Nokia Here: Warum Autobauer Milliarden für Karten ausgeben

Nokia Here: Warum Autobauer Milliarden für Karten ausgeben

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Die Autobauer Daimler, Audi und BMW haben Insidern zufolge im Bieterwettstreit um den Kartendienst von Nokia den Zuschlag bekommen.

Drei deutsche Autohersteller sind bald Besitzer eines eigenen Kartendienstes. Der Milliarden-Deal ist eine Investition in die Zukunft: Extrem genaues Kartenmaterial gilt als das Gold der Mobilitätsbranche.

Wer hat was gekauft?

Die deutschen Autobauer Daimler, Audi und BMW kaufen für 2,8 Milliarden Euro den Kartendienst Here von Nokia. Die drei Partner übernähmen Here jeweils zu gleichen Teilen, keiner von ihnen strebe eine Mehrheit an, teilten die Autokonzerne jeweils mit.

Warum geben Audi, BMW und Mercedes Milliarden für Karten aus?

In der Autobranche ist die Digitalisierung ein großes Zukunftsthema. Autonom fahrende Fahrzeuge brauchen sehr präzise Straßenkarten, um den Verkehr zu meistern. Here werde eine „Schlüsselrolle bei der digitalen Revolution der Mobilität“ spielen, erklärte BMW-Chef Harald Krüger. Daimler-Chef Dieter Zetsche bezeichnete hochpräzise digitale Karten als einen entscheidenden Baustein für die Mobilität der Zukunft.

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Diebe können Autos per Handy entsperren, ausräumen und wieder verschließen. Quelle: Getty Images/Moment open, Mauritius Images/Imagebroker/Jochen Tack; Montage: Torsten Wolber

Here wurde stark auf Bedürfnisse der Autobranche ausgerichtet und soll vor allem mit detailreichen Karten für selbstfahrende Fahrzeuge punkten. Bislang sind die Karten für die Navigationssysteme auf rund einen Meter genau – das Auto weiß also, auf welcher Straße es sich befindet. Um autonom unterwegs zu sein, muss das Auto aber auch wissen, auf welcher Spur es fährt – dazu müssen die sogenannten hochgenauen Karten bis auf zehn Zentimeter genau sein.

Als Nokia Here zur Auktion stellte, war das eine seltene Gelegenheit, einen gut ausgebauten weltweiten Kartendienst zu erwerben. Vorreiter in Sachen der genauen Kartografierung ist Google – also eines jener Unternehmen, dessen Einfluss die Autobauer fürchten. Wenn sie mit Here ihren eigenen Kartendienst besitzen, sind sie in diesem Punkt nicht mehr auf Google oder andere externe Anbieter angewiesen.

Ist Nokia Here wirklich so viel wert?

Die Basis für Here war der US-Navigationsanbieter Navteq, den Nokia 2008 übernommen hat – für rund acht Milliarden Dollar. So gesehen sind 2,8 Milliarden Dollar auf drei Schultern verteilt geradezu preiswert. Zu den reinen Kartendaten, auf die es die Autobauer in erster Linie abgesehen hatten, sind in dem Paket auch noch zahlreiche Patente enthalten, die Nokia nach und nach akquiriert und in Here integriert hat. Darunter sind laut Medienberichten aus den USA unter anderem Methoden, mit denen die Ankunftszeit am Fahrtziel berechnet werden kann oder auch die Abweichung von der aktuellen Position. Bislang gehörten solche Patente nicht zum Kerninteresse eines Autobauers. In Zeiten des automatisierten Fahrens sind diese Informationen aber sehr wertvoll.

Noch viele Hürden für selbstfahrende Autos

  • Was ist autonomes Fahren?

    Autopiloten sind in Flugzeugen Standard. Auch in Schiffen übernimmt zumindest außerhalb der Häfen oft der Computer das Ruder. Am Ende geht es auch beim autonomen Fahren um einen Autopiloten, der das Fahrzeug steuert. Doch der Autoverkehr ist komplex. Auf der Autobahn können die Prototypen der Industrie bereits ohne größere Probleme ohne Eingriffe des Fahrers unterwegs sein. Im Stadtverkehr wird es schon schwieriger. Halbautomatische Funktionen sind allerdings inzwischen Alltag. Ob Tempomaten, Einparkhilfen, Stauassistenten oder Abstandsregler - viele Funktionen entlasten den Fahrer bereits. Auch etwa Mähdrescher können längst eigenständig über das Feld fahren.

  • Was sind die Vorteile?

    Eins der wichtigsten Argumente ist die Sicherheit. Die meisten Unfälle gehen auf Fahrfehler zurück. Weit oben in der Statistik: zu hohe Geschwindigkeit, zu geringer Abstand oder Abbiegefehler. Automatisch gesteuerte Autos würden solche Fehler minimieren. Denn Risikofreude, Spaß an der Geschwindigkeit und Selbstüberschätzung kennt ein Computer nicht. Er bremst, wenn der Abstand zu gering wird und nimmt nicht aus Unachtsamkeit anderen die Vorfahrt.

  • Wie weit ist die Technik?

    Die Entwicklung ist recht weit fortgeschritten. BMW etwa testet seit Jahren automatisch fahrende Autos, auch auf deutschen Autobahnen. Die Fahrzeuge können auch eigenständig überholen. Solche Tests müssen sich die Hersteller aber von Behörden genehmigen lassen. Audi ließ jüngst zur US-Technikmesse CES einen Wagen „autonom“ rund 900 Kilometer aus dem Silicon Valley nach Las Vegas fahren. Auch Daimler präsentierte auf der CES seine Vision für ein selbstfahrendes Auto der Zukunft. Der silberne Mercedes-Prototyp fuhr autonom auf die Bühne nach einer Tour durch die Wüste und die Hotel-Meile der Glücksspiel-Stadt. Zumindest für die Autobahn können sich manche Hersteller pilotiertes Fahren bereits in fünf bis sieben Jahren vorstellen.

  • Wer trägt die Verantwortung für so ein Auto?

    Hier beginnen die Schwierigkeiten jenseits der Technik. Die erste Hürde ist das „Wiener Übereinkommen für den Straßenverkehr“ von 1968, das die Basis für die meisten Verkehrsregelungen ist. Darin gibt es zwar Hinweise zu Zugtieren, aber von selbstfahrenden Autos ist nicht die Rede. Dafür aber davon, dass jedes Auto einen Fahrer braucht, der am Ende verantwortlich ist. Dass Autofahrer am Ende Verantwortung und Kontrolle völlig abgeben werden, gilt eher als unwahrscheinlich. Noch fehlen dafür aber Regeln und Gesetze. Bei den bisher fahrenden Prototypen auf normalen Strecken müssen in Deutschland die Fahrer darauf geschult sein.

  • Was heißt das für Autoversicherung?

    Europas größter Versicherer, die Allianz, würde auch selbstfahrende Autos versichern. Allerdings würde sich die Risikoeinschätzung ändern, denn das Risiko verlagere sich vom menschlichen Fehler des Fahrers zum Entwickler der Autopiloten. Allerdings glauben die Versicherer nicht daran, dass es vollständig selbstfahrende Auto geben wird. Ein Fahrer werde auch künftig einen Führerschein brauchen, und das Gefährt im Notfall oder in Situationen wo es nötig ist, kontrollieren zu können.

  • Warum treiben Autohersteller das Thema voran?

    Sicherlich auch, um Kunden mit immer ausgereifteren Extras zu locken. Doch daneben spielt auch die mögliche Konkurrenz durch andere Spieler eine Rolle. So arbeitet etwa auch der Internetkonzern Google seit einigen Jahren an selbstfahrenden Autos.

Warum verkauft Nokia seinen Kartendienst, wenn er so wertvoll ist?

Nokia tritt seinen Kartendienst ab, um sich auf das Kerngeschäft als Ausrüster von Telekom-Netzwerken zu konzentrieren und den Konkurrenten Alcatel-Lucent zu kaufen. Vorbehaltlich der Freigabe durch die zuständigen Kartellbehörden soll der Deal zum ersten Quartal 2016 über die Bühne gebracht werden. Nokia wird nach dem Verkauf nur noch aus dem Netzwerk-Geschäft und der „Technologies“-Sparte bestehen, die auch an einer Rückkehr ins Verbrauchergeschäft arbeitet. Der Konzern hatte seine einst weltgrößte Handy-Sparte im vergangenen Jahr an Microsoft verkauft und muss noch bis 2016 warten, bis er seinen Markennamen wieder auf Smartphones nutzen kann.

Gibt es noch laufende Kosten?

Ja. Die Karten müssen laufend aktualisiert werden, denn veraltete Karten sind für das autonome Fahren wertlos. Hindernisse wie Tagesbaustellen, neue Verkehrsschilder oder fehlende Fahrbahnmarkierungen können zwar von anderen Sensoren des Autos erkannt werden, idealerweise sollte das Auto aber bereits vorher wissen, was auf es zukommt. Deshalb müssen die Karten mit unzähligen Vermessungsfahrten immer wieder auf den neuesten Stand gebracht werden. „Unser Umfeld ändert sich ständig. Deswegen müssen auch die Informationen in digitalen Karten laufend aktualisiert werden, um den höchsten Nutzen zu bieten“, sagte Audi-Chef Rupert Stadler. Experten schätzen die Kosten dafür auf einige hundert Millionen Euro.

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Wer nutzt bislang Nokia Here?

In Europa wird Nokia Here bereits in vier von fünf Neuwagen genutzt. Zu Heres Kunden gehören neben den deutschen Autokonzernen auch Toyota, General Motors oder Fiat Chrysler. Aber auch die Internetfirmen Amazon, die Suchmaschinenbetreiber Yahoo und Baidu sowie die Paketdienste Fedex und UPS nutzen die Kartendaten. Und auch Facebook bindet Here-Daten in seine mobile App ein.

Die drei Autobauer haben angekündigt, dass Here auch weiterhin für alle Kunden zur Verfügung stehen soll. Ob andere Autokonzerne wie Toyota, GM oder FCA aber zum Kunden der Konkurrenz werden wollen, ist fraglich. Die Navigationsdienste sind ein wichtiger Faktor im Wettbewerb der Autobauer. Deshalb sieht Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer auch das Risiko, dass sich die drei Bündnispartner auf Dauer nicht vertragen werden.

Welche Assistenzsysteme es schon gibt und wann Roboter das Steuer komplett übernehmen

  • 2013

    • Spurwechselassistent
    • Spurhalteassistent
    • Parkassistent (teilautomatisch)

  • 2013 - 2014

    Notbremsfunktion und Fußgängererkennung

  • 2015

    • Parken per Smartphone-App
    • Baustellenassistent
    • Notausweichassistent

  • 2016

    Stauassistent

  • 2017

    • Automatischer Notausweichassistent
    • Kreuzungsassistent

  • 2018 - 2020

    • Smartphonegesteuerter Einparkassistent
    • Autobahnpilot (teilautomatisch)

  • 2020 - 2025

    • Autobahnchauffeur (vollautomatisch)
    • Automatisches Fahren in der Stadt
    • Voll automatisiertes Parken

  • Nach 2025

    Hochautomatisiertes Fahren (von Tür zu Tür)

Wo liegen die technischen Herausforderungen?

Neben den reinen Positionsdaten, die zur Berechnung einer Route notwendig sind, muss ein autonomes Auto zahlreiche weitere Daten über sein Umfeld wissen: Kurvenradien, Gefälle und Steigungen werden heute noch nicht in dem Maß erfasst, wie es notwendig wäre. Zum Teil müssen die Vermessungsfahrzeuge noch mit der dafür geforderten Technik ausgerüstet werden.

Was machen die anderen?

Zu den anderen großen Kartenanbietern gehört das niederländische Unternehmen TomTom. Vor wenigen Tagen hat der Navigations-Anbieter eine Partnerschaft mit Bosch verkündet, um mit dem Sensoren-Knowhow von Bosch und den Karten-Daten von TomTom einen weiteren Anbieter von hochgenauen Karten zu schaffen – zu dem dann die bisherigen Here-Kunden wechseln könnten. Allerdings ist das Material von TomTom noch nicht so umfangreich: Bis Ende 2015 sollen aber zumindest alle deutschen Autobahnen hochauflösend erfasst sein. Bis aber das gesamte Straßennetz verarbeitet ist, dürfte es noch dauern.

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