Streit um die VW-Führung: Piëch "nicht mehr tragbar"

Streit um die VW-Führung: Piëch "nicht mehr tragbar"

, aktualisiert 24. April 2015, 17:07 Uhr
Bild vergrößern

Der Aufsichtsratsvorsitzende der Volkswagen AG, Ferdinand Piëch.

Der Firmenpatriarch Ferdinand Piëch gerät stärker unter Druck. Insidern zufolge betreibe er entgegen anderslautender Angaben weiter die Ablösung des Konzernchefs Martin Winterkorn – damit befördert er sich ins Abseits.

Im Machtkampf bei Volkswagen gerät zehn Tage vor der Hauptversammlung nun Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch zunehmend unter Druck. Der 78-Jährige sei als Chefkontrolleur des Konzerns nicht mehr tragbar, sagten mehrere Mitglieder des 20-köpfigen Gremiums dem „Spiegel“. Nach dem öffentlichen Abrücken Piëchs von Vorstandschef Martin Winterkorn und einem anschließenden Verwirrspiel um die Motive des VW-Übervaters wird auch unter Aktionärsschützern und Branchenexperten der Ruf nach Aufklärung lauter. „Dieser Herr (Piëch) muss seinen Aktionären erklären, warum er das macht“, sagte der Präsident der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), Ulrich Hocker, am Freitag der Deutschen Presse-Agentur.

Am Donnerstag hatten die Deutsche Presse-Agentur, der NDR und die „Welt“ übereinstimmend berichtet, Piëch versuche, die Ablösung Winterkorns noch vor der Hauptversammlung am 5. Mai zu betreiben. Piëch hatte dies dementiert und erklärt: „Ich betreibe die Ablösung von Martin Winterkorn nicht.“

Anzeige

Wer Winterkorn nachfolgen könnte

  • Herbert Diess

    Zumindest in einem Punkt steht Herbert Diess schon jetzt als Nachfolger von Martin Winterkorn fest: Im Juli soll er das Amt des VW-Markenchefs übernehmen. Winterkorn hat den früheren BMW-Entwicklungsvorstand persönlich für diese Ausgabe ausgewählt – und vom bayrischen Konkurrenten abgeworben. In der Branche gilt Diess als fähiger Manager mit Ambitionen zu Höherem. Bis er ihm Herbst überraschend zu VW wechselte, legte er bei BMW eine steile Karriere hin. Für viele zählte er sogar zum Kreis der möglichen Nachfolger von Konzernchef Norbert Reithofer.

  • Andreas Renschler

    Seit dem Februar 2015 ist Andreas Renschler Chef der Nutzfahrzeugsparte des VW-Konzerns. Er soll aus der gelähmten LKW-Sparte um MAN und Scania endlich eine schlagkräftige Einheit formen. Für den neuen Job und den Posten im VW-Aufsichtsrat hat er seinen Job als Produktionschefs bei Daimler an den Nagel gehängt – zur Überraschung vieler Branchenkenner. Denn dort wurde er sogar als Nachfolger von Dieter Zetsche gehandelt. Wie Herbert Diess wäre Renschler wohl eher ein Interims-Nachfolger für Martin Winterkorn denn langfristige Lösung.

  • Matthias Müller

    Porsche-Chef Matthias Müller lenkt mit dem Sportwagenbauer einen der wichtigsten Gewinnbringer der VW-Gruppe. Schon allein deshalb wird der 61-Jährige als möglicher Nachfolger von Martin Winterkorn gehandelt. Etwaigen Spekulationen hat Müller schon einen Riegel vorgeschoben: „Ich bin kein potenzieller Nachfolger für Herrn Dr. Winterkorn“, erklärte Müller noch Anfang Januar. Er sei zu alt für den Job, sagte er – offenbar in der Annahme, eine Nachfolge-Debatte läge noch in weiter Ferne.

    Für Müller gibt es offenbar trotzdem kaum einen Grund, seine Position bei Porsche aufzugeben. Er fühle sich „pudelwohl hier bei der tollsten Firma der Welt“, sagte er der WirtschaftsWoche im März.

  • Hans Dieter Pötsch

    Als Aufsichtsrat-Mitglied und Finanzchef weiß Hans Dieter Pötsch schon jetzt bestens über alle Entwicklungen im VW-Konzern Bescheid. Seit er 2003 den Posten des Finanzchefs übernommen hat, musste er bereist so manche Mammutaufgabe meistern. Wie die komplizierte Integration von Porsche ins Volkswagen-Reich gelang es ihm meist ziemlich gut. Der Wirtschaftsingenieur hat es deshalb zu einigem Ansehen und Einfluss im Konzern gebracht.

  • Heinz-Jakob Neußer

    VW-Entwicklungsvorstand Heinz-Jakob Neußer wird allenfalls als Nachfolge-Kandidat aus der zweiten Reihe gehandelt. Er verantwortet zwar die Weiterentwicklung der Kernmarke VW, ist aber bislang kein Mitglied des Aufsichtsrats. Allerdings erfüllt er eine wichtige Bedingung, die Ferdinand Piëch für das Spitzenpersonal im VW-Konzern formuliert hat: Der Maschinenbau-Ingenieur verfügt er über viel technisches Know-how.

Vor zwei Wochen hatte Piëch in einem „Spiegel“-Interview noch gesagt: „Ich bin auf Distanz zu Winterkorn.“ Diese Äußerung hatte eine heftige Debatte um die Zukunft des bestbezahlten Dax-Managers Winterkorn und eine Führungskrise beim Autokonzern losgetreten.

Nach dpa-Informationen trafen sich am Mittwoch auf Drängen Piëchs die Eigentümerfamilien Piëch und Porsche in Stuttgart. Dort soll Piëch um Unterstützung für seinen Plan geworben haben, Porsche-Chef Matthias Müller oder Skoda-Chef Winfried Vahland als Nachfolger von Winterkorn durchzusetzen. Der „Spiegel“ berichtete am Freitag unter Verweis auf Konzernkreise vorab, Piëch habe schon Anfang dieser Woche Porsche-Chef Matthias Müller gebeten, sich für einen Wechsel auf die Position des Vorstandsvorsitzenden bereit zu halten. Dies wurde der dpa in Konzernkreisen bestätigt.

Derweil warnen Vertreter von Aktionären mit Blick auf die nahende Hauptversammlung vor einem massiven Vertrauensverlust, sollte das Ringen der mächtigen Manager hinter den Kulissen länger weitergehen.

Der insgesamt noch erfolgsverwöhnte Autobauer müsse aufpassen, sein Kapital bei kleineren Aktionären, aber auch bei vielen Beschäftigten nicht zu verspielen, sagte DSW-Präsident Hocker: „Es ist ja klar, dass nun nicht nur 600.000 Mitarbeiter erst einmal den Atem anhalten. Natürlich sieht man eine Verunsicherung.“

Hocker kritisierte, dass gegen Winterkorn vorgebrachte Kritikpunkte wie die Renditeschwäche der Kernmarke VW oder die schleppende Entwicklung in den USA und beim Projekt Billigauto längst bekannte Baustellen seien: „Das ist nichts Neues.“ Piëch müsse seine Motive für die Attacke auf Winterkorn daher dringend offenlegen.

„Nur mit sechs Worten der Indiskretion ist es nicht getan“, meinte Hocker mit Blick auf die Interview-Aussage des Aufsichtsratschefs. Die entstandene Unsicherheit spiegele sich auch in der Entwicklung der VW-Vorzugsaktie wider, deren Kurs seither an Wert eingebüßt habe.

Weitere Artikel

Auch aus Sicht des Branchenexperten Stefan Bratzel sollte der Streit um die Führung bei VW zügig beendet werden. „Der VW-Konzern kann sich einen Machtkampf nicht lange leisten, wenn man nicht im Wettbewerb zurückfallen möchte“, sagte Bratzel, Leiter des Center of Automotive Management in Bergisch Gladbach, der dpa. Volkswagen habe in den vergangenen zehn Jahren eine enorme Leistungsstärke entwickelt und stehe im Branchenvergleich trotz einiger Schwachpunkte derzeit noch sehr gut da. „Durch den Machtkampf werden die enormen Erfolge des einstmaligen Duos Winterkorn und Piëch ein Stück weit diskreditiert.“

VW müsse sich nun wieder vollständig auf die drängenden inhaltlichen Aufgaben und Probleme konzentrieren. Möglichst bald sei eine Klärung der Frage nötig, wer den Konzern in die „20er-Jahre“ führen werde, in denen viele Herausforderungen rund um Vernetzung des Autos, autonomes Fahren, alternative Antriebe und neue Geschäftsmodelle warteten.

Anzeige
Unternehmer stellen sich vor
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%