VW-Abgasaffäre: Dieselgate könnte zum Konjunkturmotor werden

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VW-Abgasaffäre: Dieselgate könnte zum Konjunkturmotor werden

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Aus der VW-Abgasaffäre könnte ein Konjunkturprogramm erwachsen.

von Franz W. Rother

Für Autozulieferer, Rechtsanwälte, Werkstätten und Prüforganisationen lohnt sich der VW-Skandal. Dank der Abgas-Affäre erwarten sie nun Zusatzgeschäfte. Aus dem Skandal könnte ein Konjunkturprogramm entstehen.

Aus der VW-Abgasaffäre könnte ein milliardenschweres Konjunkturprogramm erwachsen. Es beflügelt die Geschäfte von Rechtsanwälten und füllt über Steuernachzahlungen die Kasse von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble. Es verschafft Entwicklungsdienstleistern ebenso Zusatzeinnahmen wie einigen Autozulieferern, die dem Autokonzern nun neue Oxidations-Katalysatoren und Strömungsgleichrichter liefern sollen -möglichst schnell und deshalb ohne die sonst üblichen harten Preisverhandlungen. Es sorgt obendrein in den kommenden zwölf Monaten für eine Vollauslastung der Autowerkstätten von VW und Audi, aber auch von Seat, Skoda und Porsche. Den Lieferanten von Prüfständen und Hersteller von Sensoren sowie Analysegeräten für mobile Messungen der Schadstoffemissionen stehen Großaufträge ins Haus.

Und auch die Perspektiven für die Prüforganisationen und Technischen Dienste sind goldig. Denn ihre Forderung, die Emissionstests für die Zulassung neuer Fahrzeugtypen und auch die regelmäßigen Abgasuntersuchungen auf eine neue Basis zu stellen, finden inzwischen im Bundesverkehrsministerium auf Gehör. „Am Ende erwarten wir mehr Geschäft auch für unser Unternehmen“, sagt Dekra-Chef Stefan Kölbl. Schon seit längerem dränge sein Unternehmen auf eine Weiterentwicklung der Abgasprüfungen mit neuen Messmethoden: "Es gibt hier definitiv dringenden Handlungsbedarf."

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Statt der Hersteller sollen unabhängige Prüfer testen

Der Dekra-Chef verwies darauf, dass unter den bisherigen, vom Gesetzgeber definierten Bedingungen Tricksereien nicht zu erkennen gewesen, da die Software zur Motorsteuerung von den Fahrzeughersteller als Betriebsgeheimnis betrachtet und den Prüfern nicht offengelegt werde. Zudem müssten die Bedingungen für die Abgastests "realitätsnäher" und um eine Prüfung auf der Straße ergänzt werden. Kölbl: "Damit erübrigen sich dann alle Tricksereien."

Die Abgas-Tests in Deutschland und Europa

  • Die Vorgaben in Deutschland

    Neue Modelle werden in Deutschland und der EU nach dem Modifizierten Neuen Fahrzyklus (MNEFZ) getestet. Die Tests laufen unter Laborbedingungen, das heißt auf einem Prüfstand mit Rollen. Dies soll die Ergebnisse vergleichbar machen. Der Test dauert etwa 20 Minuten und simuliert verschiedene Fahrsituationen wie Kaltstart, Beschleunigung oder Autobahn-Geschwindigkeiten.

  • Wer testet?

    Getestet wird von Organisationen wie dem TÜV oder der DEKRA unter Beteiligung des Kraftfahrt-Bundesamtes (KBA). Dieses untersteht wiederum dem Verkehrsministerium.

  • Kritik an Prüfung

    Die Prüfungen der neuen Modelle werden von ADAC und Umweltverbänden seit längerem als unrealistisch kritisiert. So kann etwa die Batterie beim Test entladen werden und muss nicht - mit entsprechendem Sprit-Verbrauch - wieder auf alten Stand gebracht werden. Der Reifendruck kann erhöht und die Spureinstellungen der Räder verändert werden. Vermutet wird, dass etwa der Spritverbrauch im Alltag so häufig um rund ein Fünftel höher ist als im Test.

  • Weitere Prüfungen

    Neben den Tests für neue Modelle gibt es laut ADAC zwei weitere Prüfvorgänge, die allerdings weitgehend in der Hand der Unternehmen selbst sind. So werde nach einigen Jahren der Test bei den Modellen wiederholt, um zu sehen, ob die Fahrzeuge noch so montiert werden, dass sie den bisherigen Angaben entsprechen, sagte ADAC-Experte Axel Knöfel. Zudem machten die Unternehmen auch Prüfungen von Gebrauchtwagen, sogenannte In-Use-Compliance. Die Tests liefen wieder unter den genannten Laborbedingungen. Die Ergebnisse würdem dann dem KBA mitgeteilt. Zur Kontrolle hatte dies der ADAC bei Autos bis 2012 auch selbst noch im Auftrag des Umweltbundesamtes gemacht, bis das Projekt eingestellt wurde. In Europa würden lediglich in Schweden von staatlicher Seite noch Gebrauchtwagen geprüft, sagte Knöfel.

  • Geplante neue Prüfmethode

    Die EU hat auf die Kritik am bisherigen Verfahren reagiert und will ab 2017 ein neues, realistischeres Prüfszenario etablieren. Damit sollen auch wirklicher Verbrauch und Schadstoffausstoß gemessen werden ("Real Driving Emissions" - RDE). Strittig ist, inwiefern dafür die bisherigen Abgas-Höchstwerte angehoben werden, die sich noch auf den Rollen-Prüfstand beziehen.

Hinzu komme, dass die Abgasmessungen für die Typgenehmigung heute überwiegend auf den Prüfständen auf den Prüfständen der Fahrzeughersteller durchgeführt werden. Auch die so genannten "Conformity-of-Production-Prüfungen" (CoP), bei denen stichprobenartig die Werte von Autos aus der Serienproduktion mit den Werten aus der Typgenehmigung abgeglichen werden, sollten künftig nicht mehr von den Fahrzeugherstellern selbst, sondern von unabhängigen Sachverständigen vorgenommen werden.

Reform der ASU gefordert

Kölbl plädierte zudem für eine Reform der Abgasuntersuchungen, die alle zwei Jahre im Rahmen der periodischen Fahrzeugkontrolle durchgeführt werden - in Deutschland rund neun Millionen durch die Sachverständigen der Dekra. Seit 2010 wird hier meist nur noch der Bordcomputer ausgelesen, um festzustellen, ob die Abgasreinigung ordnungsgemäß funktioniert. Eine Messung der Schadstoffwerte am Auspuffrohr findet nur noch statt, wenn Fehlermeldungen vorliegen. „Wir haben nur noch unseren Stecker an den Bordcomputer anschließen dürfen, der dann die Werte ausspuckt. Wie sie zustande kommen, erschließt sich uns heute nicht." Das sei ein "systemischer Fehler".

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Der Dekra-Chef macht sich deshalb dafür, die Endrohrmessung wieder zum Regelverfahren zu machen. Zudem müsste der Gesetzgeber dann weitere Schadstoffe in die Abgasuntersuchung einbeziehen. Kölbl: "Stickoxide kommen bei der AU in Deutschland bisher ebenso wenig vor wie das Thema Rußpartikel bei direkteinspritzenden Benzinern."

Das alles macht die Prüfungen natürlich aufwändiger und entsprechend teurer. Um wie viel, steht noch nicht fest. Erste Schätzungen, wonach der Preis für die Hauptuntersuchungen um knapp 20 Euro steigen könnte, halten die Experten der Dekra für zu hoch. Realistischer sei eine Preiserhöhung um "einige wenige Euro" - so Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt den Empfehlungen der Prüforganisation folgt. Erste Gespräche in Berlin laufen bereits. Kölbl spricht von "guten Gesprächen" - der VW-Abgasskandal habe einiges in Bewegung gebracht.

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