Volkswagen-Abgas-Skandal: „Pötsch ist die schwächste Personalie bei VW“

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Hans Dieter Pötsch soll am Mittwoch als Vorsitzender des Aufsichtsrats gewählt werden.

von Sebastian Schaal

Am Mittwoch sollen die personellen Wechsel an der VW-Spitze mit der Wahl von Hans Dieter Pötsch zum neuen Chefkontrolleur vorerst abgeschlossen sein. Seine Wahl wird nicht nur von Aktionärsschützern kritisiert.

Der Medienmanagement-Professor Thomas Breyer-Mayländer von der Hochschule Offenburg sieht den neuen Volkswagen-Aufsichtsratsvorsitzenden Hans Dieter Pötsch als „die schwächste Personalie bei VW“. „Ich bin nicht davon überzeugt, dass im Aufsichtsrat mit Herrn Pötsch die endgültige Lösung gefunden ist“, sagte Breyer-Mayländer der WirtschaftsWoche. „Einem amerikanischen Gericht zu erklären, warum die Person, die die Öffentlichkeit und Aktionäre über Wochen nicht informiert hat, jetzt die Aufklärung kontrollieren soll, wird – freundlich formuliert – eine spannende Aufgabe.“

Der Aufsichtsrat hatte zuvor den bisherigen Finanzvorstand Pötsch per registergerichtlicher Bestellung in das Gremium berufen und wird ihn am morgigen Mittwoch bei einer Sondersitzung im Stammwerk Wolfsburg zum Vorsitzenden wählen. Auch Aktionärsschützer hatten gegen die Berufung Bedenken geäußert.

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Der VW-Abgas-Skandal im Überblick

  • 18. September

    Die US-Umweltbehörde EPA teilt in Washington mit, Volkswagen habe eine spezielle Software eingesetzt, um die Messung des Schadstoffausstoßes bei Abgastests zu manipulieren. In den Tagen darauf wird klar, dass weltweit Fahrzeuge von VW und der Töchter betroffen sind – darunter auch Audi und Porsche. Die VW-Aktie bricht ein.  

  • 23. September

    VW-Chef Martin Winterkorn tritt nach einer Krisensitzung der obersten Aufseher zurück. Die Staatsanwaltschaft Braunschweig prüft die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens gegen VW. Anlass dafür seien auch eingegangene Strafanzeigen von Bürgern, heißt es.

  • 24. September

    Der VW-Aufsichtsrat tagt. Nach langer Sitzung beruft das Gremium Porsche-Chef Matthias Müller zum neuen Konzernchef und trifft einige weitere Personal- und Strukturentscheidungen. Verantwortliche Motorenentwickler werden beurlaubt.

  • 28. September

    Nach mehreren Strafanzeigen startet die Braunschweiger Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren wegen Betrugsvorwürfen. Entgegen einer ersten Pressemitteilung der Staatsanwaltschaft Braunschweig gibt es keine Ermittlungen gegen Ex-Chef Martin Winterkorn persönlich.

  • 1. Oktober

    Das Aufsichtsrats-Präsidium beschließt, Hans Dieter Pötsch per registergerichtlichen Anordnung in den Aufsichtsrat zu berufen. Das ist möglich, weil mehr als 25 Prozent der Aktionäre Pötsch favorisiert haben. Die Familien Porsche und Piëch, die Pötsch gegen die Bedenken des Landes Niedersachsens und der Arbeitnehmer durchgesetzt haben, halten über die Porsche SE rund 52 Prozent der VW-Anteile. Julia Kuhn-Piëch, die erst dieses Jahr nach dem Rücktritt von Ferdinand und Ursula Piëch in das Kontrollgremium aufgerückt war, verlässt den Aufsichtsrat wieder.

  • 6. Oktober

    Es ist klar, dass die betroffenen VW-Fahrzeuge in die Werkstatt müssen, damit die Schummel-Software verschwindet. Bei einigen Motorenwerden die Techniker selbst Hand anlegen müssen. Eine Rückruf-Aktion, so wird es am nächsten Tag bekannt werden, soll 2016 starten. Die geschäftlichen und finanziellen Folgender Krise sind nicht absehbar. Die Kosten der Abgas-Affäre werden jedoch enorm sein. Der neue Chef muss sparen: "Deshalbstellen wir jetzt alle geplantenInvestitionen nochmal auf denPrüfstand", kündigt Müller an.

  • 15. Oktober

    Das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) ordnet einen verpflichtenden Rückruf aller VW-Dieselautos mit der Betrugssoftware an. In ganz Europa müssen 8,5 Millionen, in Deutschland 2,4 Millionen Wagen in die Werkstatt. VW hatte eine freiwillige Lösung angestrebt.

  • 28. Oktober

    Der Skandal beschert dem Konzern im dritten Quartal einen Milliardenverlust. Vor Zinsen und Steuern beläuft sich das Minus auf rund 3,5 Milliarden Euro.

  • 3. November

    Der Skandal erreicht eine neue Dimension. VW muss - nach weiteren Ermittlungen der US-Behörden - einräumen, dass es auch Unregelmäßigkeiten beim Kohlendioxid-Ausstoß (CO2) gibt. Rund 800.000 Fahrzeuge könnten betroffen sein. Die VW-Aktie geht erneut auf Talfahrt.

  • 20. November

    Der Diesel-Skandal in den USA weitet sich aus. Erneut. Es seien mehr Drei-Liter-Diesel der Marken Volkswagen und Audi betroffen, als bislang angenommen, erklärt die US-Umweltbehörde EPA. Die Autobauer bestreiten dies zunächst. Wenige Tage später, am 24. November, müssen sie allerdings  einräumen, ein sogenanntes „Defeat Device“ nicht offengelegt zu haben. Die Software gilt in den USA als illegal.

    Die Auswirkungen des Skandal zwingen VW zudem zum Sparen: VW fährt die Investitionen für das kommende Jahr runter. 2016 sollen die Sachinvestitionen um eine Milliarde Euro verringert werden. „Wir fahren in den kommenden Monaten auf Sicht“, sagt VW-Chef Müller. Weitere Ausgaben bleiben auf dem Prüfstand.

  • 24. November

    Neuer Ärger für Volkswagen: Die Staatsanwaltschaft Braunschweig ermittelt nun auch wegen mögliche Steuerhinterziehung im Zusammenhang mit falschen CO2-Angaben. Die könnten dazu geführt haben, dass zu wenig Kfz-Steuer gezahlt wurde.

  • 25. November

    Zumindest etwas Positives für die Wolfsburger: Zur Nachrüstung der millionenfach manipulierten Dieselmotoren mit 1,6 Litern Hubraum in Europa reicht nach Angaben von Volkswagen ein zusätzliches, wenige Euro teures Bauteil aus. Bei den 2,0-Liter-Motoren genügt ein Software-Update. Das Kraftfahrtbundesamt genehmigt die Maßnahmen. Auch wenn VW keine Angaben zu den Kosten macht – es hätte schlimmer kommen können.

Zusammen mit dem neuen Vorstandsvorsitzenden Matthias Müller muss Pötsch nun die Abgasaffäre aufklären. Nach dem Stühlerücken in Vorstand und Aufsichtsrat sieht Breyer-Mayländer keinen großen Bedarf nach weiteren personellen Wechseln. „Ein Kulturwandel braucht Zeit, aber auch eine intensive Begleitung“, so der Autor mehrerer Bücher über Unternehmensführung und -strategien. „Es gibt im höheren und mittleren Management sicher Mitarbeiter, die mit dem bestehenden System zufrieden sind und keinen Wandel herbeisehnen. Deshalb kann es vorkommen, dass sich der Konzern noch von dem einen oder anderen Manager trennen wird. Es gibt aber keine Notwendigkeit, mit der Kettensäge durch die Führungsetagen zu laufen.“

Nachfolge-Frage nicht gelöst, nur verschoben

Besonders dem Vorstandsvorsitzenden Müller rät er, nicht dem autokratischen Führungsstil seines Vorgängers Martin Winterkorn und des ehemaligen Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch zu folgen. „VW braucht mehr von dem Führungsstil mit Eigenverantwortung, wie er bei Porsche üblich ist und weniger von dem alten Wolfsburger Stil. Das verkörpert Herr Müller gut und glaubhaft“, sagte Breyer-Mayländer. „Einen 68-Jährigen durch einen 62-Jährigen abzulösen ist allerdings kein Generationswechsel, sondern ein Signal der Kontinuität. Deshalb muss VW immer noch schnell einen geeigneten Nachfolger aufbauen.“

+++VW-Abgas-Skandal+++ EU-Parlament geht mit VW hart ins Gericht

In der EU müssen nach Auffassung vieler Europa-Abgeordneter angesichts des Skandals bei Volkswagen so schnell wie möglich realistische Abgastests eingeführt werden. Die Meldungen im Überblick.

Matthias Müller, neuer Vorstandsvorsitzender der Volkswagen AG mit Bernd Osterloh, Betriebsratsvorsitzender und Aufsichtsratsmitglied bei Volkswagen Quelle: dpa

Die Krisenkommunikation der Wolfsburger hält Breyer-Mayländer für katastrophal. „Wenn man bedenkt, dass andere Hersteller bei Fehlern, die bis zu 120 Tote zur Folge hatten, mit nur geringen Imageproblemen aus Krisen hervorgegangen sind, wird deutlich, wie katastrophal das Krisenmanagement und die Krisenkommunikation bei VW gelaufen sind“, so der Professor. „Diese bemerkenswerte kommunikative Fehlleistung war sicherlich mit eine Folge der autokratischen Herrschaftsstrukturen.“

Breyer-Mayländer ist promovierter Medienökonom und lehrt seit 2001 Medienmanagement an der Hochschule Offenburg mit dem Schwerpunkt Krisenkommunikation und Führung.

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