Produktionsende im Bochumer Opel-Werk: „Man hat uns hier verhungern lassen“

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Produktionsende im Bochumer Opel-Werk: „Man hat uns hier verhungern lassen“

, aktualisiert 05. Dezember 2014, 10:25 Uhr
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Die letzte Schicht im Bochumer Opel-Werk ist vorbei, der letzte Zafira produziert.

Der letzte Opel in Bochum ist vom Band gelaufen. Resignation, Wut über das Management und die eigene Gewerkschaft bestimmen die Opelaner – und die Unsicherheit um die eigene Zukunft.

Die Bänder im Bochumer Opel-Werk stehen still, eine Ära ist zu Ende. Am frühen Morgen hat zum letzten Mal ein Zafira die Montagelinie in Bochum-Laer verlassen – ein Familienvan, lackiert in einem düsteren Grau.

Düster ist auch die Stimmung im Werk: 52 Jahre hatten die Autos aus Bochum ihren Anteil an der Mobilisierung Deutschlands – Modelle wie Kadett, Manta oder Astra wurden millionenfach verkauft. Damit ist jetzt Schluss, ohne öffentliche Abschiedsveranstaltung.

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„Die Werksschließung ist traurig, aber die Menschen im Ruhrgebiet haben sich damit abgefunden“, sagt Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer. „Was jetzt noch kommt, ist der Beerdigungsgang, der durchgeführt wird.“

Opel in Bochum von 1962 bis 2014

  • 1962

    Das Werk entsteht nach ungefähr zwei Jahren Bauzeit auf dem Gelände der ehemaligen Zeche Dammbaum. Das erste Auto, das vom Band rollt, ist ein Kadett A. Das Werk ist für 10.000 Beschäftigte konzipiert, viele der damaligen Arbeiter kommen aus dem Bergbau.

  • 1967

    Der Mittelklassewagen Olympia kommt ins Programm. Drei Jahre später sind es der Ascona und der legendäre Manta, die ab 1970 in dem Werk vom Band rollen.

  • 1979

    Höchststand bei der Beschäftigung: Zum Jahresende arbeiten mehr als 20.000 Menschen im Bochumer Opel-Werk.

  • 80er und 90er Jahre

    Der Personalstand schwankt nach Angaben der Bochumer Werksleitung zwischen 15.000 und 17.000.

  • 1991

    Der Astra löst den Kadett ab. Bis 2004 wird das Fahrzeug gefertigt, ab 1999 der Siebensitzer Zafira.

  • 2004

    Die Konzernmutter General Motors legt einen drastischen Sparplan für die europäische Tochter auf, bei der bis 2006 rund 10.000 Stellen gestrichen werden sollen. Opel beschäftigt in Bochum noch etwa 9000 Mitarbeiter.

  • 2005

    Betriebsrat und Management unterschreiben einen „Zukunftsplan“, der die Existenz des Bochumer Werks sichern soll. In dem Jahr kommt ein neues Zafira-Modell nach Bochum.

  • 2009

    GM kündigt einen weiteren drastischen Stellenabbau von Opel in ganz Europa an, rund 9000 der noch 55.000 Stellen sollen wegfallen.

  • 2011

    Seit dem Jahr wird der Zafira Tourer in Bochum gebaut. Es ist vermutlich die letzte Produktionslinie an dem Standort.

  • 2012

    Opel beschäftigt noch rund 3200 Menschen in Bochum. Seit Bestehen wurden in dem Werk 13,5 Millionen Autos gebaut. Das Werk besteht nun seit 50 Jahren.

  • 2013

    Die Bochumer Belegschaft sagt Nein zu einem neuen Sanierungsplan, der die Autoproduktion bis Ende 2016 vorsieht. Der Opel-Aufsichtsrat beschließt darauf das Aus für das Werk. Nur ein Warenverteilzentrum soll erhalten bleiben.

  • 2014

    Am 5. Dezember läuft der letzte Zafira vom Band, am 12. Dezember schließt das Werk seine Pforten endgültig.

Nach der letzten Produktionsschicht ist am Werkstor Enttäuschung, Resignation und Kritik am Opel-Management zu hören, das am Ende nicht einmal mehr das Dach der Bochumer Fabrik erneuert habe. Letzte Protestaktionen oder lautstarke Kritik gibt es nicht, nicht einmal Transparente - der Kampf um Opel hat schon zu lange gedauert.

Die Worte, die die letzten Opelaner im Revier finden, sind eindringlich. „Das Herz von Opel hat aufgehört zu schlagen“, sagte einer von ihnen nach der letzten Nachtschicht. „Viele haben noch keinen neuen Job. Das drückt, das kannst Du in Scheiben schneiden“, sagt ein anderer.

Der letzte Bochumer Opel wird nicht verkauft

Ganz vorbei ist es mit dem Stilllegen der Bänder aber noch nicht: Für eine interne Jubilarveranstaltung für altgediente Mitarbeiter (6.12.) mit rund 1000 Teilnehmern laufen die Vorbereitungen und eine letzte Betriebsversammlung im Werk (8.12.) ist geplant. Am 12.12. geben die meisten Opelaner dann Werkskleidung und Ausweis ab, berichtet der Betriebsrat.

Bis dahin soll dann auch die Qualitätskontrolle des letzten Zafiras abgeschlossen sein und der Wagen an den Verkauf übergeben werden. Doch in den Handel kommt der letzte Bochumer Opel nicht, er soll stattdessen einem sozialen Zweck gewidmet werden.

So stand es 2014 um Opel

  • Der Verhandlungsplan

    Im Detail wird über neue Modelle, Motoren und Märkte, die Fertigung markenfremder Modelle wie Chevrolets in Opel-Werken sowie über Einsparungen gesprochen. Doch generell geht es um die Frage, wie der kriselnde Hersteller mehr Autos verkaufen, Beschäftigung sichern und wieder Geld verdienen kann Das Management will Produktionskosten senken, aber auch am Personal sparen. Im September 2014 wurden betriebsbedingte Kündigungen bis Ende 2016 (und damit zwei Jahre länger als bisher festgelegt) ausgeschlossen werden. Betriebsrat und Gewerkschaft fordern Zusagen zu Standorten und Beschäftigung über 2016 hinaus. (Quelle: dpa)

  • Werkschließungen oder Massenentlassungen?

    Das Management hatte angeboten, das Werk Bochum nicht, wie ursprünglich angestrebt, Anfang 2015, sondern erst mit dem Auslaufen der Zafira-Produktion zwei Jahre später zu schließen. Damit gewinnt der Standort Zeit. Die Hoffnung auf eine bessere Marktentwicklung bleibt erhalten. Schäfer-Klug zeigte sich am Dienstag im Gespräch mit der dpa zuversichtlich: „Ich sehe nicht, dass Opel plant, sich komplett aus Bochum zurückziehen. Aber wie die konkrete Zukunft der Standorte in Deutschland und insbesondere in Bochum aussieht, werden wir gemeinsam in den Verhandlungen klären.“

  • Die Überkapazitäten

    Bei den Verhandlungen geht es auch um freiwillige Abfindungsprogramme und Vorruhestandsregelungen. So soll nach und nach sozialverträglich Beschäftigung abgebaut werden. Aktuell hat Opel nach Betriebsratsangaben noch etwa 38.000 Beschäftigte - nach der jüngsten Sanierung Ende 2010 waren es noch 40.000.

  • Sanierungsbeiträge der Beschäftigten?

    Zunächst verzichten die Mitarbeiter erneut auf Lohn. Von November an wird die jüngste Metall-Tariferhöhung von 4,3 Prozent erneut gestundet. Falls es eine Einigung über die Zukunft der deutschen Opel-Werke gebe, könnten die erneut gestundeten Millionen auch „in einer Gesamtkonzeption aufgehen“, sagt der Bochumer Betriebsratschef Rainer Einenkel. Wie das aussehen könnte, ist unklar. Kommt keine Einigung zustande, zahlt Opel das gestundete Geld nachträglich aus.

  • Wann sollen die Gespräche abgeschlossen werden?

    Offiziell scheuen alle Beteiligten davor zurück, einen Termin zu nennen. Schließlich waren die ehrgeizigen Erwartungen der Arbeitnehmervertreter zuletzt enttäuscht worden. Dem Vernehmen nach soll aber in einigen Wochen ein Ergebnis stehen.

  • Die Allianz mit PSA

    Glaubt man dem Unternehmen, wird die Zusammenarbeit mit Peugeot-Citroën keine Jobs bei Opel kosten. Selbst wenn die Partner eines Tages Autos nicht nur gemeinsam entwickeln sondern auch bauen sollten, dürfe das nicht auf Kosten des anderen gehen, betont GM-Vize und GM-Europachef Steve Girsky: Keine Seite werde ihre Probleme zulasten der anderen lösen. Bei Opel könnten zudem schon 2016 Chevrolets vom Band laufen, um die Überkapazitäten zu senken.

  • Fallen durch die Allianz Stellen weg?

    Zwar wollen GM und PSA zunächst vier Fahrzeugplattformen gemeinsam entwickeln. Weder Betriebsrat noch Unternehmen sehen aber Jobs im Rüsselsheimer Entwicklungszentrum gefährdet. Vielmehr könnten die freigesetzten Kapazitäten genutzt werden, um wie versprochen die Entwicklung neuer Modelle voranzubringen.

  • Wie ernst ist die Lage bei Opel?

    Opel schreibt seit Jahren Verluste. Jetzt leidet der Hersteller zudem unter der aktuellen Absatzkrise in Europa. Im zweiten Quartal schrieb GM in seinem Europageschäft einen Verlust von 361 Millionen Dollar (294 Mio Euro). Das Ergebnis des dritten Quartals legt GM an diesem Mittwoch (31. Oktober) vor.

In stolzen Zeiten waren bis zu 22.000 Menschen in dem Werk beschäftigt. Mit der Werksschließung von Opel endet ein einstiges Vorzeigeprojekt des Strukturwandels an der Ruhr. Das Werk war auf früherem Bergbaugrund errichtet worden, als im Revier das Zechensterben begann. Es beschäftigte nach der Eröffnung 1962 sofort rund 10.000 Menschen – viele davon ehemalige Kumpel. Zuletzt standen noch 3.000 Mitarbeiter bei Opel Bochum in Brot und Lohn.

Sie stehen nun vor einer ungewissen beruflichen Zukunft. Die Bochumer Opelaner sind im Schnitt 50 Jahre alt und über 20 Jahre am Band oder im Betrieb. Ihre Vermittlungschancen auf einem Ruhr-Arbeitsmarkt mit ohnehin überdurchschnittlicher Arbeitslosigkeit sehen Fachleute trotz guter Ausbildung und zweijähriger Transfergesellschaft mit großer Skepsis.

„Da ist viel Hilflosigkeit, es gibt keine Ersatzbeschäftigung“, sagt Betriebsratschef Rainer Einenkel. Dudenhöffer ergänzt: „Selbst wenn sie Abstriche machen, stehen mit ihrem hohen Lohnniveau die Chancen schlecht, eine neue Anstellung zu finden. Für die Opel-Belegschaft ist die Schließung besonders hart.“ Rund 550 Millionen Euro zahlt der Autokonzern nach Gewerkschaftsangaben nun für die Jobbörse und Abfindungen in Bochum. Im Schnitt bekommt jeder Mitarbeiter nach Gewerkschaftsberechnung rund 125.000 Euro, die aber versteuert werden müssen.

700 Arbeitsplätze bleiben

„Man hat uns hier verhungern lassen“, sagt Hans Skopek aus der Endmontage, der seit 40 Jahren bei Opel arbeitet. Die letzten zehn Jahre sei es mit dem Werk immer weiter bergab gegangen. „Das Management hat das Werk vor die Hunde gehen lassen.“ Am Ende habe es sogar reingeregnet.

Für den 55-Jährigen Anlagenelektroniker geht es 2015 in die zweijährige Transfergesellschaft – sieben Monate mit vollem Geld, dann mit 80 und im letzten Jahr mit 70 Prozent des Gehalts. „Das ist jetzt Neuland: vielleicht finde ich ja was in meinem gelernten Beruf.“ Doch Skopeks Zeit in diesem Beruf ist lange her.

700 Arbeitsplätze bleiben – garantiert zunächst bis 2020 – in Bochum im zentralen Ersatzteillager des Opelkonzerns. Das Lager läuft aber nicht mehr unter dem Opel-Logo, sondern wird vom Opel-Partnerunternehmen Neovia betrieben. Rund 2700 Menschen landen in der Transfergesellschaft.

Der Niedergang des Werks zeichnete sich bereits länger ab. In den 90er Jahren kosteten Qulaitätsmängel und Fehler in der Modellpolitik Opel zahlreiche Kunden – und in der Folge viele Angestellte ihren Job. Spätestens 2004, als die Motorenfertigung in Bochum eingestellt wurde, begann für das Werk der Überlebenskampf. Als der Konzern 2009 nur knapp an der Insolvenz vorbeischlitterte, war klar, dass einige Werke wegen hohen Überkapazitäten schließen müssen. 2010 wurde das Werk im belgischen Anderlecht geschlossen.

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