Martin Winterkorn im Interview: Softwareexperte könnte VW führen

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Martin Winterkorn im Interview: Softwareexperte könnte VW führen

Die Motorkutsche löste einst die Pferdefuhrwerke ab. Nun müssen sich Autobauer im rasanten digitalen Wandel an vielen Stellen neu erfinden, sagt VW-Chef Winterkorn. Er plant bereits die 13. Marke des Konzerns.

Volkswagen-Chef Martin Winterkorn sieht seine Branche mitten in einem historischen Umbruch. „Man kann hier durchaus von einer digitalen Revolution beim Automobil sprechen: Alternative Antriebe, automatisiertes Fahren, die vollständige Vernetzung des Automobils, „Big Data“, neue Werkstoffe und immer effizientere Produktionsverfahren“, sagte Winterkorn in einem Interview der Deutschen Presse-Agentur vor dem Start der Branchenmesse IAA. Für den Konzern bedeute der rasante digitale Wandel, alles zu hinterfragen. „Wir sind dabei, Volkswagen ein Stück weit neu zu erfinden.“

Mit Blick auf die neuen Wettbewerber wie Google und Apple sagte der 68-Jährige: „Ich freue mich auf den sportlichen Wettkampf um die beste Lösung. Aber ich bin überzeugt: Volkswagen behält seine Führungsrolle. Unser Konzern ist mit seinen 11.000 Informatikern und Daten-Analysten längst selbst zu einem der größten IT-Unternehmen des Landes geworden.“

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Als Ingenieur sehe er den technologischen Umbruch der Branche nicht als Bedrohung, „sondern vor allem als große Chance für den Automobilstandort Deutschland“. Volkswagen wolle den Wandel mit antreiben. „Mobilität in all ihren Facetten wird auch im digitalen Zeitalter unsere ureigene Domäne und Leidenschaft bleiben.“

Die neue VW-Konzernstruktur

  • Konzernvorstand

    Bestehend aus dem Vorstandschef, einem Finanzvorstand, Einkaufsvorstand und Personalvorstand. Das achtköpfige Gremium komplettieren die Vorstände der vier Marken-Holdings.

  • Volkswagen

    Die Marken Volkswagen, Skoda und Seat werden in eine Gruppe zusammengefasst. Geleitet wird sie von Herbert Diess, der von BMW kommt. Auf Holding-Ebene wird es weitere Bereichs-Vorstände geben, zum Beispiel für Forschung, Entwicklung und Vertrieb.

  • Nutzfahrzeuge

    Bereits bekannt war, dass VW seine Lkw-Marken Scania, MAN und VW Nutzfahrzeuge in einer Holding unter dem ehemaligen Daimler-Manager Andreas Renschler bündeln wird.

  • Porsche

    Porsche-Chef Matthias Müller, seit kurzem auch Mitglied des aktuellen Konzernvorstands, soll auch die Verantwortung über die Luxusmarken Bugatti und Bentley übernehmen.

  • Audi

    Bei Audi soll sich nichts ändern: Die Ingolstädter haben bereits heute die Kontrolle über den Sportwagenbauer Lamborghini und die Motorradmarke Ducati. Das soll auch so bleiben.

Die rasante Wende hin zur vernetzten Mobilität stelle alles auf den Prüfstand. So schloss Winterkorn einen VW-Vorstandsposten für die IT nicht aus und sagte, ein solcher Manager könnte in fernerer Zukunft den technologielastigen VW-Konzern sogar führen. „Warum denn nicht? Die beschriebene digitale Revolution beim Automobil erfordert Veränderungen im Denken und Handeln auf allen Ebenen. An die Spitze eines Unternehmens gehören immer die besten Köpfe“, sagte Winterkorn.

Zudem kündigte er an, dass der seit Sommer laufende Umbau des VW-Konzerns schon bald erste Ergebnisse bringen werde. „Wir brauchen eine zentrale, starke Konzernsteuerung aus Wolfsburg heraus genauso wie die Nähe zum Kunden überall auf der Welt“, sagte Winterkorn.

Bei der schleppend anlaufenden Elektromobilität mahnte der Chef des hierzulande größten Konzerns mehr Hilfe von der Politik an. „In China, USA oder etwa Norwegen gibt es politische Unterstützung für die Elektromobilität. Jetzt braucht es auch hier die richtigen Rahmenbedingungen, damit sich die Elektromobilität beim Kunden durchsetzen kann.

Statt Stückwerk bedarf es einer schlüssigen Gesamtstrategie der Politik für die künftige Entwicklung der europäischen Autoindustrie.“ Für die Zukunft der Branche mit ihren vielen Hunderttausend Jobs allein in Deutschland spiele die Elektromobilität eine sehr zentrale Rolle, betonte Winterkorn.

Der Autobauer steuert außerdem auf seine 13. Marke zu. Das mit viel Vorlauf entwickelte erste Billigauto des Konzerns werde nicht unter bekanntem Logo erscheinen, sondern ein eigenes, neues Herstelleremblem erhalten, kündigte Winterkorn an. „Wir bringen ab 2018 eine Budget-Car-Familie in China auf den Markt, mit SUV, Stufen- und Schrägheck - unter einem neuen Markennamen“, sagte er.

Der VW-Konzern hat bisher zwölf Marken: VW-Pkw, VW-Nutzfahrzeuge, Audi, Skoda, Seat, Porsche, Bentley, Bugatti, Lamborghini, Ducati (Motorräder) sowie MAN und Scania (schwere Nutzfahrzeuge).

Wer Winterkorn nachfolgen könnte

  • Herbert Diess

    Zumindest in einem Punkt steht Herbert Diess schon jetzt als Nachfolger von Martin Winterkorn fest: Im Juli soll er das Amt des VW-Markenchefs übernehmen. Winterkorn hat den früheren BMW-Entwicklungsvorstand persönlich für diese Ausgabe ausgewählt – und vom bayrischen Konkurrenten abgeworben. In der Branche gilt Diess als fähiger Manager mit Ambitionen zu Höherem. Bis er ihm Herbst überraschend zu VW wechselte, legte er bei BMW eine steile Karriere hin. Für viele zählte er sogar zum Kreis der möglichen Nachfolger von Konzernchef Norbert Reithofer.

  • Andreas Renschler

    Seit dem Februar 2015 ist Andreas Renschler Chef der Nutzfahrzeugsparte des VW-Konzerns. Er soll aus der gelähmten LKW-Sparte um MAN und Scania endlich eine schlagkräftige Einheit formen. Für den neuen Job und den Posten im VW-Aufsichtsrat hat er seinen Job als Produktionschefs bei Daimler an den Nagel gehängt – zur Überraschung vieler Branchenkenner. Denn dort wurde er sogar als Nachfolger von Dieter Zetsche gehandelt. Wie Herbert Diess wäre Renschler wohl eher ein Interims-Nachfolger für Martin Winterkorn denn langfristige Lösung.

  • Matthias Müller

    Porsche-Chef Matthias Müller lenkt mit dem Sportwagenbauer einen der wichtigsten Gewinnbringer der VW-Gruppe. Schon allein deshalb wird der 61-Jährige als möglicher Nachfolger von Martin Winterkorn gehandelt. Etwaigen Spekulationen hat Müller schon einen Riegel vorgeschoben: „Ich bin kein potenzieller Nachfolger für Herrn Dr. Winterkorn“, erklärte Müller noch Anfang Januar. Er sei zu alt für den Job, sagte er – offenbar in der Annahme, eine Nachfolge-Debatte läge noch in weiter Ferne.

    Für Müller gibt es offenbar trotzdem kaum einen Grund, seine Position bei Porsche aufzugeben. Er fühle sich „pudelwohl hier bei der tollsten Firma der Welt“, sagte er der WirtschaftsWoche im März.

  • Hans Dieter Pötsch

    Als Aufsichtsrat-Mitglied und Finanzchef weiß Hans Dieter Pötsch schon jetzt bestens über alle Entwicklungen im VW-Konzern Bescheid. Seit er 2003 den Posten des Finanzchefs übernommen hat, musste er bereist so manche Mammutaufgabe meistern. Wie die komplizierte Integration von Porsche ins Volkswagen-Reich gelang es ihm meist ziemlich gut. Der Wirtschaftsingenieur hat es deshalb zu einigem Ansehen und Einfluss im Konzern gebracht.

  • Heinz-Jakob Neußer

    VW-Entwicklungsvorstand Heinz-Jakob Neußer wird allenfalls als Nachfolge-Kandidat aus der zweiten Reihe gehandelt. Er verantwortet zwar die Weiterentwicklung der Kernmarke VW, ist aber bislang kein Mitglied des Aufsichtsrats. Allerdings erfüllt er eine wichtige Bedingung, die Ferdinand Piëch für das Spitzenpersonal im VW-Konzern formuliert hat: Der Maschinenbau-Ingenieur verfügt er über viel technisches Know-how.

Die aktuelle Flaute auf dem weltgrößten Automarkt hält Winterkorn nur für eine vorübergehende Durststrecke. „Es gibt aus unserer Sicht keinen Grund für Schwarzmalerei. In China warten unverändert Millionen Menschen darauf, ihr erstes eigenes Auto zu kaufen. Die Mittelschicht wächst. Insbesondere im Westen des Landes gibt es riesige Potenziale“, sagte der Vorstandsvorsitzende. China normalisiere sich zwar, bleibe für die Wolfsburger aber weiter der wichtigste Wachstumsmarkt. Wegen Absatzrückgängen in China hatte der VW-Konzern Ende Juli sein Absatzziel für 2015 kassieren müssen.

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