Konkurrenz für den öffentlichen Nahverkehr: Fördert Carsharing klimaschädliches Autofahren?

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Konkurrenz für den öffentlichen Nahverkehr: Fördert Carsharing klimaschädliches Autofahren?

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Carsharing wird immer beliebter. Ob es der Umwelt aber nutzt, ist unklar.

von Christian Schlesiger

Unter Carsharing leiden Busse und Taxis. Deshalb ist fraglich, ob durch das Teilen von Autos die Emissionen von Kohlendioxid wirklich sinken. Die Politik will trotzdem mehr davon – und plant strittige Privilegien.

Ein Gedankenspiel: Angenommen, Sie haben sich mit Freunden in der Stadt zum Sonntagsbrunch verabredet. Sie gehen aus dem Haus und wollen in die Straßenbahn um die Ecke steigen, das Ticket kostet Sie 2,70 Euro. Die Fahrt würde eine Viertelstunde dauern, danach müssten Sie noch fünf Minuten laufen. Vor Ihrem Haus parkt ein blau-weißer Smart von Car2Go. Der Mitgliedsausweis für das Carsharing steckt in Ihrem Portemonnaie. Eine Fahrt zum vier Kilometer entfernten Lokal würde rund sechs Euro kosten. Es beginnt zu nieseln. Nehmen Sie das Car2Go-Auto oder fahren Sie Bahn?

Vielleicht entscheiden Sie sich aus Prinzip für die ökologische Straßenbahn. Doch Sie könnten auch das Auto wählen – vor allem dann, wenn Sie wüssten, dass neben ihrem Brunch-Lokal ein freier Stellplatz für Carsharing-Autos reserviert ist. Und das könnte bald passieren.

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Ob Carsharing die Emissionen senkt ist fraglich

Anhängern des Klimaschutzes bereitet dieser Gedanke Kopfschmerzen. Zwar hat sich Carsharing in den Großstädten schon längst einen Platz im Nahverkehr erobert. Doch fraglich ist, ob durch das Teilen von Autos die Emissionen von Kohlendioxid wirklich sinken, weil die Leute weniger fahren. Oder ob Carsharing das klimaschädliche Autofahren sogar fördert, weil die Nutzer gerade dazu animiert werden. Eine Studie, die der WirtschaftsWoche vorliegt, rechnet mit Mehrverkehr und unerwünschten Verdrängungseffekten. Sie rückt das Carsharing in eine Rechtfertigungsecke, just zu einer Zeit, in der Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt neue Privilegien für Carsharing-Modelle plant.

Wie sich Carsharing auf die Nutzung anderer Verkehrsmittel auswirkt

  • Mietwagen

    29 Prozent der Carsharing-Nutzer fahren seltenere mit einem Mietwagen als früher.

    Quelle: Berylls Strategy Advisors, MM Customer Strategy

  • Taxi

    28 Prozent der Carsharing-Nutzer fahren seltener mit dem Taxi als zuvor.

  • Regionalzug

    Den Regionalzug benutzen 22 Prozent der Carsharing-Nutzer seltener.

  • Bus und Straßenbahn

    15 Prozent der Nutzer von Carsharing-Angeboten fahren seltener mit Bus und Straßenbahn.

  • Pkw

    15 Prozent der Carsharing-Nutzer benutzen seltener das eigene Auto

  • Fernzug

    Seltener mit dem Fernzug fahren zwölf Prozent der Carsharing-Nutzer

  • Fahrrad

    Dafür fahren drei Prozent der Carsharing-Nutzer öfter mit dem Fahrrad.

    Quelle: Berylls Strategy Advisors, MM Customer Strategy

Neben den klassischen Anbietern wie Cambio, Stattauto und Flinkster, bei denen die Mitglieder feste Stationen ansteuern, locken Autohersteller wie BMW (DriveNow), Daimler (Car2Go) und Citroën (Multicity) zur One-Way-Fahrt, nach der die Autos überall im Stadtgebiet abgestellt werden können. Deutschland gilt bereits als der differenzierteste Carsharing-Markt der Welt mit mehr als 150 Anbietern und mehr als einer Million Nutzern. Täglich kommen 1000 Neukunden hinzu.

Doch die ökologischen Effekte sind durchaus zwiespältig. Die Experten der Münchner Beratungen Berylls Strategy Advisors und MM Customer Strategy haben 1900 Führerscheinbesitzer nach ihrem Nutzungsverhalten befragt. „Carsharing hat negative Auswirkungen auf alle Mobilitätsanbieter“, sagt Markus Müller-Martini, Geschäftsführender Gesellschafter bei MM und Autor der Studie. Taxis, Autovermietungen, Busse und Bahnen geraten unter Druck.

Die Carsharing-Angebote im Überblick

  • Flinkster (Dt. Bahn)

    Zahl der Fahrzeuge: mehr als 3100

    Verbreitung: 140 Städte

    Fahrzeugtypen: viele

    Carsharing-Typ: stationär

    Kosten pro km: 18–20 Cent

    Sonstige Kosten: 1500 Euro Selbstbeteiligung, bei Unfall, Reduktion gegen Aufpreis möglich

  • Stadtmobil

    Zahl der Fahrzeuge: 2000

    Verbreitung: 100 Städte

    Fahrzeugtypen: 25 verschiedene

    Carsharing-Typ: stationär

    Kosten pro km: ab 18 Cent

    Sonstige Kosten: regional verschieden

  • CarUnity (Opel)

    Zahl der Fahrzeuge: mehr als 1.500 (herstellerübergreifend)

    Verbreitung: deutschalndweit

    Fahrzeugtypen: verschieden

    Carsharing-Typ: Peer-to-Peer

    Kosten pro km: Tagespauschale

    Sonstige Kosten: keine Angabe

  • Citeecar

    Zahl der Fahrzeuge: 800

    Verbreitung: Berlin, Hamburg, München, Frankfurt am Main, Gelsenkirchen, Bochum, Essen, Dortmund, Herten, Recklinghausen, Bottrop

    Fahrzeugtypen: Kia Rio, Toyota Yaris

    Carsharing-Typ: stationär

    Kosten pro km: ab 22 Cent

    Sonstige Kosten: 1000 Euro Selbstbeteiligung bei Unfall - kann aber auf Null Euro reduziert werden, wenn man pro Stunde 75 Cent zusätzlich zahlt oder maximal 7,50 Euro am Tag.

  • Car2go (Daimler)

    Zahl der Fahrzeuge: 3500

    Verbreitung: Berlin, Hamburg, München, Stuttgart, Düsseldorf, Köln, Ulm, Frankfurt

    Fahrzeugtypen: Smart, Smart e-Drive

    Carsharing-Typ: flexibel

    Kosten pro km: 29 Cent pro Minute

    Sonstige Kosten: 500 Euro Selbstbeteiligung bei Unfall, Reduktion gegen Aufpreis möglich

  • DriveNow (BMW)

    Zahl der Fahrzeuge: 2950

    Verbreitung: München, Berlin, Köln, Düsseldorf, Hamburg, Wien, San Francisco

    Fahrzeugtypen: BMW 1er, BMW X1, BMW ActiveE, MINI, MINI Cabrio, MINI Clubman, MINI Countryman

    Carsharing-Typ: flexibel

    Kosten pro km: ab 24 Cent pro Minute

    Sonstige Kosten: 750 Euro Selbstbeteiligung bei Unfall, Reduktion gegen Aufpreis möglich

  • Multicity (Citroen)

    Zahl der Fahrzeuge: 350

    Verbreitung: Berlin

    Fahrzeugtypen: Citroen C-zero (elektro)

    Carsharing-Typ: flexibel

    Kosten pro km: 28 Cent

    Sonstige Kosten: 500 Euro Selbstbeteiligung bei Unfall, Reduktion gegen Aufpreis möglich

  • Greenwheels (VW)

    Zahl der Fahrzeuge: 280

    Verbreitung: 21 Städte

    Fahrzeugtypen: Kompaktklasse, Vans

    Carsharing-Typ: stationär

    Kosten pro km: 10 Cent plus Benzin

    Sonstige Kosten: 1000 Euro Selbstbeteiligung bei Unfall, Reduktion gegen Aufpreis möglich

  • Quicar (VW)

    Zahl der Fahrzeuge: 200

    Verbreitung: Hannover

    Fahrzeugtypen: VW Golf

    Carsharing-Typ: stationär

    Kosten pro km: 20 Cent

    Sonstige Kosten: 100 Euro Selbstbeteiligung bei Unfall, Reduktion gegen Aufpreis möglich

  • Mu (Peugeot)

    Zahl der Fahrzeuge: keine Angabe

    Verbreitung: deutschlandweit

    Fahrzeugtypen: alle Peugeot-Modelle

    Carsharing-Typ: bei Händlern

    Kosten pro km: ab 33 Cent

    Sonstige Kosten: keine Angaben


Wachstum geht zulasten staatlich subventionierter Verkehrsmittel

Heikel ist vor allem, dass das Wachstum im Carsharing zulasten des mit mehreren Milliarden Euro subventionierten Nahverkehrs geht. Zwar fahren sieben Prozent der befragten Carsharing-Nutzer häufiger mit Bus und Bahn als vorher, doch 22 Prozent geben an, weniger mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren. Auch das Taxigewerbe leidet. „Es drohen deutliche Kannibalisierungseffekte auch zulasten des öffentlichen Nahverkehrs“, sagt Müller-Martini. „Das birgt Sprengstoff für die Diskussion auf kommunaler Ebene, ob eine Stärkung von Carsharing wünschenswert ist.“

Die Städte beobachten das Vorhaben des Verkehrsministers, Carsharing zu privilegieren, daher kritisch. Grundsätzlich begrüßen sie zwar, dass der Minister endlich Rechtsklarheit schafft. Die aktuelle Gesetzeslage etwa verbietet Vorteile für private Autos im öffentlichen Raum. Dobrindt will das ändern und den Kommunen die Möglichkeit geben, separate Carsharing-Parkplätze auszuweisen und die Autos von Parkgebühren zu befreien. Ein Entwurf zum Carsharing-Gesetz werde derzeit „finalisiert“, heißt es im Verkehrsministerium.

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2 Kommentare zu Konkurrenz für den öffentlichen Nahverkehr: Fördert Carsharing klimaschädliches Autofahren?

  • Nein, CarSharing fördert unterm Strich kein klimaschädliches Verhalten.
    Wenn Sie CarSharing nutzen, verzichten Sie i. d. R. (mindestens) auf einen Zweitwagen. Außerdem laufen Sie bis zur CarSharing Station meistens weiter als bis zur S-Bahn-Haltestelle. Da sich mehrere Personen ein Auto teilen, wird die Umwelt in vielerlei Hinsicht entlastet, wenn Sie nicht nur den Sprit, sondern auch den Materialumsatz rekapitulieren.
    Aber CarSharing fördert echten Wandel und hemmt den Absatz der Automobilindustrie. Diese wiederum ist aus ökologischer Sicht ein Ärgernis: warum gibt es, obwohl technisch längst preiswert möglich, keine und keine gut vermarkteten Serien-1-2-l-Autos?
    Die Autoindustrie hat die Zukunft verpasst. Das ist schade, aber CarSharing ist Teil einer vernünftigen Antwort ökologisch bewusster Konsumenten.

  • Wie alles im leben sollte man das differenziert betrachten: Stationsbasiertes CarSharing, wie es von stadtmobil, cambio, stattauto etc seit mehr als 20 Jahren angeboten wird - und das ist ebenfalls durch zahlreiche Studien belegt - ersetzt je eingesetztem Auto sieben bis neun private PKW. Es leistet einen Beitrag zur "Umerziehung" im Bereich Mobilität: CarSharing-Nutzer fahren weniger Auto, nutzen häufiger alternative Verkehrsmittel, und verhalten sich in Summe klimaschonender.
    Dass Autohersteller diese Ziele vermutlich NICHT verfolgen, wenn sie ein "neues" free floating-Modell anbieten, liegt auf der Hand. Insofern wundert es aus dem "klassischen" CarSharing auch niemanden, dass reine free floating-Angebote nur wenige klimaschonenden Effekte haben. Wieso glaubt denn überhaupt jemand, dass sie das je sollten? Ich würde mal vermuten, dass Daimler und BMW damit im Wesentlichen ihren Umsatz (perspektivisch beim Autoverkauf) steigern wollten.
    Den rest hat mein Vorscheiber ja schon schön zusamengefasst, das muss ich nicht wiederholen.

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