VW-Abgas-Skandal: Volkswagen informiert Kunden mit Halbwahrheiten

exklusivVW-Abgas-Skandal: Volkswagen informiert Kunden mit Halbwahrheiten

von Martin Seiwert, Annina Reimann und Franz W. Rother

In einem internen Dokument gibt Volkswagen den VW-Händlern vor, wie sie auf Fragen der Kunden zum Skandal reagieren sollen. In der Sprachregelung sind die Händler angehalten, Halbwahrheiten zu verbreiten.

Zwei Wochen nach Bekanntwerden des VW-Skandals um erhöhte Emissionen von Dieselmotoren, hält Volkswagen seine Händler an, Halbwahrheiten zu verbreiten. In einer Sprachregelung vom 2. Oktober gibt der Konzern den VW-Händlern vor, wie sie auf Fragen der Kunden zum Skandal reagieren sollen: Das interne Dokument zur „Servicemaßnahme 23Q2“ liegt der WirtschaftsWoche vor. Die dort formulierte Antwort auf die Frage, welche Fehler die betroffenen Fahrzeuge aufweisen, lautet: „Das Fahrzeug weist keinen Fehler auf“. Es würden lediglich „die EU5-Zulassungswerte der Stickoxide nicht eingehalten“.

Dass die betroffenen Fahrzeuge die gesetzlich vorgeschriebenen Emissionsgrenzen nicht einhalten können, ist nach Ansicht von Monika Jungbluth, Mobilitätsexpertin beim Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV) in Berlin, „nicht nur ein Fehler, sondern ein klarer Mangel“.

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Der VW-Abgas-Skandal im Überblick

  • 18. September

    Die US-Umweltbehörde EPA teilt in Washington mit, Volkswagen habe eine spezielle Software eingesetzt, um die Messung des Schadstoffausstoßes bei Abgastests zu manipulieren. In den Tagen darauf wird klar, dass weltweit Fahrzeuge von VW und der Töchter betroffen sind – darunter auch Audi und Porsche. Die VW-Aktie bricht ein.  

  • 23. September

    VW-Chef Martin Winterkorn tritt nach einer Krisensitzung der obersten Aufseher zurück. Die Staatsanwaltschaft Braunschweig prüft die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens gegen VW. Anlass dafür seien auch eingegangene Strafanzeigen von Bürgern, heißt es.

  • 24. September

    Der VW-Aufsichtsrat tagt. Nach langer Sitzung beruft das Gremium Porsche-Chef Matthias Müller zum neuen Konzernchef und trifft einige weitere Personal- und Strukturentscheidungen. Verantwortliche Motorenentwickler werden beurlaubt.

  • 28. September

    Nach mehreren Strafanzeigen startet die Braunschweiger Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren wegen Betrugsvorwürfen. Entgegen einer ersten Pressemitteilung der Staatsanwaltschaft Braunschweig gibt es keine Ermittlungen gegen Ex-Chef Martin Winterkorn persönlich.

  • 1. Oktober

    Das Aufsichtsrats-Präsidium beschließt, Hans Dieter Pötsch per registergerichtlichen Anordnung in den Aufsichtsrat zu berufen. Das ist möglich, weil mehr als 25 Prozent der Aktionäre Pötsch favorisiert haben. Die Familien Porsche und Piëch, die Pötsch gegen die Bedenken des Landes Niedersachsens und der Arbeitnehmer durchgesetzt haben, halten über die Porsche SE rund 52 Prozent der VW-Anteile. Julia Kuhn-Piëch, die erst dieses Jahr nach dem Rücktritt von Ferdinand und Ursula Piëch in das Kontrollgremium aufgerückt war, verlässt den Aufsichtsrat wieder.

  • 6. Oktober

    Es ist klar, dass die betroffenen VW-Fahrzeuge in die Werkstatt müssen, damit die Schummel-Software verschwindet. Bei einigen Motorenwerden die Techniker selbst Hand anlegen müssen. Eine Rückruf-Aktion, so wird es am nächsten Tag bekannt werden, soll 2016 starten. Die geschäftlichen und finanziellen Folgender Krise sind nicht absehbar. Die Kosten der Abgas-Affäre werden jedoch enorm sein. Der neue Chef muss sparen: "Deshalbstellen wir jetzt alle geplantenInvestitionen nochmal auf denPrüfstand", kündigt Müller an.

  • 15. Oktober

    Das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) ordnet einen verpflichtenden Rückruf aller VW-Dieselautos mit der Betrugssoftware an. In ganz Europa müssen 8,5 Millionen, in Deutschland 2,4 Millionen Wagen in die Werkstatt. VW hatte eine freiwillige Lösung angestrebt.

  • 28. Oktober

    Der Skandal beschert dem Konzern im dritten Quartal einen Milliardenverlust. Vor Zinsen und Steuern beläuft sich das Minus auf rund 3,5 Milliarden Euro.

  • 3. November

    Der Skandal erreicht eine neue Dimension. VW muss - nach weiteren Ermittlungen der US-Behörden - einräumen, dass es auch Unregelmäßigkeiten beim Kohlendioxid-Ausstoß (CO2) gibt. Rund 800.000 Fahrzeuge könnten betroffen sein. Die VW-Aktie geht erneut auf Talfahrt.

  • 20. November

    Der Diesel-Skandal in den USA weitet sich aus. Erneut. Es seien mehr Drei-Liter-Diesel der Marken Volkswagen und Audi betroffen, als bislang angenommen, erklärt die US-Umweltbehörde EPA. Die Autobauer bestreiten dies zunächst. Wenige Tage später, am 24. November, müssen sie allerdings  einräumen, ein sogenanntes „Defeat Device“ nicht offengelegt zu haben. Die Software gilt in den USA als illegal.

    Die Auswirkungen des Skandal zwingen VW zudem zum Sparen: VW fährt die Investitionen für das kommende Jahr runter. 2016 sollen die Sachinvestitionen um eine Milliarde Euro verringert werden. „Wir fahren in den kommenden Monaten auf Sicht“, sagt VW-Chef Müller. Weitere Ausgaben bleiben auf dem Prüfstand.

  • 24. November

    Neuer Ärger für Volkswagen: Die Staatsanwaltschaft Braunschweig ermittelt nun auch wegen mögliche Steuerhinterziehung im Zusammenhang mit falschen CO2-Angaben. Die könnten dazu geführt haben, dass zu wenig Kfz-Steuer gezahlt wurde.

  • 25. November

    Zumindest etwas Positives für die Wolfsburger: Zur Nachrüstung der millionenfach manipulierten Dieselmotoren mit 1,6 Litern Hubraum in Europa reicht nach Angaben von Volkswagen ein zusätzliches, wenige Euro teures Bauteil aus. Bei den 2,0-Liter-Motoren genügt ein Software-Update. Das Kraftfahrtbundesamt genehmigt die Maßnahmen. Auch wenn VW keine Angaben zu den Kosten macht – es hätte schlimmer kommen können.

Auf die Frage, ob die Autos nach der Reparatur im Rahmen eines Rückrufs andere Fahreigenschaften haben oder mehr Sprit verbrauchen, sollen die VW-Händler ausweichend antworten: „Unser Ziel ist es, diesbezüglich keine Fahrverhaltensänderungen hervorzurufen.“

Tatsächlich könnten, wie aus Wolfsburg verlautet, Dieselautos mit 1,2 und 1,6 Liter Hubraum nach der Servicemaßnahme mehr Sprit verbrauchen oder geringere Agilität zeigen. Fragen nach Entschädigungsansprüchen oder einer Rückgabemöglichkeit sind in Europa bislang nicht geplant. Denn, so die Sprachregelung: „Auch nach der Fahrzeugumrüstung entspricht das Fahrzeug uneingeschränkt den Anforderungen.“

 

Weitere Artikel

Derweil werden im Kreis der VW- und Audi-Händler erste Forderungen nach finanziellen Kompensationen laut. Im Gespräch mit der WirtschaftsWoche verwies der Inhaber einer großen Handelskette im Rheinland auf die zu erwartenden Mehrbelastungen für seine Werkstätten durch den Rückruf von 60 000 Kundenfahrzeugen.

Zudem müsse VW für den zu erwartenden Wertverlust des Gebrauchtwagenbestandes geradestehen. Einen offiziellen Forderungskatalog des VW- und Händlerverbandes gibt es bislang nicht: Verbandssprecher Dirk Weddingen von Knapp will erst die Angebote des Konzerns abwarten.

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