VW-Abgas-Skandal: Die fünf Baustellen des Volkswagen-Konzerns

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VW-Abgas-Skandal: Die fünf Baustellen des Volkswagen-Konzerns

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Nach VW-Skandal: Automobilkonzern im Umbau.

von Sebastian Schaal

Am Mittwoch trifft sich erneut der Aufsichtsrat von Volkswagen. Neben der Aufklärung des Abgasskandals müssen die Kontrolleure die Weichen für die Zeit nach Dieselgate stellen. Ein Überblick der Baustellen in Wolfsburg.

Dabei fing 2015 für Matthias Müller doch so gut an. Für das Vorjahr konnte der Porsche-Chef Absatzrekorde verbuchen. Nicht nur das neue SUV Macan verkaufte sich blendend. Statt sich aktiv an den Machtkämpfen zwischen Martin Winterkorn und Ferdinand Piëch in Wolfsburg zu beteiligen, fuhr Müller in Zuffenhausen Milliardengewinne ein.

Doch von den Zeiten, als der 62-Jährige mit Porsche von Erfolg zu Erfolg eilte, ist wenig geblieben. Müller ist seit dem 23. September Chef in Wolfsburg – und verantwortlich für die Aufräumarbeiten nach dem Abgas-Skandal. In den vergangenen zweieinhalb Monaten musste er häufiger um Entschuldigung bitten, beschwichtigen, Vertrauen aufbauen und nicht zuletzt aufklären als in seiner gesamten Laufbahn zuvor.

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VW-Abgas-Skandal Welchen Einfluss Katar bei Volkswagen hat

Am Wochenende musste VW-Chef Müller beim katarischen Staatsfonds zum Rapport antreten – offiziell war es sein Antrittsbesuch. Was wollen die Scheichs bei den Wolfsburgern? Und welchen Einfluss haben sie? Eine Analyse.

VW-Chef Matthias Müller: Antrittsbesuch in Katar. Quelle: AP

Auch in den kommenden Tagen muss Müller gleich zwei Mal für die Konzernverfehlungen der Vergangenheit Rede und Antwort stehen. Nach der Aufsichtsratssitzung am Mittwoch wird er am Donnerstag zusammen mit Chefkontrolleur Hans Dieter Pötsch die Weltöffentlichkeit über den aktuellen Stand der Aufklärung der „Diesel-Thematik“ und die Neuausrichtung des Konzerns informieren. Eigentlich war die Restrukturierung bereits im September vollzogen, doch jetzt ist sie wieder auf der Agenda.

Die Diesel-Probleme lasten nicht nur weiter schwer auf Deutschlands größtem Autobauer, es kommen auch neue Unwägbarkeiten hinzu. Eine Übersicht.

Der Rückruf

Im Januar soll der Rückruf der in Deutschland betroffenen 2.460.876 Autos beginnen. Die Details für die Umrüstung der 482.000 Autos in den USA, die den Skandal einst ausgelöst haben, werden dem Vernehmen nach gerade noch mit den US-Behörden abgestimmt.

Während bei den hierzulande betroffenen Fahrzeugen mit 1,2- und 2,0-Liter-Motor nach VW-Angaben ein Softwareupdate ausreicht, muss bei den 1,6-Liter-Varianten des EA189 auch ein zusätzliches Teil eingebaut werden. Während anfangs über neue Injektoren oder tiefgreifendere Änderungen am Motor selbst spekuliert wurde, soll es jetzt ein sogenanntes Luftgleitgitter richten.

Was bei der Rückruf-Aktion auf VW-Besitzer zukommen könnte

  • Wann beginnt die Rückrufaktion?

    Das Kraftfahrtbundesamt hat angeordnet 2,4 Millionen VW-Diesel-Fahrzeuge in die Werkstätten zurückzurufen. Laut Plan sollen im Januar 2016 die ersten Autos in die Werkstätten. Bis zum Ende des kommenden Jahres könnten dann alle betroffenen Autos überholt sein. In einem Interview in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ hatte VW-Chef Matthias Müller aber zuvor auch nicht ausgeschlossen, manche Autos komplett auszutauschen, anstatt sie umzurüsten: „Das muss man im Einzelfall prüfen.“

  • Was will VW an den Motoren ändern?

    Es geht bei den Nachbesserungen nicht nur um die Manipulations-Software. Für die meisten Motoren genüge es zwar, wenn ein neues Programm aufgespielt werde, sagte Müller. Manche Autos könnten aber auch neue Einspritzdüsen und Katalysatoren bekommen. Die Umrüstung ist auch deshalb kompliziert, weil der betroffene Motortyp EA 189 in zahlreichen Kombinationen und Ländervarianten verbaut ist. Motorenexperte Prof. Jörn Getzlaff von der Hochschule Zwickau hält es aber für möglich, dass Volkswagen keine komplett neue Technik entwickeln muss: „Es kann durchaus sein, dass VW auf eine Lösung zurückgreift, die der Konzern schon heute in seine neue Motorengeneration einbaut.“ Diese neuen Aggregate erfüllen die strengeren Umweltauflagen der Euro-6-Norm.

  • Werden die Autos sauberer, aber dafür langsamer?

    Das ist möglich. Durch die Umrüstung könnten sich die Leistung und der Spritverbrauch ändern, sagt Getzlaff. Es müsse aber nicht unbedingt so sein, dass das Auto dann langsamer wird und mehr verbraucht. VW-Chef Müller sagte, es sei wichtiger, „das CO2-Ziel zu halten und dafür vielleicht auf 3 bis 5 km/h Höchstgeschwindigkeit zu verzichten“.

  • Muss VW trotz Umrüstung Schadenersatz an Autobesitzer zahlen?

    Autokäufer müssten sich vermutlich zunächst mit dem Verkäufer des Autos streiten - in den meisten Fällen also mit dem Händler, nicht mit dem VW-Konzern, erklärt Thomas Rüfner, Rechtsprofessor an der Universität Trier. Es sei möglich, dass der Händler Autos zurücknehmen müsse. Dafür müssten aber einige Voraussetzungen erfüllt sein: erhebliche Mängel, also dass das Auto nach der Umrüstung zum Beispiel deutlich langsamer fährt oder viel mehr Sprit verbraucht. Der Kauf darf auch nicht länger als zwei Jahre zurückliegen. „Der Autokäufer würde vermutlich den kompletten Kaufpreis zurückbekommen, müsste aber wohl nachträglich für die Nutzung des Autos zahlen“, sagt Rüfner. Wenn sich die Fahreigenschaften des Autos nur in geringem Maße ändern, könne aber der Kaufpreis gemindert werden.

  • Können auch Besitzer älterer VW-Dieselautos Geld zurückbekommen?

    Eine VW-Kundin, die ihr Auto im Jahr 2010 gekauft hat, versucht das bereits. Sie hat eine Klage direkt gegen den VW-Konzern eingereicht, unter anderem wegen vorsätzlicher sittenwidriger Schädigung. Die Frau sehe sich in ihrer Erwartung enttäuscht, ökologisch unterwegs zu sein, teilte ihr Anwalt mit. Ein VW-Sprecher wollte sich zu der Klage zunächst nicht äußern, der Vorgang sei ihm nicht bekannt.

  • Bekommen die Kunden einen Leihwagen, während ihr Auto überholt wird?

    Dazu hat sich VW bislang nicht geäußert. Autohersteller sind dazu jedenfalls nicht gesetzlich verpflichtet, sagt Gabriele Emmrich von der Verbraucherzentrale Sachsen-Anhalt. Andere Autohersteller wie Toyota hatten einen solchen Service bei Rückrufen in der Vergangenheit schon angeboten, allerdings ging es da um weniger Autos als bei Volkswagen. Emmrich zufolge stellen Händler und Hersteller nur in Ausnahmefällen ein Leihauto zur Verfügung.

Dieses Teil wird in der Ansauganlage eingebaut und soll dort den Luftstrom beruhigen, damit der Motor die Luftmenge genauer messen und so die perfekte Menge Kraftstoff einspritzen kann. Dass ein Milliarden teurer Skandal mit ein paar Zeilen Programmcode und einem Zehn-Euro-Bauteil behoben werden kann, mag skeptisch stimmen – zumal diese Lösung innerhalb von zwei Monaten in wirren Zeiten erarbeitet wurde.

Doch selbst wenn es stimmt und Volkswagen vor zehn Jahren noch nicht diese Erkenntnisse und Simulationsmöglichkeiten vorlagen, ist offenbar noch fraglich, ob der Rückruf wirklich im Januar starten kann. Die „Maßnahme“ an den 1,6-Liter-Motoren hat Müller ohnehin erst für den Herbst 2016 angekündigt, aber auch bei den anderen Modellen läuft offenbar nicht alles rund.

Der VW-Abgas-Skandal im Überblick

  • 18. September

    Die US-Umweltbehörde EPA teilt in Washington mit, Volkswagen habe eine spezielle Software eingesetzt, um die Messung des Schadstoffausstoßes bei Abgastests zu manipulieren. In den Tagen darauf wird klar, dass weltweit Fahrzeuge von VW und der Töchter betroffen sind – darunter auch Audi und Porsche. Die VW-Aktie bricht ein.  

  • 23. September

    VW-Chef Martin Winterkorn tritt nach einer Krisensitzung der obersten Aufseher zurück. Die Staatsanwaltschaft Braunschweig prüft die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens gegen VW. Anlass dafür seien auch eingegangene Strafanzeigen von Bürgern, heißt es.

  • 24. September

    Der VW-Aufsichtsrat tagt. Nach langer Sitzung beruft das Gremium Porsche-Chef Matthias Müller zum neuen Konzernchef und trifft einige weitere Personal- und Strukturentscheidungen. Verantwortliche Motorenentwickler werden beurlaubt.

  • 28. September

    Nach mehreren Strafanzeigen startet die Braunschweiger Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren wegen Betrugsvorwürfen. Entgegen einer ersten Pressemitteilung der Staatsanwaltschaft Braunschweig gibt es keine Ermittlungen gegen Ex-Chef Martin Winterkorn persönlich.

  • 1. Oktober

    Das Aufsichtsrats-Präsidium beschließt, Hans Dieter Pötsch per registergerichtlichen Anordnung in den Aufsichtsrat zu berufen. Das ist möglich, weil mehr als 25 Prozent der Aktionäre Pötsch favorisiert haben. Die Familien Porsche und Piëch, die Pötsch gegen die Bedenken des Landes Niedersachsens und der Arbeitnehmer durchgesetzt haben, halten über die Porsche SE rund 52 Prozent der VW-Anteile. Julia Kuhn-Piëch, die erst dieses Jahr nach dem Rücktritt von Ferdinand und Ursula Piëch in das Kontrollgremium aufgerückt war, verlässt den Aufsichtsrat wieder.

  • 6. Oktober

    Es ist klar, dass die betroffenen VW-Fahrzeuge in die Werkstatt müssen, damit die Schummel-Software verschwindet. Bei einigen Motorenwerden die Techniker selbst Hand anlegen müssen. Eine Rückruf-Aktion, so wird es am nächsten Tag bekannt werden, soll 2016 starten. Die geschäftlichen und finanziellen Folgender Krise sind nicht absehbar. Die Kosten der Abgas-Affäre werden jedoch enorm sein. Der neue Chef muss sparen: "Deshalbstellen wir jetzt alle geplantenInvestitionen nochmal auf denPrüfstand", kündigt Müller an.

  • 15. Oktober

    Das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) ordnet einen verpflichtenden Rückruf aller VW-Dieselautos mit der Betrugssoftware an. In ganz Europa müssen 8,5 Millionen, in Deutschland 2,4 Millionen Wagen in die Werkstatt. VW hatte eine freiwillige Lösung angestrebt.

  • 28. Oktober

    Der Skandal beschert dem Konzern im dritten Quartal einen Milliardenverlust. Vor Zinsen und Steuern beläuft sich das Minus auf rund 3,5 Milliarden Euro.

  • 3. November

    Der Skandal erreicht eine neue Dimension. VW muss - nach weiteren Ermittlungen der US-Behörden - einräumen, dass es auch Unregelmäßigkeiten beim Kohlendioxid-Ausstoß (CO2) gibt. Rund 800.000 Fahrzeuge könnten betroffen sein. Die VW-Aktie geht erneut auf Talfahrt.

  • 20. November

    Der Diesel-Skandal in den USA weitet sich aus. Erneut. Es seien mehr Drei-Liter-Diesel der Marken Volkswagen und Audi betroffen, als bislang angenommen, erklärt die US-Umweltbehörde EPA. Die Autobauer bestreiten dies zunächst. Wenige Tage später, am 24. November, müssen sie allerdings  einräumen, ein sogenanntes „Defeat Device“ nicht offengelegt zu haben. Die Software gilt in den USA als illegal.

    Die Auswirkungen des Skandal zwingen VW zudem zum Sparen: VW fährt die Investitionen für das kommende Jahr runter. 2016 sollen die Sachinvestitionen um eine Milliarde Euro verringert werden. „Wir fahren in den kommenden Monaten auf Sicht“, sagt VW-Chef Müller. Weitere Ausgaben bleiben auf dem Prüfstand.

  • 24. November

    Neuer Ärger für Volkswagen: Die Staatsanwaltschaft Braunschweig ermittelt nun auch wegen mögliche Steuerhinterziehung im Zusammenhang mit falschen CO2-Angaben. Die könnten dazu geführt haben, dass zu wenig Kfz-Steuer gezahlt wurde.

  • 25. November

    Zumindest etwas Positives für die Wolfsburger: Zur Nachrüstung der millionenfach manipulierten Dieselmotoren mit 1,6 Litern Hubraum in Europa reicht nach Angaben von Volkswagen ein zusätzliches, wenige Euro teures Bauteil aus. Bei den 2,0-Liter-Motoren genügt ein Software-Update. Das Kraftfahrtbundesamt genehmigt die Maßnahmen. Auch wenn VW keine Angaben zu den Kosten macht – es hätte schlimmer kommen können.

Wie WirtschaftsWoche Online aus Händler-Kreisen erfuhr, liegen den Betrieben, die den Rückruf durchführen sollen, immer noch nicht alle Informationen zu dem Rückruf vor. Nicht nur technische Details, sondern auch organisatorische – zum Beispiel ob die Kosten für einen Mietwagen übernommen werden oder nicht.

Offiziell wollen sich der Händlerverband und einige große Volkswagen-Händler auf Anfrage jedoch nicht äußern. Gegenüber der „Oberbergischen Zeitung“ bestätigte jedoch ein kleinerer VW-Händler, wegen der fehlenden Informationen könne der Rückruf wohl erst im März beginnen.

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