Volkswagen-Skandal: Erste Lösungen für VW-Motoren abgesegnet

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Volkswagen-Skandal: Erste Lösungen für VW-Motoren abgesegnet

, aktualisiert 25. November 2015, 15:07 Uhr
von Stephan Happel und Rebecca Eisert

Kleiner Fortschritt bei Volkswagen: Das Kraftfahrt-Bundesamt hat die Überarbeitungspläne für die ersten VW-Motoren abgesegnet. Aber es gibt noch genügend weitere Baustellen. Ein Überblick.

Wie kommt VW insgesamt mit der Aufarbeitung des Abgas-Skandals voran?

Der Konzern ist weiter im Krisenmodus. Schließlich muss er bei Millionen Schummel-Fahrzeugen weltweit die Software austauschen oder sogar umfangreiche Arbeiten am Motor vornehmen. Immerhin gibt es auch positive Signale: Das Umrüsten ist vielfach einfacher , als zunächst befürchtet. Bei den Motoren mit zwei Litern Hubraum reicht ein einfaches Software-Update. Bei den Autos mit dem 1,6 Liter großen TDI-Motor wird neben dem Software-Update noch ein neuer, etwa zehn Euro teurer Sensor im Luftfilter benötigt. Das hatte die WirtschaftsWoche bereits vorab berichtet. Am Mittwoch genehmigte das Kraftfahrt-Bundesamt die geplanten Verbesserungsmaßnahmen. Eine Lösung für die kleinen 1,2-Liter-Motoren soll bis zum Monatsende vorliegen. Man werde „mit jedem Kunden Kontakt aufnehmen“ und den betroffenen Autobesitzern während des ab Januar geplanten Rückrufs eine kostenlose „Ersatzmobilität“ anbieten, hieß es. Zudem verzichte VW bis Ende 2016 auf eine Verjährung von Gewährleistungsansprüchen.

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Was genau wird denn bei den 1,6-Liter-Motoren eingebaut?

Bei der Nachrüstung der 1,6-Liter Motoren soll nun vor dem Luftfilter ein so genanntes Luftgleitgitter am Ende eines Kunststoffrohrs angebracht werden. Dieses Bauteil stabilisiere die Luftströmung, erläuterte VW. Dadurch kann die Motorsteuerung den Kraftstoff besser dosieren.

Was ist sonst noch passiert?

Für den Volkswagen-Konzern kommt es im Abgas-Skandal aber weiter knüppeldick. Die Premiumtochter Audi musste zugeben, bereits seit 2009 eine Software in Fahrzeuge eingebaut zu haben, die nach US-Gesetz illegal ist. Und in Deutschland hat die Staatsanwaltschaft nun ein Ermittlungsverfahren wegen Steuerhinterziehung eröffnet.

Was hat es mit der Steuerhinterziehung auf sich?

Der CO2-Ausstoß ist wichtig für die Berechnung der Kfz-Steuer. Weil VW nicht nur die Stickoxidwerte manipuliert hat, sondern es auch bei den Kohlenstoffdioxid-Werten zu „Unregelmäßigkeiten“ gekommen ist, könnte dem Staat Geld durch die Lappen gegangen sein. „Es gibt derzeit fünf Beschuldigte, bei denen ein Anfangsverdacht auf Straftaten bejaht worden ist“, so die Staatsanwaltschaft Braunschweig. Sie stammten „aus dem Bereich des VW-Konzerns“.

Der VW-Abgas-Skandal im Überblick

  • 18. September

    Die US-Umweltbehörde EPA teilt in Washington mit, Volkswagen habe eine spezielle Software eingesetzt, um die Messung des Schadstoffausstoßes bei Abgastests zu manipulieren. In den Tagen darauf wird klar, dass weltweit Fahrzeuge von VW und der Töchter betroffen sind – darunter auch Audi und Porsche. Die VW-Aktie bricht ein.  

  • 23. September

    VW-Chef Martin Winterkorn tritt nach einer Krisensitzung der obersten Aufseher zurück. Die Staatsanwaltschaft Braunschweig prüft die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens gegen VW. Anlass dafür seien auch eingegangene Strafanzeigen von Bürgern, heißt es.

  • 24. September

    Der VW-Aufsichtsrat tagt. Nach langer Sitzung beruft das Gremium Porsche-Chef Matthias Müller zum neuen Konzernchef und trifft einige weitere Personal- und Strukturentscheidungen. Verantwortliche Motorenentwickler werden beurlaubt.

  • 28. September

    Nach mehreren Strafanzeigen startet die Braunschweiger Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren wegen Betrugsvorwürfen. Entgegen einer ersten Pressemitteilung der Staatsanwaltschaft Braunschweig gibt es keine Ermittlungen gegen Ex-Chef Martin Winterkorn persönlich.

  • 1. Oktober

    Das Aufsichtsrats-Präsidium beschließt, Hans Dieter Pötsch per registergerichtlichen Anordnung in den Aufsichtsrat zu berufen. Das ist möglich, weil mehr als 25 Prozent der Aktionäre Pötsch favorisiert haben. Die Familien Porsche und Piëch, die Pötsch gegen die Bedenken des Landes Niedersachsens und der Arbeitnehmer durchgesetzt haben, halten über die Porsche SE rund 52 Prozent der VW-Anteile. Julia Kuhn-Piëch, die erst dieses Jahr nach dem Rücktritt von Ferdinand und Ursula Piëch in das Kontrollgremium aufgerückt war, verlässt den Aufsichtsrat wieder.

  • 6. Oktober

    Es ist klar, dass die betroffenen VW-Fahrzeuge in die Werkstatt müssen, damit die Schummel-Software verschwindet. Bei einigen Motorenwerden die Techniker selbst Hand anlegen müssen. Eine Rückruf-Aktion, so wird es am nächsten Tag bekannt werden, soll 2016 starten. Die geschäftlichen und finanziellen Folgender Krise sind nicht absehbar. Die Kosten der Abgas-Affäre werden jedoch enorm sein. Der neue Chef muss sparen: "Deshalbstellen wir jetzt alle geplantenInvestitionen nochmal auf denPrüfstand", kündigt Müller an.

  • 15. Oktober

    Das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) ordnet einen verpflichtenden Rückruf aller VW-Dieselautos mit der Betrugssoftware an. In ganz Europa müssen 8,5 Millionen, in Deutschland 2,4 Millionen Wagen in die Werkstatt. VW hatte eine freiwillige Lösung angestrebt.

  • 28. Oktober

    Der Skandal beschert dem Konzern im dritten Quartal einen Milliardenverlust. Vor Zinsen und Steuern beläuft sich das Minus auf rund 3,5 Milliarden Euro.

  • 3. November

    Der Skandal erreicht eine neue Dimension. VW muss - nach weiteren Ermittlungen der US-Behörden - einräumen, dass es auch Unregelmäßigkeiten beim Kohlendioxid-Ausstoß (CO2) gibt. Rund 800.000 Fahrzeuge könnten betroffen sein. Die VW-Aktie geht erneut auf Talfahrt.

  • 20. November

    Der Diesel-Skandal in den USA weitet sich aus. Erneut. Es seien mehr Drei-Liter-Diesel der Marken Volkswagen und Audi betroffen, als bislang angenommen, erklärt die US-Umweltbehörde EPA. Die Autobauer bestreiten dies zunächst. Wenige Tage später, am 24. November, müssen sie allerdings  einräumen, ein sogenanntes „Defeat Device“ nicht offengelegt zu haben. Die Software gilt in den USA als illegal.

    Die Auswirkungen des Skandal zwingen VW zudem zum Sparen: VW fährt die Investitionen für das kommende Jahr runter. 2016 sollen die Sachinvestitionen um eine Milliarde Euro verringert werden. „Wir fahren in den kommenden Monaten auf Sicht“, sagt VW-Chef Müller. Weitere Ausgaben bleiben auf dem Prüfstand.

  • 24. November

    Neuer Ärger für Volkswagen: Die Staatsanwaltschaft Braunschweig ermittelt nun auch wegen mögliche Steuerhinterziehung im Zusammenhang mit falschen CO2-Angaben. Die könnten dazu geführt haben, dass zu wenig Kfz-Steuer gezahlt wurde.

  • 25. November

    Zumindest etwas Positives für die Wolfsburger: Zur Nachrüstung der millionenfach manipulierten Dieselmotoren mit 1,6 Litern Hubraum in Europa reicht nach Angaben von Volkswagen ein zusätzliches, wenige Euro teures Bauteil aus. Bei den 2,0-Liter-Motoren genügt ein Software-Update. Das Kraftfahrtbundesamt genehmigt die Maßnahmen. Auch wenn VW keine Angaben zu den Kosten macht – es hätte schlimmer kommen können.

Und warum sorgt die Audi-Meldung so für Wirbel?

Audi hat gestanden, dass die illegale Software bei V6 TDI 3,0-Liter-Motoren eingesetzt wird. Bislang hieß es stets, lediglich bei 2,0-Liter-Motoren sei getrickst worden. Alle anderen Vorwürfe der US-Behörden EPA und CARB stritt der Konzern in den Tagen zuvor ab. Jetzt wird zurückgerudert. Die Offenbarung im O-Ton: „Audi bestätigt, dass insgesamt drei AECD [- das sind Software-Programm, die mit dem Abgasreinigungs-System in Zusammenhang stehen - ] im Rahmen der US-Zulassungsdokumentation nicht offengelegt worden waren. […] Eines davon wird nach geltender US-Gesetzgebung als Defeat Device betrachtet.“ Audi bestreitet, vorsätzlich getäuscht zu haben.  Ein Sprecher sagte, es handele sich bei dem strittigen Programm nicht um eine Manipulations-Software: „Das Fahrzeug erkennt nicht, wenn es auf dem Prüfstand steht.“

Wie viele Fahrzeuge sind insgesamt betroffen?

85.000. Der von Audi entwickelte Motor wird ab dem Modelljahr 2009 in den Audi US-Modellen A6, A7, A8, Q5 und Q7 eingebaut. Volkswagen setzte ihn aber auch im Touareg und Porsche seit dem Modelljahr 2013 im Cayenne ein. Bei mehr als 480.000 VW- und Audi-Autos mit 2,0-Liter-Diesel hatte der Konzern Manipulationen bereits im September zugegeben.

Wie geht es weiter?

Für die US-Regulierer zählt, dass die Software in den USA illegal ist und der Hersteller sie über Jahre nicht vorschriftsgemäß angemeldet hat. Der Verkaufsstopp für die Fahrzeuge bleibt bestehen und VW drohen zusätzliche Strafen. Außerdem muss sich der Konzern darum kümmern, die illegale Software aus den Fahrzeugen zu bekommen. Auf Anfrage teilte Audi mit: "Herr Stadler ist in der vergangenen Woche in die USA gereist und hat die Delegation, die mit den Behörden gesprochen hat, angeführt. Er persönlich kümmert sich mit Nachdruck um die Aufklärung."

Die Abgas-Tests in Deutschland und Europa

  • Die Vorgaben in Deutschland

    Neue Modelle werden in Deutschland und der EU nach dem Modifizierten Neuen Fahrzyklus (MNEFZ) getestet. Die Tests laufen unter Laborbedingungen, das heißt auf einem Prüfstand mit Rollen. Dies soll die Ergebnisse vergleichbar machen. Der Test dauert etwa 20 Minuten und simuliert verschiedene Fahrsituationen wie Kaltstart, Beschleunigung oder Autobahn-Geschwindigkeiten.

  • Wer testet?

    Getestet wird von Organisationen wie dem TÜV oder der DEKRA unter Beteiligung des Kraftfahrt-Bundesamtes (KBA). Dieses untersteht wiederum dem Verkehrsministerium.

  • Kritik an Prüfung

    Die Prüfungen der neuen Modelle werden von ADAC und Umweltverbänden seit längerem als unrealistisch kritisiert. So kann etwa die Batterie beim Test entladen werden und muss nicht - mit entsprechendem Sprit-Verbrauch - wieder auf alten Stand gebracht werden. Der Reifendruck kann erhöht und die Spureinstellungen der Räder verändert werden. Vermutet wird, dass etwa der Spritverbrauch im Alltag so häufig um rund ein Fünftel höher ist als im Test.

  • Weitere Prüfungen

    Neben den Tests für neue Modelle gibt es laut ADAC zwei weitere Prüfvorgänge, die allerdings weitgehend in der Hand der Unternehmen selbst sind. So werde nach einigen Jahren der Test bei den Modellen wiederholt, um zu sehen, ob die Fahrzeuge noch so montiert werden, dass sie den bisherigen Angaben entsprechen, sagte ADAC-Experte Axel Knöfel. Zudem machten die Unternehmen auch Prüfungen von Gebrauchtwagen, sogenannte In-Use-Compliance. Die Tests liefen wieder unter den genannten Laborbedingungen. Die Ergebnisse würdem dann dem KBA mitgeteilt. Zur Kontrolle hatte dies der ADAC bei Autos bis 2012 auch selbst noch im Auftrag des Umweltbundesamtes gemacht, bis das Projekt eingestellt wurde. In Europa würden lediglich in Schweden von staatlicher Seite noch Gebrauchtwagen geprüft, sagte Knöfel.

  • Geplante neue Prüfmethode

    Die EU hat auf die Kritik am bisherigen Verfahren reagiert und will ab 2017 ein neues, realistischeres Prüfszenario etablieren. Damit sollen auch wirklicher Verbrauch und Schadstoffausstoß gemessen werden ("Real Driving Emissions" - RDE). Strittig ist, inwiefern dafür die bisherigen Abgas-Höchstwerte angehoben werden, die sich noch auf den Rollen-Prüfstand beziehen.

Wer hat den Motor mit der beanstandeten Software zu verantworten?

Dazu hat sich Audi noch nicht geäußert. "Wir dulden keine ungesetzlichen Handlungen in unserem Hause. Die Umstände und die Verantwortlichen dazu werden gerade durch interne und externe Ermittler identifiziert", teilte Audi auf Anfrage mit.

Der Motor, der ab 2009 verbaut wurde, müsste rein rechnerisch ab Mitte der 2000er Jahre entwickelt worden sein. Damit fiele die Entwicklung in die Amtszeit von Ulrich Hackenberg, der bis Ende 2006 die Sparte Konzeptentwicklung, Entwicklung Aufbau, Elektrik/Elektronik leitete und seinem Nachfolger Michael Dick, der im Januar 2007 den Geschäftsbereich Technische Entwicklung bei Audi übernahm. Zuvor  Dick Spartenleiter des Bereichs Entwicklung Gesamtfahrzeug/Fahrwerk, Vorseriencenter und Projektsteuerung. Dick ist mittlerweile pensioniert, Hackenberg seit September beurlaubt.

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