
WirtschaftsWoche: Herr Wissmann, die deutsche Autoindustrie fährt derzeit von einem Rekord zum anderen, steht besser da denn ja. Ist also alles eitel Sonnenschein?
Wissmann: Nicht alles. Ich habe durchaus Sorgen – zwei, um genau zu sein.
Nämlich?
Dass wir übersehen, welcher Graben sich bei den Leistungsfähigkeiten einiger Volkswirtschaften in Europa auftut. Da muss man sich nur einmal den Industrieanteil an der Bruttowertschöpfung ansehen: Der ist in Frankreich mit 13 Prozent nur noch halb so hoch wie bei uns. Ein Grund ist der dortige Anstieg der Lohnstückkosten in den letzten Jahren. Viele Leute verstehen offenbar nicht, dass die Euro-Zone nur Bestand haben kann, wenn es gelingt, zu einer Re-Industrialisierung in bestimmten Regionen der Union zu kommen.
Bild: PresseDer Porsche Panamera
soll von Herbst an als erster Plug-in-Hybrid aus dem VW-Konzern auf den Markt kommen
Bild: PresseDer Audi A3
wird im März als Steckerhybrid der Öffentlichkeit vorgestellt
Bild: dapdDer Opel Ampera
war 2012 das erste E-Auto Deutschlands und hat einen Elektro-Benzin-Antrieb
Bild: dpaDer BMW Active Tourer
wurde im Herbst 2012 vorgestellt, viele weitere Plugin-Hybridmodelle folgen
Bild: dapdDer VW Golf
wird Ende 2013 gezeigt und schafft mehr als 50 Kilometer rein elektrisch
Bild: REUTERSDer VW Cross Blue
wurde in Detroit präsentiert und beschleunigt in 7,5 Sekunden auf Tempo 100
Der Porsche Panamera
soll von Herbst an als erster Plug-in-Hybrid aus dem VW-Konzern auf den Markt kommen
Und Ihre zweite Sorge?
So mancher in Deutschland glaubt, unsere Erfolgsgeschichte sei ein Naturgesetz und werde ewig so weitergehen. Dabei müssen wir den Weg der strukturellen Erneuerung fortsetzen. Wir sollten über all den Debatten über „Gerechtigkeit“, die derzeit geführt werden, unsere Wettbewerbsfähigkeit nicht aus den Augen verlieren. Seit Ende der Achtzigerjahre haben wir lange diskutiert, wie man Deutschland wieder wettbewerbsfähiger machen könnte. Noch vor acht Jahren hatten wir 5,2 Millionen Arbeitslose – und heute diskutieren wir überwiegend Verteilungsfragen. Das halte ich für wirklich riskant.
Im Bundestagswahlkampf wird diese Diskussion eher noch zunehmen, allein der steigenden Energiepreise wegen.
Es besteht tatsächlich die Gefahr, dass wir Vorsprünge nicht halten, uns z. B. die Energiekosten davon laufen. Und es gibt das Risiko, dass in der Steuerpolitik falsche Entscheidungen getroffen werden. Der Verband der Automobilindustrie vertritt überwiegend Familienunternehmen und Personengesellschaften. Für sie wäre eine Kombination aus deutlicher Einkommensteuererhöhung plus Wiedereinführung der Vermögensteuer und Verschärfung der Erbschaftsteuer eine Katastrophe. Jeder Vorschlag einzeln geht an die Substanz und würde das Eigenkapital aufzehren.
Muss die deutsche Autoindustrie nicht eher aufpassen, dass sie in der Sonne des Erfolgs zu selbstgefällig und träge wird?
Wir sind und bleiben hellwach. Der Erfolg der deutschen Automobilindustrie rührt auch daher, dass unsere Hersteller mit ihren Modellen untereinander in einem intensiven und ständigen Wettbewerb stehen. Das allein sorgt schon für hohes Tempo, gerade bei Innovationen. Sorgen mache ich mir eher um die Politik. Dort redet man inzwischen immer weniger über die Wettbewerbsfähigkeit. Im Vordergrund stehen vielmehr immer öfter Verteilungs- oder Gerechtigkeitsfragen.
Das Ausland würde Ihre Sorgen als Luxusproblem betrachten. Die französischen und italienischen Autohersteller etwa kämpfen ums Überleben.
Wir erleben eine Schwäche des westeuropäischen Marktes, insbesondere in Spanien, Italien und Frankreich. Darunter leiden vor allem Hersteller – und deren Zulieferer –, die in Europa einen Großteil ihrer Autos absetzen und in den Wachstumsregionen USA oder China wenig oder gar nicht präsent sind. In Westeuropa wurden 2012 rund 11,8 Millionen Neuwagen zugelassen. Vor fünf Jahren war das Volumen um drei Millionen Einheiten höher. 2013 erwarten wir noch keine Besserung, der Pkw-Markt wird auf knapp 11,5 Millionen Einheiten zurückgehen. Doch mittelfristig ist durchaus mit einer Erholung auf 13 oder 14 Millionen Neuwagen zu rechnen. Da staut sich ein erheblicher Nachholbedarf an. Das verstehe ich nicht nur quantitativ. Erneuerung der Flotten heißt auch qualitatives Wachstum z. B. zur Verbrauchs- und Emissionsminderung.
- Seite 1: "Die Strategie muss sein: weg vom Öl"
- Seite 2: Der europäische Automarkt
- Seite 3: Autonation Deutschland
- Seite 4: Batterie als Übergang zur Brennstoffzelle
- Seite 5: Streit mit EU-Kommission
- Seite 6: Grenzwerte
























