Volkswagen in Genf: VW versucht den Befreiungsschlag

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Volkswagen in Genf: VW versucht den Befreiungsschlag

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VW-Vorstandsvorsitzende Matthias Müller beim Volkswagen-Konzernabend beim Autosalon Genf.

von Franz W. Rother

In Genf kündigt der vom Dieselskandal gebeutelte Automobilkonzern Volkswagen eine neue strategische Ausrichtung an - und stimmt die Aktionäre auf ein Sparprogramm ein.

Ein großer Billiardtisch, ein langer Bartresen, mehre Hocker und Sofagarnituren – aber kein einziges Auto. Vorstände mit dem Weinglas in der Hand, im lockeren Plausch, teilweise mit offenen Hemdkrägen – "smart casual" eben. Ganz lässig geben sie sich, die meisten sind es auch – selbst wenn Volkswagen in der schwersten Krise seiner Geschichte steckt.

Die "Abgas-Thematik", wie man die betrügerische Manipulation von Abgaswerten von rund elf Millionen Dieselfahrzeugen in Wolfsburg nennt, liegt wie eine dunkle Wolke über dem Konzern. In wenigen Tagen läuft die nächste Welle der Rückrufaktion an, am Donnerstag werden sich VW-Vertreter in Washington erneut mit Vertretern der Umweltbehörden treffen, um über technische Lösungen und Kompensationen zu verhandeln.

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Aber an diesem Abend soll der Skandal, nein, nicht vergessen werden, aber zumindest für ein paar Stunden in den Hintergrund treten: "Get Closer. New Perspectives" lautet das Motto des VW-Konzernabends auf dem Genfer Automobilsalon, auf dem der Automobilhersteller traditionell einen Ausblick gibt auf die wichtigsten Modellneuheiten.

Volkswagen Herantasten an die neue Bescheidenheit

Den ersten Automessen-Konzernabend seit dem Dieselskandal feiert Volkswagen in Genf. Die Botschaft ist unüberhörbar: „Dass früher alles sehr viel größer und toller war, stört uns überhaupt nicht!“

VW-Chef Matthias Müller (links) beim Genfer Volkswagen-Konzernabend zusammen mit Herbert Diess, Markenvorstand von Volkswagen. Quelle: dpa

In früheren Jahren wurde dafür eine Halle in der Genfer City mit Millionenaufwand in eine Art Circus Maximus für fast 2000 Besucher umgebaut und in dem dem Modellneuheiten Hollywood-reif inszeniert wurden, mit Videoshows und Live-Konzerten. Aus und vorbei.

Matthias Müller, der Winterkorn im September vergangenen Jahres als Konzernchef ablöste, hat eine neue Bescheidenheit ausgerufen. Nicht nur, weil er kräftig sparen muss, sondern, weil er eine neue Botschaft senden möchte: Die Aktion Größenwahn ist beendet, VW geht nun neue Wege: "Wir werden die Krise nutzen, um den Wandel zu beschleunigen und ein neues Fundament zu legen für einen neuen, besseren Volkswagen-Konzern."

2016, kündigte Müller an, werde Volkswagen nicht nur "das Problem mit den Dieselmotoren lösen", sondern auch Elektromobilität und Digitalisierung massiv vorantreiben. Bis 2020 werde man 20 neue Elektromobile auf den Markt bringen, mit Reichweiten von über 500 Kilometern und Ladezeiten von unter einer halben Stunde.

Zugleich werde man sich beim autonomen Fahren an die Spitze der Bewegung setzen – Johann Jungwirth, der neue Chief Digital Officer, soll den Konzern bis zum Jahr 2025 zum führenden Mobilitätsanbieter weiterentwickeln. JJ, der zuvor für Daimler und Apple im Silicon Valley arbeitete, geht die neue Aufgabe forsch an: Schon 2021, prophezeite er, werde das Auto in "Schönwetterstädten" wie San Francisco vollautonom fahren können und dadurch nicht nur jede Menge Zeit sparen, sondern auch jede Menge Menschenleben retten.

Rückrufaktionen und Strafzahlungen für den Abgasbetrug werden den Konzern etliche Milliarden kosten, der Aufbruch in die neue Ära der Elektromobilität mindestens genauso viel.

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Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch stimmte am Rande der Veranstaltung alle "Stakeholder" auf harte Zeiten ein. Nicht nur Vorstände, so ließ er durchblicken, werden in diesem Jahr Verzicht üben und auf ihre Boni verzichten müssen, auch Sonderzahlungen an die Belegschaft ("Die sollte man nicht überbewerten") sowie die Dividendenzahlungen an die Aktionäre stünden zur Disposition. Wenn die Verhandlungen in Washington erfolgreich laufen, könnte Mitte April Bilanz gezogen und Ende Mai die Aktionäre zur Hauptversammlung nach Hannover eingeladen werden. 2016, so Pötsch, werde ein schweres Jahr für alle Beteiligten. "Aber die Perspektiven sind gut."

Also: Zusammenrücken und sich auf die Zukunft freuen. Mal schauen, wie die Botschaft in Salzburg und Hannover ankommt

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