. Bei Chrysler sind sowohl alte als auch neue Baureihen von erheblichen sicherheitsrelevanten Produktmängeln betroffen. Fiat-Chrysler CEO Sergio Marchionne hatte sich in einem ungewöhnlichen Schritt im Juni 2013 gegen die sehr kostenintensive Rückrufaktion der NHTSA gewehrt, lenkte später dann jedoch ein. Anfang Juli 2013 (nach dem Beobachtungszeitraum der Studie) kündigte Chrysler einen weiteren Rückruf von 840.000 Fahrzeugen u.a. wegen fehlerhafter elektronischer Kopfstützen und Airbags an.

Wegen Problemen mit Bremslichtern und dem Tempomat rief der koreanische Autobauer Hyundai-Kia rund 1,87 Millionen Pkw im US-Markt zurück - das entspricht einer Rückrufquote von 294 Prozent. "Hier scheint das hohe Wachstum der letzten Jahre negative Qualitätsspuren im amerikanischen Markt hinterlassen zu haben", so das Urteil des CAM-Chefs. Hyundai-Kia hat angekündigt, das Wachstum zugunsten der Qualität drosseln zu wollen.

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Weit überdurchschnittliche Rückrufquoten haben wiederum auch Honda (265%) und Toyota (208%), die knapp 2 Mio. bzw. 2,3 Mio. Fahrzeuge in die Werkstätten beordern mussten, u.a. wegen Probleme mit den Frontairbags.

Bratzel: "Die Rückruf-Trends geben Hinweise darauf, dass die Produktqualität – gerade auch im Hinblick auf sicherheitsrelevante Merkmale im Fahrzeug – ein kritisches Thema bleibt. Auch in Deutschland befinden sich die Rückrufe auf sehr hohem Niveau. 2012 leitete das Kraftfahrtbundesamt wegen erhebliche Mängel 162 Rückrufaktionen ein - damit war 2012 das Jahr mit der vierthöchsten Rückrufquote seit 1998.

Aus den sicherheitsrelevanten Qualitätsproblemen, die zu einer Vielzahl von Rückrufen führen, ließen sich eine Reihe von strukturellen Gründen ableiten, so Bratzel:

Gründe für die wachsende Zahl von Rückrufen

  • Wachstumswettlauf und Entwicklungsgeschwindigkeit

    Die Hersteller bringen unter dem enormen Wettbewerbsdruck in immer kürzeren Zyklen neue Baureihen, Modelle und Produktderivate in Umlauf. Automobilunternehmen, denen es gelingt, mit einer großen Produktbreite sowie ständigen Modellneuheiten und technischen Innovationen in den Weltmärkten präsent zu sein, haben im globalen Wettbewerb enorme Vorteile. Es besteht jedoch dabei die Gefahr, dass Hersteller vor dem Hintergrund hoher Wachstumsziele und kürzerer Produktentwicklungszyklen dem Thema der Qualitätssicherung nicht den notwendigen Stellenwert beimessen.

  • Kostendruck und Wertschöpfungsverlagerung auf globale Zulieferer

    Der Wertschöpfungsanteil der Zulieferer ist mittlerweile auf rund 75 Prozent gestiegen. Gleichzeitig wachsen mit dieser Verlagerung auch die Anforderungen an unternehmensübergreifendes, globales Qualitätsmanagement. Mit der Sicherung der Teilequalität der globalen Lieferanten einher geht ein hoher Kostendruck, den die Hersteller auf die Automobilzulieferer ausüben. Hier besteht die Gefahr, dass die geforderten Einsparungen auf Kosten der Teilequalität gehen. Die Komplexität des Qualitätsmanagements steigt, da auch die Qualität der international verteilten Produktionsanlagen der Zulieferer durch Prozesse abgesichert werden muss.

  • Plattform- und Baukastensysteme sind "Segen und Fluch"

    Die Autokonzerne setzen immer stärker auf Modulbaukästen. Das bedeutet, dass die Anzahl gleicher Teile über Modelle und Baureihen von Herstellern hinweg stark ansteigt. Daraus ergeben sich große Kostenvorteile, doch es macht die Hersteller auch sehr verwundbar. So kann ein fehlerhaftes Teil, etwa eines Zulieferers, das in verschiedene Modelle sogar von verschiedenen Herstellern - eingebaut ist und mehrere Jahre verbaut wurde, millionenfache Rückrufe zur Folge haben. Jüngstes Beispiel hierfür sind die Airbagprobleme des japanischen Zulieferers Takata, die in 2013 zu millionenfachen Rückrufen etwa bei Toyota, Honda und Nissan sowie BMW geführt haben. Für Hersteller sind diese Rückrufe nicht nur teuer, sondern können auch das Qualitätsimage stark belasten.

Das Verwundbarkeitsrisiko von Automobilherstellern steigt im Zuge der Plattform - und Gleichteilestrategien, der globalen Wertschöpfungsnetzwerke und des zunehmenden Kostendrucks auf die Zulieferindustrie. Bratzel: "Hochwertige Qualitätsmanagementsysteme werden zu einem zunehmend wichtigen Erfolgsfaktor von globalen Automobilherstellern. Aufgrund des hohen Verwundbarkeitsrisikos muss daher die Produktqualität über Wachstumsziele der Unternehmen gestellt werden und neben sicherheitstechnischen Minimalanforderungen globale Standards für die Marken definiert und implementiert werden."

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