VW-Abgas-Skandal: Wie Müller Volkswagen aus der Krise führen kann

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VW-Abgas-Skandal: Wie Müller Volkswagen aus der Krise führen kann

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Neuer VW-Chef Matthias Müller: Mit neuem Führungsstil aus der Krise.

von Sebastian Schaal

Mit Dieselgate hat VW Vertrauen bei Kunden, Aktionären und Mitarbeitern verspielt. Die neue Führungsspitze muss den Neuanfang schaffen – und dafür mit dem alten System Volkswagen brechen.

Wie vier Wochen die Welt verändern können: Anfang September teilte Volkswagen stolz mit, dass der Vertrag von Vorstandsboss Martin Winterkorn bis Ende 2018 verlängert werden soll. Hans Dieter Pötsch, zu diesem Zeitpunkt Finanzvorstand unter Winterkorn, sollte als neuer Aufsichtsratschef die Übergangslösung Berthold Huber ersetzen und fortan seinen bisherigen Chef kontrollieren.

Alles in Ordnung in Wolfsburg. Nach dem öffentlich geführten Machtkampf gegen den Konzernpatriarchen Ferdinand Piëch sollte wieder Ruhe einkehren.

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Cover WiWo 41 Quelle: Torsten Wolber, Dmitri Broido; Foto: Getty Images

Doch dazu kam es nicht. Die am 18. September bekannt gewordene Abgas-Affäre fegte nicht nur Winterkorn aus Amt und Würden, sie stürzte Volkswagen in die schwerste Krise der rund 80-jährigen Unternehmensgeschichte. Das von Winterkorn jahrelang angestrebte und fast schon erreichte Ziel, Toyota als größten Autobauer der Welt abzulösen, war von heute auf morgen vergessen. Stattdessen befand sich VW auf einmal in einer „existenzbedrohenden Krise“, wie es Pötsch ausdrückte.

Müller stellt alles auf den Prüfstand

Der millionenfache Einbau einer Betrugs-Software weltweit kostete nicht nur einen der erfolgreichsten und bestbezahlten Dax-Manager und einige Untergebene den Job. In der Aufarbeitung der Krise muss der neue Vorstandschef Matthias Müller das ganze System Volkswagen in Frage stellen. Sämtliche Unternehmensziele, die etablierten Hierarchien, die festgelegten Entscheidungswege, der jahrelang gelebte Führungsstil – alles kommt auf den Prüfstand, um einen erneuten Skandal von den Ausmaßen des Dieselgates zu verhindern.

Dabei wird Müller von einem Manager kontrolliert, der über Jahre selbst ein entscheidender Teil des alten Volkswagen-Systems war: Der ehemalige Finanzchef Hans Dieter Pötsch soll der neue Vorsitzende des Aufsichtsrats werden. Trotz aller Bedenken der Arbeitnehmer und des Landes Niedersachsens setzten die Familien Porsche und Piëch Pötsch bei der Präsidiumssitzung in der vergangenen Woche ohne jegliches „Cooling Off“ als neuen Chefaufseher durch. Inzwischen hat auch das Amtsgericht Braunschweig auf Antrag des VW-Präsidiums Pötsch zum Mitglied des Kontrollgremiums ernannt. Ein Bote von VW soll den Beschluss des Gerichtes noch am Vormittag nach Wolfsburg bringen. Dort kann der 20-köpfige Aufsichtsrat Pötsch dann zu seinem neuen Vorsitzenden wählen.

Der VW-Abgas-Skandal im Überblick

  • 18. September

    Die US-Umweltbehörde EPA teilt in Washington mit, Volkswagen habe eine spezielle Software eingesetzt, um die Messung des Schadstoffausstoßes bei Abgastests zu manipulieren. In den Tagen darauf wird klar, dass weltweit Fahrzeuge von VW und der Töchter betroffen sind – darunter auch Audi und Porsche. Die VW-Aktie bricht ein.  

  • 23. September

    VW-Chef Martin Winterkorn tritt nach einer Krisensitzung der obersten Aufseher zurück. Die Staatsanwaltschaft Braunschweig prüft die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens gegen VW. Anlass dafür seien auch eingegangene Strafanzeigen von Bürgern, heißt es.

  • 24. September

    Der VW-Aufsichtsrat tagt. Nach langer Sitzung beruft das Gremium Porsche-Chef Matthias Müller zum neuen Konzernchef und trifft einige weitere Personal- und Strukturentscheidungen. Verantwortliche Motorenentwickler werden beurlaubt.

  • 28. September

    Nach mehreren Strafanzeigen startet die Braunschweiger Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren wegen Betrugsvorwürfen. Entgegen einer ersten Pressemitteilung der Staatsanwaltschaft Braunschweig gibt es keine Ermittlungen gegen Ex-Chef Martin Winterkorn persönlich.

  • 1. Oktober

    Das Aufsichtsrats-Präsidium beschließt, Hans Dieter Pötsch per registergerichtlichen Anordnung in den Aufsichtsrat zu berufen. Das ist möglich, weil mehr als 25 Prozent der Aktionäre Pötsch favorisiert haben. Die Familien Porsche und Piëch, die Pötsch gegen die Bedenken des Landes Niedersachsens und der Arbeitnehmer durchgesetzt haben, halten über die Porsche SE rund 52 Prozent der VW-Anteile. Julia Kuhn-Piëch, die erst dieses Jahr nach dem Rücktritt von Ferdinand und Ursula Piëch in das Kontrollgremium aufgerückt war, verlässt den Aufsichtsrat wieder.

  • 6. Oktober

    Es ist klar, dass die betroffenen VW-Fahrzeuge in die Werkstatt müssen, damit die Schummel-Software verschwindet. Bei einigen Motorenwerden die Techniker selbst Hand anlegen müssen. Eine Rückruf-Aktion, so wird es am nächsten Tag bekannt werden, soll 2016 starten. Die geschäftlichen und finanziellen Folgender Krise sind nicht absehbar. Die Kosten der Abgas-Affäre werden jedoch enorm sein. Der neue Chef muss sparen: "Deshalbstellen wir jetzt alle geplantenInvestitionen nochmal auf denPrüfstand", kündigt Müller an.

  • 15. Oktober

    Das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) ordnet einen verpflichtenden Rückruf aller VW-Dieselautos mit der Betrugssoftware an. In ganz Europa müssen 8,5 Millionen, in Deutschland 2,4 Millionen Wagen in die Werkstatt. VW hatte eine freiwillige Lösung angestrebt.

  • 28. Oktober

    Der Skandal beschert dem Konzern im dritten Quartal einen Milliardenverlust. Vor Zinsen und Steuern beläuft sich das Minus auf rund 3,5 Milliarden Euro.

  • 3. November

    Der Skandal erreicht eine neue Dimension. VW muss - nach weiteren Ermittlungen der US-Behörden - einräumen, dass es auch Unregelmäßigkeiten beim Kohlendioxid-Ausstoß (CO2) gibt. Rund 800.000 Fahrzeuge könnten betroffen sein. Die VW-Aktie geht erneut auf Talfahrt.

  • 20. November

    Der Diesel-Skandal in den USA weitet sich aus. Erneut. Es seien mehr Drei-Liter-Diesel der Marken Volkswagen und Audi betroffen, als bislang angenommen, erklärt die US-Umweltbehörde EPA. Die Autobauer bestreiten dies zunächst. Wenige Tage später, am 24. November, müssen sie allerdings  einräumen, ein sogenanntes „Defeat Device“ nicht offengelegt zu haben. Die Software gilt in den USA als illegal.

    Die Auswirkungen des Skandal zwingen VW zudem zum Sparen: VW fährt die Investitionen für das kommende Jahr runter. 2016 sollen die Sachinvestitionen um eine Milliarde Euro verringert werden. „Wir fahren in den kommenden Monaten auf Sicht“, sagt VW-Chef Müller. Weitere Ausgaben bleiben auf dem Prüfstand.

  • 24. November

    Neuer Ärger für Volkswagen: Die Staatsanwaltschaft Braunschweig ermittelt nun auch wegen mögliche Steuerhinterziehung im Zusammenhang mit falschen CO2-Angaben. Die könnten dazu geführt haben, dass zu wenig Kfz-Steuer gezahlt wurde.

  • 25. November

    Zumindest etwas Positives für die Wolfsburger: Zur Nachrüstung der millionenfach manipulierten Dieselmotoren mit 1,6 Litern Hubraum in Europa reicht nach Angaben von Volkswagen ein zusätzliches, wenige Euro teures Bauteil aus. Bei den 2,0-Liter-Motoren genügt ein Software-Update. Das Kraftfahrtbundesamt genehmigt die Maßnahmen. Auch wenn VW keine Angaben zu den Kosten macht – es hätte schlimmer kommen können.

Frei von Kritik ist die Pötschs Wahl nicht, die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) forderte unter anderem wegen Pötschs bisheriger Rolle in dem Skandal einen externen Kandidaten. Auch der Medienmanagement-Professor Thomas Breyer-Mayländer von der Hochschule Offenburg sieht den neuen Aufsichtsratsvorsitzenden als „die schwächste Personalie bei VW“. „Ich bin nicht davon überzeugt, dass im Aufsichtsrat mit Herrn Pötsch die endgültige Lösung gefunden ist“, sagt Breyer-Mayländer. „Einem amerikanischen Gericht zu erklären, warum die Person, die die Öffentlichkeit und Aktionäre über Wochen nicht informiert hat, jetzt die Aufklärung kontrollieren soll, wird – freundlich formuliert – eine spannende Aufgabe.“

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