Trauriger Rekord: Die größte Rückrufwelle aller Zeiten

Trauriger Rekord: Die größte Rückrufwelle aller Zeiten

Die Automobilindustrie hat in diesem Jahr so viele Autos zurück in die Werkstätten beordert wie nie zuvor. Negativ-Spitzenreiter ist General Motors, aber auch andere Hersteller verschlechtern sich dramatisch.

So etwas hat es in der Autowelt noch nicht gegeben: 2014 markiert schon zur Halbzeit das Jahr mit dem größten Rückrufvolumen aller Zeiten. Die Forscher vom CAM Center of Automotive Management in Bergisch Gladbach haben die Rückrufe der globalen Autohersteller in den ersten sechs Monaten des Jahres ausgewertet. Referenzmarkt sind wie immer die USA.

Das traurige Ergebnis: Bis zum Juni wurden schon mehr Autos in die Werkstätten zurückbeordert als in den beiden Kalenderjahren 2012 und 2103. Über 37 Millionen Fahrzeuge mussten in den USA zurückgerufen werden, nach 11 Millionen im vergleichbaren Vorjahreszeitraum. Das entspricht einen Rückrufquote von 455 Prozent.

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Ins Verhältnis gesetzt wird hier die Anzahl der zurückgerufenen Autos zu den insgesamt verkauften Autos in einem bestimmten Zeitraum. Im ersten Halbjahr 2014 wurden also viereinhalb Mal so viele Autos zur Nachbesserung in die Werkstätten beordert wie Neuwagen verkauft wurden.

Quartalszahlen unter Erwartungen Pannenserie frisst General-Motors-Gewinn auf

Zehn Jahre hat GM gebraucht, bis defekte Teile in Millionen Autos getauscht wurden, und dabei Menschenleben riskiert. Ein Image-Desaster, das der Tochter Opel nützt. Heute wurden auch Summen für die Opfer genannt.

GM-Chefin Mary Barra bei einer öffentlichen Anhörung vor einem US-Senatsausschuss: Der Autohersteller muss sich für schlampige Herstellung, technische Pannen und die Verschleppung von Reparatur-Rückrufen verantworten. Quelle: AFP

General Motors ist Rückruf-König

Negativ-Spitzenreiter ist General Motors mit einer Rückrufquote von unfassbaren 1668 Prozent. Schon 37 Rückrufaktionen hat der US-Hersteller ausgelöst. Bisher sind 25 Millionen Fahrzeuge betroffen und damit die größte Zahl zurückbeorderter Fahrzeuge in der Geschichte der USA. Beim Konzern hat das bisher zu Kosten in Höhe von 2,5 Milliarden Dollar geführt.

Die größten Probleme machten Zündschlösser, die sich einfach abstellten. Das hat nach Herstellerangaben zu sieben Unfällen mit drei Toten geführt. Weitere Aktionen betreffen die Bremsen und Airbags. Erstaunlicherweise zeigen sich die US-Kunden von den Rückrufen weitestgehend unbeeindruckt. Den GM-Händler gelingt es so äußerst gut, die Rückruf-Aktionen zu nutzen, um die Kunden gleich zum Kauf eines neuen Fahrzeugs zu überreden.

Rückrufe Warum GM den Zündschloss-Skandal überstehen wird

Die Rückrufaktionen von General Motors sind gigantisch und kosten den Autohersteller Milliarden. Doch die Affäre könnte den GM-Absatz in den USA sogar weiter ankurbeln.

huGO-BildID: 37581430 ARCHIV - Die US-Flagge weht am 19.11.2008 in Detroit, USA, hinter dem Logo des Automobilkonzerns General Motors (GM). Der Opel-Mutterkonzern ruft weltweit zusätzlich 3,4 Millionen Limousinen zurück, weil auch hier der Zündschlüssel während der Fahrt zurückspringen kann. Das schaltet Bremskraftverstärker, Servolenkung und möglicherweise die Airbags aus. Foto: Jeff Kowalsky/epa (zu dpa ««General Motors muss 20 Millionen Autos reparieren»» vom 17.06.2014) +++(c) dpa - Bildfunk+++ Quelle: dpa

Die zweithöchste Rückrufquote weist mit 379 Prozent Toyota auf: Das Unternehmen musste fast 2,5 Millionen Toyota- und Lexus-Modelle überprüfen lassen, weil sich Airbags entweder überhaupt nicht öffnen oder teilweise sogar selbst ein Verletzungsrisiko darstellen können. Auch wenn der Abstand zu GM groß ist, auch Toyota hat sich im Vergleich zum Vorjahr dramatisch verschlechtert. Mit bereits 4,4 Millionen zurückgerufenen Fahrzeugen hat sich die Zahl fast verdoppelt.

Warum es immer mehr Rückrufe gibt

  • Autos werden immer komplexer

    Die technische Komplexität ist in den letzten 10 bis 15 Jahren enorm gestiegen. Das macht die Autos fehleranfälliger. Ausgerechnet die Sicherheitssysteme wie ABS, ESP, Airbags und Fahrassistenzsysteme tragen zu mehr Komplexität bei. Außerdem motortechnische Optimierungen wie Start/Stopp-Systeme, Aufladung etc. und Komfortmerkmale wie etwa Navigations-, Telefon und Internetdienste im Fahrzeuge.

  • Kürzere Entwicklungszeiten

    Die Produktentwicklungszyklen wurden in den vergangenen zehn Jahren deutlich verkürzt. Wer es schafft, mit neuen Modellen bzw. -varianten schnell am Markt zu sein, hat im globalen Wettbewerb Vorteile. Der hohe Zeitdruck in der Produktentwicklung wirkt sich negativ auf die Qualitätssicherung aus.

  • Globalisierung

    Der Wertschöpfungsanteil der Zulieferer liegt mittlerweile bei rund 75 Prozent Gleichzeitig steigen mit dieser Verlagerung die Anforderungen an unternehmensübergreifendes Qualitätsmanagement - und das auch noch global. Nicht nur die Produkte, sondern auch durch Prozesse der globalen Lieferanten müssen gesichert werden. Andererseits steigt die Komplexität eines Qualitätsmanagement auch dadurch, dass die Automobilhersteller nicht nur die zugelieferten Teile, sondern meist auch die Qualität der international verteilten Produktionsanlagen ihrer Zulieferer einschätzen und durch Prozesse absichern müssen.

  • Kostendruck

    Die Automobilhersteller stehen aufgrund der hohen Wettbewerbsintensität unter enormen Kostendruck. Gleichzeitig geben die Hersteller den Kostendruck an die Automobilzulieferer weiter, die dazu angehalten sind, ihre eigene Kosten bzw. die ihrer Teile- bzw. Rohstofflieferanten zu drücken. Hier besteht die Gefahr, dass der Kostendruck auf zu Ungunsten der Teile- bzw. Produktqualität geht.

Domino-Effekt

Platz drei des unrühmlichen Rankings belegt überraschenderweise Tesla mit einer Rückrufquote von 321 Prozent. Der „Newcomer“ unter den untersuchten Marktteilnehmern ruft dabei Ladeequipment aller bisher ausgelieferten Einheiten (29.222) des Elektrosportwagens Tesla Model S zurück, da überhitzende Komponenten das Risiko sowohl für Verletzungen als auch für Brandbildung erhöhen.

Subaru und Ford belegen schließlich die Plätze vier und fünf mit Quoten von 281 Prozent und 225 Prozent.

Im Vergleich hinterlassen die drei deutschen Hersteller ein positiveres Bild:

Rückrufe der deutschen Autobauer

  • VW

    Gemessen an den Neuzulassungen belegt der Volkswagen Konzern mit nur 61 Prozent die beste deutsche Platzierung. Im ersten Halbjahr 2014 rief VW rund 177.000 Einheiten der Marke Volkswagen und sowie 209 Porsche (911 GT3) in die Werkstätten zurück.

  • BMW

    Mit rund 89 Prozent im Vergleich zu 334 im Vorjahr konnte sich vor allem BMW als Premiumanbieter wieder stabilisieren.

  • Daimler

    Daimler konnte seine sehr gute Position aus dem Vorjahr nicht halten. Der Konzern beorderte rund 253.000 Fahrzeuge der C-Klasse aufgrund von Fehlfunktionen der Rücklichter zurück zum Servicepartner und erreicht damit eine Rückrufquote von 151 Prozent (Vorjahr: 0,2%).

Studienleiter Stefan Bratzel erklärt, die Massenrückrufe von General Motors hätten einen noch nie dagewesenen Domino-Effekt ausgelöst. "Das Rückrufvolumen des GM-Falls und die damit verbundene öffentliche Aufmerksamkeit haben dazu beigetragen, dass fast alle Automobilhersteller eine Prüfung möglicher Qualitätsprobleme bei ähnlichen Fahrzeugkomponenten, aber auch bei anderen Funktionsgruppen vornehmen".

Seit 2010 wurden in den USA insgesamt 105,5 Millionen Fahrzeuge zurückgerufen. Damit wurden 68 Prozent mehr Fahrzeuge in die Werkstätten zurückbeordert als in diesen 4,5 Jahren an Neufahrzeugen abgesetzt werden konnten. Ein Negativ-Rekord.

Die meisten Mängel traten im ersten Halbjahr 2014 bei elektronischen Komponenten und Insassenschutzsystemen wie Airbags und Sitzgurte auf. Am dritthäufigsten wurden Fahrzeuge aufgrund von Mängeln an der Bremsanlage beanstandet.

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