Quelle: dpaBundespräsident unter Druck
Als Bundespräsident steht Christian Wulff am Höhepunkt seiner Karriere. Doch seine Glanzzeiten hat der Hannoveraner hinter sich. Der Selfmade-Man erkämpfte sich seinen politischen Erfolg – von der Schüler-Union bis an die Spitze der deutschen Politik. Doch je höher er kam, desto unachtsamer wurde er und desto mehr Patzer erlaubte er sich. Ein Rückblick auf die Karriere des derzeit gescholtenen Bundespräsidenten.
Quelle: APFrüh übt sich das Politiker-Dasein
Christian Wulff 1997 auf einem CDU-Parteitag: Schon früh belegte er zahlreiche wichtige Ämter in den CDU-Jugendgruppen – obwohl dem gebürtigen Osnabrücker privat einige Probleme plagten. 1975 trat der damals 16-Jährige in die Schüler-Union ein, im gleichen Jahr hatte sein Stiefvater die Familie verlassen und der jugendliche Christian Wulff musste seine an Multipler Sklerose erkrankte Mutter pflegen und die Erziehung seiner jüngeren Schwester übernehmen. Trotz der Belastungen trieb er seine Karriere voran: Von 1978 bis 1979 war er niedersächsischer Landesvorsitzender der Schüler-Union, gleichzeitig wurde er auch Bundesvorsitzender für drei Jahre. 1979 ging er außerdem in den Bundesvorstand der Jungen Union.
Quelle: APLandes- und Kommunalpolitik
Von den CDU-Jugendgruppen schwang sich Wulff weiter in die Spitzenpositionen der Landespolitik. Ein Jahr nachdem er niedersächsischer Landesvorsitzender der Jungen Union wurde, ging er 1984 in den CDU-Landesvorstand Niedersachsens. Von 1994 bis 2008 war er Landesvorsitzender der Partei.
Auch kommunal engagierte sich Wulff: Von 1986 bis 2001 war er Ratsherr von Osnabrück.
Quelle: dapdLandtagsmitgliedschaft
Von 1994 bis 2010 war Wulff direkt gewählter Abgeordneter des Landtags in Hannover. Karrierist Wulff ging jedoch nicht als gewöhnlicher Volksvertreter ins Parlament. Von Beginn an war er zugleich Fraktionsvorsitzender der CDU - und im zunächst noch SPD regierten Niedersachsen - der Ministerpräsident hieß damals Gerhard Schröder - damit auch Oppositionsführer.
Quelle: APZwei gescheiterte Wahlkämpfe
Wulffs zunächst reibungsloser politischer Aufstieg wurde durch zwei verlorenen Wahlkämpfe um den niedersächsischen Ministerpräsidentenposten vorerst gestoppt. Seinem charismatischen SPD-Kontrahenten Gerhard Schröder unterlag Wulff 1994 mit 36,4 Prozent und 1998 mit 35,9 Prozent. Die beiden Wahlplakate stammen vom zweiten Wahlkampf.
Quelle: APOppositionspolitik
Hier fordert Wulff auf einer Pressekonferenz 1999 den Rücktritt von Ministerpräsident Gerhard Glogowski. Als Oppositionsführer warf Wulff dem Nachfolger von Gerhard Schröder, der in das Amt des Bundeskanzlers gewechselt war, vor, wegen einer Sponsoring-Affäre seine Unabhängigkeit und politische Handlungsfähigkeit verloren zu haben.
Ein Jahr später zeigte sich Wulff außerdem als schärfster Kritiker des damaligen Bundespräsidenten Johannes Rau während der Düsseldorfer Flugaffäre. Die WestLB setzte Flugkosten, die sie damals führenden Politikern bezahlt hatte von der Steuer ab. Der „Berliner Zeitung“ sagte Wulff in dem Zusammenhang im Jahr 2000: „Es ist tragisch, dass Deutschland in dieser schwierigen Zeit keinen unbefangenen Bundespräsidenten hat, der seine Stimme mit Autorität erheben kann. Es handelt sich in NRW offensichtlich um eine Verfilzung mit schwarzen Reise-Kassen jenseits der parlamentarischen Kontrolle. Dies stellt eine Belastung des Amtes und für Johannes Rau dar.“
Quelle: APBundespolitik
Wulff 1998 an der Seite von Helmut Kohl. Seit diesem Jahr war Wulff einer von vier stellvertretenden Bundesvorsitzenden der CDU.
Quelle: dpa/dpawebEndlich Ministerpräsident
Im Januar 2003 konnte sich die niedersächsische CDU mit Christian Wulff als Spitzenkandidat bei den Landtagswahlen schließlich doch gegen die SPD durchsetzen.
Wulffs ersten Amtsperiode zeichnete sich vor allem durch eine harte Sparpolitik aus. Seine Regierung kürzte unter anderem Hochschulgelder und strich unter Protesten die Blindengeld-Zahlungen. Schließlich führte er die Pauschalzahlungen für Sehbehinderte in reduzierter Höhe doch wieder ein.
Quelle: dpaWiederwahl
Im niedersächsischen Landtag schwört Wulff nach seiner Wiederwahl seinen Amtseid. Einen Tag vor seiner Wahl war Wulff an einer Infektion erkrankt und hatte die Nacht in einer Klinik in Hannover verbracht. Die CDU verteidigte ihre Regierungsposition beim Wahlkampf 2008 mit 42,5 Prozent der Stimmen.
Quelle: dpa/dpawebScheidung
Christian Wulff mit seiner ersten Frau Christiane in glücklichen Tagen. Mit ihr war er von 1988 bis 2008 verheiratet, hat mit ihr eine Tochter.
Bundespräsident unter Druck
Als Bundespräsident steht Christian Wulff am Höhepunkt seiner Karriere. Doch seine Glanzzeiten hat der Hannoveraner hinter sich. Der Selfmade-Man erkämpfte sich seinen politischen Erfolg – von der Schüler-Union bis an die Spitze der deutschen Politik. Doch je höher er kam, desto unachtsamer wurde er und desto mehr Patzer erlaubte er sich. Ein Rückblick auf die Karriere des derzeit gescholtenen Bundespräsidenten.
Der 28. Oktober 2008 ist ein Tag, der in die deutsche Wirtschaftsgeschichte eingeht. Innerhalb weniger Stunden schießt der Kurs der Volkswagen-Aktie von 520 auf 1005 Euro. Der Wolfsburger Autokonzern ist plötzlich 296 Milliarden Euro wert, mehr als alle Autobauer in Europa und den USA zusammen. Allein Großaktionär Porsche, dem zu diesem Zeitpunkt 42,6 Prozent von VW gehören, verbucht nach Schätzungen der Deutschen-Bank-Tochter DWS zwischen 10 und 40 Milliarden Euro Gewinn. Für Anleger, die auf sinkende Kurse gesetzt haben, ist die irrwitzige Rally an der Börse jedoch eine Katastrophe. Bis zu 30 Milliarden Euro Vermögen verdunsten aus ihren Büchern. Schnell keimt unter Börsianern ein schlimmer Verdacht: Porsche könnte illegal den VW-Kurs getrieben haben.
Wulffs Schlüsselrolle
Bundespräsident Christian Wulff ist zu dieser Zeit Regierungschef des Landes Niedersachsen, das damals rund 20 Prozent an dem Wolfsburger Autokonzern hielt und bis heute über eine Sperrminorität verfügt. Als Ministerpräsident gehört der Christdemokrat zugleich dem VW-Aufsichtsrat an und verfolgt die Kurskapriolen am 28. Oktober 2008 deshalb auch aus dieser Perspektive. Dass ihm dies jetzt, dreieinhalb Jahre später, eine Schlüsselrolle bei der juristischen Aufarbeitung des Börsengeschehens bescheren würde, kann Wulff zu dem Zeitpunkt nicht ahnen.
Wann Wulff was wusste
März 2005
Der damalige Porsche-Chef Wendelin Wiedeking präsentiert Ferdinand Piech und der Porsche-Piech-Familie den Plan, VW schrittweise und teilweise mit verdeckten Aktienkäufen zu übernehmen.
26. März 2007
Porsche erhöht seinen Anteil an VW auf 31 Prozent und kauft danach weiter zu. Indirekt - über Optionen - sichert sich Porsche zusätzlich den Zugriff auf weitere VW-Aktien.
25. Februar 2008
Bei einem Treffen in Berlin hätten Porsche-Anwälte die Absicht geäußert, mehr als 75 Prozent an VW sowie einen Beherrschungsvertrag anzustreben. Das berichtete 2009 Mathias Middelberg, damals Chef der Wirtschaftsabteilung der niedersächsischen Staatskanzlei und heute CDU-Bundestagsabgeordneter, der WirtschaftsWoche. Heute bestreitet er, dass er im Februar 2008 Kenntnis der Übernahmepläne hatte.
10. März 2008
Porsche widerspricht Berichten, es gebe die Absicht, den VW-Anteil auf 75 Prozent zu erhöhen, und dementiert dies in der Folgezeit immer wieder.
26. Oktober 2008
Porsche kündigt plötzlich an, den VW-Anteil doch auf 75 Prozent erhöhen zu wollen. Der Kurs der VW-Aktie steigt dadurch zeitweise auf über 1000 Euro.
11. Mai 2009
Die WirtschaftsWoche berichtet von Middelbergs Treffen mit Porsche-Vertretern in Berlin am 28. Februar 2008 und der angeblich geäußerten Übernahmeabsicht.
5. Juni 2009
Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) leitet aufgrund des WirtschaftsWoche-Berichts eine Untersuchung wegen möglicher Marktmanipulation durch Porsche ein. Der damalige Chef der niedersächsischen Staatskanzlei und heutige Leiter des Bundespräsidialamtes, Lothar Hagebölling, schreibt an die Bafin, die Porsche-Vertreter hätten bei dem Treffen in Berlin nicht erklärt, einen Beherrschungsvertrag mit VW anzustreben. Einen Kommentar dazu lehnt er heute ab: Es handele sich um Vorgänge in der niedersächsischen Staatskanzlei.
15. Juli 2009
Der damalige niedersächsische Ministerpräsident und VW-Aufsichtsrat Christian Wulff sagt gegenüber der WirtschaftsWoche Middelberg sei im Gespräch mit den Porsche-Anwälten am 28. Februar 2008 klar geworden, dass durch Porsche „reihenweise Aktionäre beschissen werden“. Er frage sich, warum Middelberg mit seine Wissen „Wiedeking nicht in den Knast bringen“ wolle. Das Verhalten von Porsche sei „kriminell“ gewesen. Wulff will die Äußerungen nicht kommentieren. Auch Wiedeking lehnt einen Kommentar dazu ab, widerspricht jedoch dem Vorwurf der Marktmanipulation.
24. Juli 2009
Porsche hat die Übernahmeschlacht verloren, ist hoch verschuldet und soll nun ein Teil des VW-Konzerns werden.
31. Dezember 2011
Investoren fordern von Porsche und VW vor deutschen Gerichten insgesamt mehr als vier Milliarden Euro Schadensersatz wegen Marktmanipulation durch Porsche. Porsche und VW weisen sämtliche Vorwürfe und Forderungen als unbegründet zurück.
Doch die Situation hat sich inzwischen gravierend verändert. Porsche ist längst mit dem Versuch gescheitert, Volkswagen zu übernehmen. Nach einer der verbissensten Übernahmeschlachten des vergangenen Jahrzehnts steht der Sportwagenbauer davor, seinerseits in den VW-Konzern eingegliedert zu werden. Vor allem aber sind die Kursbewegungen von damals Gegenstand juristischer Auseinandersetzungen geworden.
Verdacht auf Marktmanipulation
In Stuttgart ermittelt die Staatsanwaltschaft seit Sommer 2009 gegen Ex-Porsche-Chef Wendelin Wiedeking, den früheren Finanzchef Holger Härter sowie weitere Manager des Sportwagenbauers wegen des Verdachts der Marktmanipulation. Mehr als 80 Banken, Fondsgesellschaften und Versicherungen haben Ende 2011 Porsche und VW auf Schadensersatz von über vier Milliarden Euro verklagt. Und seit rund vier Wochen verlangen deren Anwälte sogar von Wulff persönlich 1,8 Milliarden Euro Wiedergutmachung.
Dadurch gewinnen Äußerungen eine neue Bedeutung, die Wulff im Juli 2009 gegenüber der WirtschaftsWoche über die gescheiterten Porsche-Attacken auf VW sowie über mögliche Marktmanipulationen durch Wiedeking und Härter machte. Die Äußerungen lassen den Schluss zu, dass Wulff bereits während der Schlacht um VW tiefe Kenntnisse über die Übernahme-Absichten von Porsche hatte, die nun Gegenstand der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen sowie der Schadensersatzklagen sind.
Vor allem aber drängt sich der Verdacht auf, dass er dieses Insiderwissen für sich behielt – also nichts unternahm, um das Kurschaos an der Börse zu verhindern. Nicht nur, dass Anleger vom Bundespräsidenten deswegen Milliarden wollen. Wulff könnte sogar mit dem Strafgesetzbuch in Konflikt geraten. Der Bundespräsident lehnt mit Verweis auf die laufenden Ermittlungsverfahren und Schadensersatzprozesse sowie seine Schweigepflichten als Ex-VW-Aufsichtsrat jeglichen Kommentar ab.














